Emanzipation geht anders!

Nun, zugegebenermaßen ist der Pirelli-Kalender nicht gerade Aushängeschild für Emanzipation und Feminismus. Dennoch schien man im Hause Pirelli in den vergangenen Jahren alles daran zu setzen, sich vom reinen Male-Gaze-Image zu lösen und ein zeitgemäßes Frauenbild zu porträtieren.

Und tatsächlich wurden in den vergangenen drei Ausgaben Frauen nicht nur als (Sex-)Objekte dargestellt, sondern als gleichberechtigte Personen, die über ihr eigenes Schicksal bestimmen. Die aktuell präsentierte Ausgabe von Albert Watson macht all diese Errungenschaften der vergangenen Jahre wieder zunichte – so nett sich das von ihm gewählte Thema „Träume “ auch liest.

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Aber der Reihe nach. Es war Annie Leibovitz, eine der wenigen weiblichen Fotografen in der 54-jährigen Kalendergeschichte, die es 2016 erstmals schaffte, weibliche Größen wie Yoko Ono, Patti Smith und Serena Williams in ihrer natürlichen Schönheit zu porträtieren. Man könnte es auch als „female gaze“ bezeichnen, einen weiblichen Blick auf Frauen, der losgelöst ist von bloßer Sexualisierung. Vor allem jedoch schaffte sie es, die porträtierten Frauen als Subjekte darzustellen, gleichberechtigt zu der Person hinter der Kamera.

Die mediale Resonanz auf Leibovitz’ Ausgabe war riesig. Es galt als Novum für den Kalender, den man sonst eher mit Bildern nach der Helmut-Newton-Schule, in Hochglanz-Stil und mit Boxenluder-Thematik, assoziierte. Medien wie „Harpers Bazaar“ sprachen gar von dem „Beginn einer neuen Ära“.

Wohl auch aufgrund des großen positiven Feedbacks führte Peter Lindbergh ein Jahr später den Trend fort. Für die Ausgabe des Jahres 2017 setzte er Hollywoodgrößen wie Nicole Kidman und Helen Mirren in schlichter Schwarz-Weiß-Optik in Szene. Kaum Make-up, kaum Retusche und wenig nackte Haut – dennoch sinnlich und im wahrsten Sinne des Wortes „schön“.

Die Ausgabe von 2018 hingegen erfuhr wenig mediale Beachtung, obschon sie mit gewohnt namhaften Akteuren aufwarten konnte. Unter Anderem Whoopi Goldberg, Puff Daddy und Lil Yachty beteiligten sich an einer fast schon genderfluiden Interpretation des Themas „Alice im Wunderland“. Mit breit ausstaffierten Bühnenbildern und opulenter Maskerade demonstrierte Fotograf Tim Walker, dass eine zeitgemäße Fotografie auch übertrieben und bunt daherkommen kann. Sie muss nicht seriös sein, sie muss nicht auf Make-up verzichten – sie kann sogar Nacktheit und Sexualität darstellen, solange sie niemanden zum Objekt degradiert.

Doch offensichtlich reicht es jetzt auch wieder mit Diversität und Einfluss der Frau, es reicht mit der Loslösung von Gender-Klischees und einer Fotografie auf Augenhöhe. Stattdessen bedient sich der Kalender für das Jahr 2019 stereotyp weiblicher Attribute: Schutzbedürftigkeit, Fragilität, latente Trauer und allen voran, das Oberthema „Träume“. Vermarktet wird das Ganze unter dem Deckmantel einer angeblichen „Stärke“. Denn Fotograf Albert Watson hat sich für jede der inszenierten Models eine eigene Geschichte erdacht.

Doch wie „stark“ lesen sich Storys über traurige Geschäftsfrauen und erfolglose Tänzerinnen?

Wir haben hier also zum Beispiel Gigi Hadid in der Rolle einer unglücklichen Karrierefrau. Mit Rehaugen blickt sie nur mit Negligé bekleidet in ein Aquarium. Laut Storyline ist sie trotz des ganzen Erfolgs nämlich unzufrieden. Geborgenheit findet sie einzig und allein bei, ja, natürlich, einem Mann, dargestellt von Alexander Wang. Denn: Was wäre auch die erfolgreichste Geschäftsfrau der Welt ohne eine starke männliche Schulter zum Anlehnen?

Eine andere verlorene Seele verkörpert Julia Garner, die im Kalender von einer Karriere als Modefotografin träumt. Ja, da steht sie traurig im botanischen Garten und wäre gerne erfolgreich. Leider wird das so schnell nichts werden, denn die Plätze sind noch eine ganze Weile lang von weißen Männern besetzt, die sich krude Geschichten über erfolgreiche Schauspielerinnen und Supermodels ausdenken.

Last but not least Laetitia Casta, die eine erfolglose Kunstmalerin darstellt, die mit ihrem Freund, einem erfolglosen Tänzer, zusammenlebt. Sie teilen ihr Schicksal mit Misty Copland, deren Leidenschaft in ihrer Rolle ebenfalls dem Tanzen gilt. Statt großer Karriere auf der Bühne muss sie ihr Einkommen im Strip-Club verdienen, was gut passt, weil es dann auch keiner Erklärung mehr bedarf, wenn man auf den Bildern ihre Nippel sieht.

Und hier liegt auch das große Missverständnis, das offensichtlich die Macher des Kalenders auch im Jahr 2019 nicht verstanden haben: Das Problem liegt nicht darin, Sex, Nacktheit oder Erotik darzustellen. Das Problem ist, Frauen zu Objekten zu degradieren, die nicht in der Lage sind, über ihr eigenes Schicksal zu bestimmen.

Natürlich bringt der Modelberuf ein gewisses Maß an Unterordnung mit sich. Doch gerade nach #MeToo gilt es doch, ein ungesundes Machtverhältnis zwischen Regisseuren und Schauspielern, Fotografen und Models zu durchbrechen.

Mag sein, dass die Kalender vor 2015 Frauen übertrieben sexualisiert präsentiert haben. Dennoch zeigten viele dieser Bilder selbstbewusste Posen, eine gewisse Haltung und mitunter Macht.

Der Pirelli Kalender von 2019 demonstriert nichts als Trauer und Frauen in aussichtslosen Positionen. Das letzte Stück Selbstbestimmung hat Albert Watson den Protagonisten entzogen, was besonders tragisch ist, da er es wahrscheinlich nur gut gemeint hat.

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Quelle: Noizz.de