Warum das Gehate gegen das Rap-Video der Berliner Polizei völlig überflüssig ist

Genna-Luisa Thiele

Popkultur, Psycho
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Wie die Polizei es auch macht – Kritik und Häme gibt's immer.

Der Abschnitt 36 im Bezirk Wedding Ost gehört zu den kriminellsten der Haupstadt – mit den meisten Einsätzen pro Quadratmeter. Beamte, die hier im Einsatz sind, kämpfen gegen Raub, Einbruch, Drogenhandel. Immer wieder überlegen sich die Kollegen Konzepte, um den Kiez sicherer zu machen.

Dazu gehören auch ungewöhnliche Versuche: Die zuständigen Kollegen der Berliner Polizei haben jetzt zusammen mit dem Verein „Kiezbezogener Netzwerkaufbau KbNa e.V.“ einen Song produziert.

Das Motto ist auch der Titel: „Füreinander da“

Damit wollen die Gesetzeshüter ein Zeichen gegen Rassismus setzen, außerdem Ängste und Vorurteile gegenüber der Polizei abbauen – aber auch gegenüber Migranten und dem „Problemkiez“ rund um den S- und U-Bahnhof Gesundbrunnen.

Die Polizei rappt, Anwohner aus dem Soldiner Kiez sind Seite an Seite mit den Polizisten zu sehen – beim Fußballspielen, beim Battle, beim Kiez-Fest. Friede, Freude, Feierstimmung.

Der Soldiner Kiez ist aber auch ein sozialer Brennpunkt

Deshalb sind der Abschnitt 36 und das ehrenamtliche Projekt seit 2011 auch Kooperationspartner.

Diese Kooperation hatte jetzt ihren musikalischen Höhepunkt – oder Tiefpunkt, zumindest wenn es nach der Kommentarspalte auf Youtube geht. „Deutschland hat fertig“ und „Sorry, aber die Polizei sollte sich neutral verhalten und nicht als Medienstars für Migrationspolitik dienen“ heißt es da etwa. Zahlreiche fremdenfeindliche Kommentare sammeln sich unter dem Musikvideo, das die Polizei auf ihrem offiziellen Account geteilt hat.

Tja, genau gegen solche Gesinnung wollen die Schutzbefohlenen ein Zeichen setzen. Und das sind keine leeren Versprechen – die langjährige Arbeit mit dem Projekt vor Ort zeigt den bemühten Einsatz.

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Kritisiert wurde auch der Produzent Tahsin Özkan, weil er in der Vergangenheit ein Video vom Franfurter Rapper SadiQ produzierte hatte, das das Attentat auf die Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ verherrlicht. Der Produzent entschuldigte sich, die Polizei distanzierte sich von jeglichen gewaltverherrlichenden, menschenverachtenden Texten.

Weitere Kritik gab's wegen der Repräsentation. „Peinlich“ sei das Video, „nicht ernstzunehmend“ das Verhalten, „Respekt verloren“. Natürlich passt das nicht hundertprozentig zusammen – Polizist UND „Homie“ sein, wie ein Beamter mit Sonnenbrille rappt.

Alles ein bisschen kitschig, löst irgendwie Fremdscham aus und ist ähnlich ungewohnt, wie wenn der sonst so steife Deutschlehrer in einer Unterrichts-Stunde plötzlich Gangsta-Rap statt Gedichte interpretiert.

Aber andererseits: Es ist cool, dass sich die Polizei Gedanken macht, wie sie Jugendliche und Heranwachsende im Kiez errreichen können. Dass sich die Beamten damit beschäftigt haben, womit sich Heranwachsende beschäftigen.

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Rap ist bekanntlich prägend für Deutschland, schafft es von der Straße in die Charts, in den Mainstream – Rapper spielen sogar in Serien mit. Dabei aber immer noch meistens nur die kriminellen Rollen. Die Polizei hat Rap jetzt mal für ihre Message benutzt, nämlich um zu zeigen, dass sie niemanden verurteilen, der auf der Straße abhängt.

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Klar, die Lines sind eher weichgespült und können sich nicht mit Kollegah, Capital Bra oder Hafti messen. Aber wenigstens die Leute, die in dem Video mitgespielt, mitgesungen, mitgerappt haben, dürften jetzt ein bisschen mehr Vertrauen in die Polizei haben, die so ein bisschen nahbahrer und menschlicher wirkt.

Und: Was verbindet denn mehr, als sich gemeinsam zu blamieren?

Quelle: Noizz.de