Hier sind alle Verlierer: ob auf oder vor dem Bildschirm.

Die Beschäftigung mit der Liebe ist so alt wie die jungfräulichen emotionalen Regungen im Herzen früh pubertierender Teenies. Sobald der erste Hormonstrudel losgetreten ist, interessiert auch der mögliche Partner oder Partnerin. Vorzugsweise für gegenseitige Körpererkundungen.

Warum hier dieser Impuls ungelenken Aufklärungsunterrichts? Weil die Liebe damals noch unschuldig war. Damals, als man in der Schulklasse noch das hübscheste Mädchen oder den coolsten Jungen anhimmelte und sich sicher war, dass man nie wieder so starke Gefühle einer anderen Person gegenüber würde aufbringen können.

Dann wird man erwachsen – und muss damit klarkommen, dass das mit den großen Gefühlen erstens viel komplizierter ist, als in sämtlichen Disney-Filmen vorgegaukelt und dass dieses Konzept „Liebe“ vor allem ein riesengroßer, Geld bringender Witz zu sein scheint. Zumindest, wenn man sich durchs Privatfernsehen zappt. Da wird man nämlich bombardiert mit Dating-Shows aller Art.

Immer derselbe Nenner, immer dasselbe Grauen

Egal, ob man sich beim „Bachelor“ oder „Adam sucht Eva“ verirrt – manche Dinge sind immer gleich: Es wird steif und fest behauptet, dass es darum geht, irgendjemandem zur großen Liebe zu verhelfen. Neben politischen Statements ist diese „Wahrheit“ wohl eine der größten Kollektivlügen unserer Gesellschaft. Denn eigentlich wissen alle Beteiligten, dass diese Shows Influencer-Karrieresprungbretter für Fitnesstrainer, Versicherungsmakler und beruflich Unentschlossene sind – und natürlich existieren, um Futter für weitere Resterampen-Sendungen wie Kochshows oder dem Dschungelcamp zu liefern. Auch immer ungefragt dabei: Das extrem hohe Maß an Fremdschämmomenten.

Dafür werfen Mitarbeitende in den Produktionsfirmen so richtig ihre grauen Zellen an. Wir haben die redaktionellen Think-Tanks direkt vor unserem inneren Auge: Ein kahler Raum, angestrengte Gesichter und Mind-Maps an den Wänden. Allgegenwärtig ist die Frage, die alle beschäftigt: Wie schaffen wir es, noch absurdere Settings zu schaffen, um Personen aufeinander loszulassen, die sonst nichts Besseres mit ihrem Leben vor haben, um dabei möglichst viele Abgründe menschlichen Verhaltens auf die Kamera zu bekommen?

Glänzendes Beispiel ist „Naked Attraction“

Hier wird die große Liebe anhand von Körperteilen ausgesucht. Oberflächlichkeit wird direkt auf eine ganz neue Ebene gehoben: Das Aussehen zählt – aber nur selektiv. In der ersten Runde darf sich je ein Liebessuchender seine Kandidaten untenrum ansehen. Zusammen mit der Moderatorin wird dann von Penis zu Penis oder Vagina zu Vagina ein Urteil abgegeben und danach die Kandidaten ausgewählt.

Ja – das klingt, wie der feuchte Traum eines bösartigen Wissenschaftlers, der mit seinen menschlichen Versuchsobjekten einen Tag lang machen kann, was er will! Dabei ist es nur die bunte Wundertüte abendlicher Unterhaltung auf RTL 2. Hier ein Zitat, dass die Sendung hervorragend zusammenfasst: „Ich find' die Vagina schön lang gezogen“ – Wieder was gelernt: Langgezogenheit bei Vaginas ist das eindeutigste Schönheitskriterium!

Generation „Beziehungsunfähig“? I whish!

„Love Island“ war der Hit des Sommers und liest sich wie interaktives Klaustrophobie-Speeddating: Drei Wochen lang werden die Kandidaten in einer Villa festgehalten und müssen sich hier isoliert und von Kameras beobachtet jemand anderen aus dem braun gebrannten, aufgepumpten und kaum bekleideten Rudel aussuchen. Es kann immer wieder neu verkuppelt werden, ab und zu fliegt einer raus, Zuschauer dürfen via App für den Lieblings-Single voten und die Kandidaten müssen auch noch irgendwelche Challenges durchführen.

Es geht vor allem darum, als Pärchen am Ende die 50.000 Euro Siegergeld abzustauben. Toller Trick für die große Liebe: Ohne Partner hat man keine Chance. Da haben sich die Macher aber wirklich mal was einfallen lassen, um Menschen aufeinander zu zwingen.

Toller Nebeneffekt: Die Intrigen und Eifersüchteleien entstehen hier ganz wie von selbst – denn jeder muss ja schauen, dass er wen abbekommt. Zusammengeblieben ist in den zwei bisherigen Staffeln leider keiner – dabei sind die erfolgsversprechenden Vorzeichen bei den Knalltüten in der Villa so zahlreich. Vor allem klare Worte werden hier immer und schnell gefunden. Unser Lieblingszitat stammt von Tobias, als er eine Kandidatin bewertet: „Auf einer Gala von eins bis zehn ist sie 'ne 10!“ Aha...

Könnt ihr euch bitte alle wieder anziehen?!

Laut Fernsehsender findet man die große Liebe anscheinend am ehesten betrunken oder nackt. Deshalb werden beim „Bachelor“ oder der „Bachelorette“ die ganze Zeit alle abgefüllt als gäbe es keinen Morgen mehr. Bei „Adam sucht Eva“ hingegen sind die ganze Zeit alle nackt. Promotet wird letztere Sendung mit dem Zusatz, dass es hier halt ehrlich sei: Man kann nichts durch Klamotten beschönigen. Ehrlich gesagt sind die Körper der Kandidatinnen das kleinste Übel: Das Gequatsche und die Dynamik zwischen den FKK-lern ist viel schlimmer – und bedarf Zensur.

Großartig auch: Wer in der aktuellen Staffel als „Promi“ mitmachen darf. Gina-Lisa Lohfink war mal bei „Germany's next Topmodel“ und zeigt sich in der Sendung vor allem als wandelnde Silikon-Sammlung. Die anderen beiden kennt man nicht – außer man schaut gerne noch schlimmere Reality-TV-Formate. Jan Sokolowsky etwa war schon mal bei „Love Island“ am Start – der Arme tut wirklich alles, um endlich die große Liebe zu finden. Uns fällt da eigentlich nur ein Zitat von Ex-DSDS Girl Emilija Mihailova ein:„Halt die Fresse, bevor ich dich über Bord schmeiße.“ Danke und gute Nacht.

Wir haben den Glauben an die Liebe verloren

Am Ende von unzähligen Folgen Dating-Shows zu Recherchezwecken hat man nicht nur seinen Glauben an die Liebe verloren – vor allem der Glaube an gesunden Menschenverstand leidet. Dabei ist es erstaunlich: Anders als in Sendungen wie „Schwiegertochter gesucht“ oder „Schwer verliebt“, bei denen nicht erst seit Jan Böhmermann klar ist, dass die Kandidaten geistig eher von fragwürdigem Zustand sind, nehmen an den hier erwähnten Sendungen scheinbar durchaus smarte oder zumindest einigermaßen geradeaus denkende Menschen teil. Uns drängt sich die Frage auf: Warum will man mit dem gescriptetem Balzverhalten in die TV-Annalen eingehen? Sind die paar Tausend Instagram-Follower mehr der Grund? Möchte man so verzweifelt gerne berühmt werden und weiß einfach schmerzlich real von der eigenen Talentlosigkeit?

Wir töten in Gedanken Amor, schwören darauf, nie wieder beim Privatfernsehen einzuschalten und schauen uns jetzt in Dauerschleife „Aschenputtel“ an – und wehe, es gibt jemals eine Neuauflage von „Cinderella“. Den perfekten Prinzen findet diese nämlich noch anhand der Schuhgröße und nicht nackt auf einem Boot.

Quelle: Noizz.de