Unser Experte ist Launologe - ja, das gibt's wirklich.

Jedenfalls nennt sich der Psychologe Helmut Fuchs so. Im Interview erklärt er uns, warum gute Laune das Leben erleichtert, wie wir uns vor Negaholikern schützen können und welche Strategien helfen, die Stimmung langfristig zu verbessern.

NOIZZ: Herr Fuchs, was macht ein Launologe?

Helmut Fuchs: Der Launologe ist ein Stimmungswissenschaftler. Als Launologen führen wir an unserem WIFAL-Institut in Berlin gemeinsam mit Hochschulen empirische Studien durch und entwickeln Instrumente, wie zum Beispiel Stimmungsanalysen, um die Stimmung von Menschen zu messen und zu verbessern. Launologie als Wissenschaft könnte durchaus einmal eine akzeptierte Teildisziplin der Psychologie werden. Es gibt ja bereits die Gelotologie, die Lachforschung, die Happyologie, die Glücksforschung, und Launologie ergänzt als Stimmungsforschung den Ansatz der positiven Psychologie.

Psychologe und Autor Helmut Fuchs ist Gründer der "Launologie"

Wie kommt man dazu, Launologe zu werden?

Fuchs: Als Psychotherapeut und als Cheftrainer der TAM-Akademie habe ich mich schon seit über 40 Jahren mit dem Thema „effektives Lernen und Veränderung“ beschäftigt. Die Erkenntnisse der Neurowissenschaft, dass gute Stimmung wichtig für erfolgreiches Lernen und Begeisterung wichtig für neuronale Verknüpfung ist, führte dazu, dass ich mich gefragt habe: Was ist eigentlich gute Stimmung? Und wie unterscheidet sich Stimmung von Emotionen?

Der Begriff Launologie ist von uns erfunden, um den ganzen Bereich, mit dem wir uns beschäftigen, marketingtechnisch interessant zu machen. Die Launologie ist aber keine Verlängerung der rheinländischen Karnevalszeit, das überhaupt nicht. Es geht um eine heitere und gelassene Lebensgrundhaltung!

Das klingt, als sei gute Stimmung keine Befindlichkeit, sondern Einstellungssache?

Fuchs: Ja auch! Unsere Stimmung hängt definitiv viel von der inneren Haltung und von Verhaltens- und Denkgewohnheiten ab. Auch von der Körperhaltung: Wenn du deinem Gegenüber offen, fröhlich und mit einem Lächeln begegnest, erzeugt das positive Stimmung beim ihm, aber auch bei dir selbst. Studien aus dem Bereich der Neuro-Kommunikation zeigen, dass auch bestimmte Worte eine hormonelle Konsequenz haben können. Negative Worte programmieren dich in eine negative Stimmung, positive Worte in eine positive Stimmung.

Können wir also lernen unsere Stimmung zu managen?

Fuchs: Unbedingt! So wie du lernen kannst, deine Muskeln zu bewegen. In den entsprechenden Grenzen natürlich.

Geben Sie uns doch mal ein paar Tipps für gute Laune!

Fuchs: Wie schon erwähnt: Eine positive Körperhaltung und lächeln! Das sind schon mal zwei ganz wichtige Dinge, die von den Menschen viel zu schnell bagatellisiert werden. Auch Wasser trinken verbessert die Stimmung! Mindestens alle zwei Stunden ein Glas. Unsere Zellen benötigen Flüssigkeit, viele Menschen trinken aber erst, wenn sie Durst haben. Das ist viel zu spät.

Auch wichtig: Bewegung! Die meisten Menschen bewegen sich zu wenig und das in zunehmenden Maße. Bewegung führt über alle möglichen Kanäle und fördert den Sauerstoffaustausch und den Abbau von Laktatstoffen, den Abfallprodukten von Muskelanspannungen.

Und – das ist mein Lieblingsthema – Psychohygiene bzw. Seelenhygiene betreiben: Wie rede ich mit mir selbst, wie mit anderen? Wie kann ich Einstellungen korrigieren, zum Beispiel indem ich mir ein emotionales Schutzschild aufbaue, wenn etwas passiert? Viele Menschen neigen zum Katastrophisieren. Viele Dinge sind aber gar nicht so schlimm, wie wir sie empfinden.

Was denn zum Beispiel?

Fuchs: Wenn uns der Zug vor der Nase wegfährt. Das ist schade, aber keine Katastrophe. Man kann den nächsten nehmen. Menschen, die zu sich selbst sagen, der verpasste Zug sei eine Katastrophe, schütten deutlich mehr Stresshormone aus - so als wäre es tatsächlich eine. Und fahren damit auch Ihre Stimmung ungebremst in den Keller.

An ausgewogener, konstruktiver Heiterkeit kann man arbeiten, so der Launologe Fuchs

Lassen sich Einstellungen denn so einfach verändern?

Fuchs: Ja, es braucht allerdings eine gewisse Routine. Wir haben eine Studie durchgeführt, bei der wir Menschen gebeten haben, jeden Abend vor dem Schlafengehen aufzuschreiben, wofür sie an diesem Tag dankbar sind - und zwar über einen Zeitraum von einem Vierteljahr. Am Ende der Studie haben wir festgestellt, dass bei dieser Gruppe die Lebenszufriedenheit signifikant stärker ausgebildet war, als bei der Kontrollgruppe, die das nicht gemacht hat.

Viele Menschen denken morgens automatisch darüber nach, was heute wahrscheinlich wieder Schlimmes passieren wird und welchen Idioten sie treffen werden. Als Mann begegnest du mit diesem Fokus dem ersten Idioten beim Rasieren und dem zweiten im Straßenverkehr. Wenn du dich aber fragst, wem du an diesem Tag eine Freude machen möchtest, triffst du auch den ersten wieder beim Rasieren und den zweiten im Straßenverkehr. Dann nimmt dein Tag eine andere Qualität an.

Schlechte Laune ist aber auch mal in Ordnung oder?

Fuchs: Unbedingt! Die schlechte Laune gehört zum Leben dazu und ist auch wichtig. Der Mensch lebt von der Polarität, in allen Körperbereichen. Das Ausmaß der schlechten Laune ist aber entscheidend. Mit der Strategie der Launologischen Revolution wollen wir ja nicht erreichen, dass wir permanent gute Laune haben, wir wollen Negaholiker und Gefühlsterroristen an die Kette legen, denn die gibt es zuhauf. Denen die Möglichkeit zu bieten, dass es besser wird -  das ist die Herausforderung. Das Ziel der Launologie ist die ausgewogene, konstruktive und gelassene Heiterkeit, die auch akzeptiert, dass es schlechte Tage gibt.

Den Deutschen sagt man ja einen ausgeprägten Hang zur schlechten Laune nach. Ist da was dran?

Fuchs: Die Deutschen lachen definitiv zu wenig. Studien haben gezeigt, dass ein Viertel der Deutschen nur zwischen null und fünf Mal am Tag lacht. Kinder lachen hingegen bis zu 400 Mal am Tag.

Was die Studien auch zeigen: 70 Prozent derjenigen, die noch regelmäßig lachen, lachen meist über andere. Ich nenne das die „Dark Triade der Launologie“ , die dunklen Seiten des Humors - Zynismus, Sarkasmus und Ironie. Da sind die Deutschen stark. Aber das ist verbale Gewalt und hat mit Humor nichts zu tun.

Wie können wir uns denn vor „Negaholikern“ und „Gefühlsterroristen“ schützen?

Fuchs: Aus dem Weg gehen und lächeln bzw. wenn möglich sie aus deinem Umfeld entfernen. Denn schlechte Laune ist ansteckend! Wenn du schlecht gelaunten Menschen nicht aus dem Weg gehen kannst, hilft nur die alte psychologische Weisheit: Wenn du die Umstände nicht ändern kannst, musst du die Einstellung zu den Umständen ändern. Dann solltest du dir sagen: Schade, dass der Andere so schlecht drauf ist, er macht sich das Leben unnötig schwer. Dann möchte ich eben nicht so viel mit ihm zu tun haben.

Warum ist gute Stimmung so wichtig?

Fuchs: Immer mehr Menschen kommen mit dem Leben nicht mehr zurecht – jährlich gibt es über zehn Millionen Burn-Out-Fälle in Deutschland. Das sind Menschen, die emotional an ihre Grenzen stoßen. Das hat etwas damit zu tun, dass sie nicht über die notwendige emotionale Kompetenz verfügen.

Die Rituale, die wir bräuchten um emotional stabil zu sein, gibt es heutzutage nicht mehr. Der moderne Mensch ist ganz stolz darauf, dass er entgrenzt, enttabuisiert und entritualisiert lebt. Dabei haben wir auf dem Weg zur persönlichen Autonomie nur einen ersten Schritt vollzogen. Denn Autonomie bedeutet einerseits „auto“, also selbst und andererseits „Nomos“, die Gesetzgebung. Wir müssen also lernen uns selbst Gesetze zu geben.

Diese zweite Stufe der Befreiung ist bei uns nicht angekommen. Sie ist ökonomisch bewusst verschüttet worden, denn wir leben in einem Gesellschaftssystem, das von seinen Missständen profitiert: Ärzte, die Pharmaindustrie und die Konsumindustrie leben davon, dass wir nicht mit unseren Stimmungen umgehen können.

Und da kommen Sie ins Spiel?

Fuchs: Bei meinen Vorträgen frage ich immer, wer sich morgens die Zähne geputzt hat und alle heben die Hand. Aber niemand hat sich ein paar Minuten Zeit genommen, um sich mental auf den Tag vorzubereiten. Deswegen habe ich den Slogan geprägt „dental schlägt mental“. Die Zähne sind uns extrem wichtig, aber sich morgens einfach mal zu fragen, worauf ich mich freue, worauf ich stolz bin und wem ich eine Freude bereiten möchte, machen die wenigsten.

Das sind Mechanismen die verloren gegangen sind – dabei sind sie so einfach! Statt – wie viele Deutsche – zu sagen „Der lächelt nicht, dann lächele ich auch nicht“ sollte man sich sagen „Ich schenke mein Lächeln dem, der keines mehr hat. Denn der braucht es am dringendsten.“ Wir müssen Menschen da hinführen, dass sie diese einfachen, umsetzbaren Mechanismen wieder in ihr Leben integrieren.

  • Quelle:
  • Noizz.de