Martini en masse, Raclette-Streit und Jogi Löw.

Ach, die Weihnachtszeit. Vier Adventswochen voller Geschenke-Stress, Billo-Glühwein und Xmas-Lieder-Dauerbeschallung – das alles für drei Feiertage, die dann doch schneller vorbei sind, als man „Oh Tannenbaum“ trällern kann. Und trotzdem freuen wir uns in der NOIZZ-Redaktion jedes Jahr wieder auf die besinnliche Zeit – auch wenn die oft gar nicht so besinnlich ausfällt. Ich glaube ja, es liegt an der Beständigkeit, die die Feiertage mit sich bringen. Denn egal, ob Weihnachts-Overload mit Gänsebraten, Kirchengang und gemeinsamen Singen oder desaströs endendem Familienstreit – keine Zeit des Jahres ist so sehr von (guten oder schlechten) Ritualen geprägt, wie die letzten Dezembertage. Und ob man sich dabei an klassische Weihnachtstraditionen hält oder seine eigenen Traditionen aufbaut: Tief in unseren Gewohnheitstier-Herzen sind es doch genau diese Abläufe, die die Weihnachtszeit für jeden Einzelnen bedeutungsvoll machen, auf die wir uns freuen oder an die wir schmunzelnd zurück denken. Welche das in der NOIZZ-Redaktion sind, habe ich hier zusammengetragen:

Meine Weihnachtstradition: Der Weihnachtsbaum darf nur unter Einfluss von Martini geschmückt werden!

Für mich, aufgewachsen in einer Patchwork-Familie (die sich mittlerweile über vier Städte und mehreren hundert Kilometern Entfernung zieht), stellt sich jedes Jahr die gleiche Frage: "Mit wem feierst du Weihnachten?" Wenn ich ehrlich zu mir bin, ist es eine echt dämliche, dafür umso schönere Tradition zwischen meiner Mam und mir, die dazu beiträgt, dass ich den 24. Dezember am liebsten in meiner Heimatstadt verbringe. Mein Stiefvater stellt den Weihnachtsbaum auf und befestigt, zusammen mit meinem kleinen Bruder, die Lichterketten. „Männerarbeit“ nennen wir es augenrollend, während wir schon in den Startlöchern stehen, um – die in unseren Augen – höchst wichtige, vielleicht wichtigste Aufgabe des Jahres zu übernehmen: Das Schmücken des Baumes. Dafür wird (zum ersten und einzigen Mal in unserem atheistischen Grinch-Haushalt) die klassische Kirchen-Weihnachtsmusik aufgedreht und der kaltgestellte Martini (Extra Dry!) geöffnet. Denn der 007-Drink spielt die Hauptrolle unserer Schmück-Mission, die sich schon mal über mehrere Stunden ziehen kann. Schließlich muss die richtige Position und Farbe jeder einzelnen Kugel ausdiskutiert werden – das wir bisher noch nicht auf die Idee gekommen sind, einen Weihnachtsbaum-Plan zu zeichnen, ist schon alles. Am Ende sieht er dann meist doch recht minimalistisch aus – was eventuell auch am Martini liegenden Schwund der Weihnachtsbaumkugeln liegt ... die fallen aber auch schnell runter!

NOIZZ-Redakteur Ivo führt dagegen jedes Jahr das gleiche Telefonat:

„Meine Familie und ich bestellen uns jedes Weihnachtsfest eine glückliche Gans von einem Bauernhof in NRW. Und damit wir auf der Zielgeraden nicht leer ausgehen, reserviere ich die Gans während der Adventszeit und führe dabei mit der Dame vom Hof JEDES Jahr das gleiche Telefongespräch. Sie will wissen, wie schwer die Gans sein soll. Ich habe natürlich keine Ahnung. Sie fragt, wie viele Menschen am Tisch sitzen. Ich sage, ich kann es noch nicht genau abschätzen. Am Ende einigen wir uns immer auf eine „schöne, große“ Gans, was auch immer das genau sein soll. Ich weiß nicht, wie viele Kunden sich eine „kleine, sportliche“ Gans wünschen, aber „schön und groß“ klingt für mich genau richtig.“

Werkstudentin Luisa und ihr Dad haben eine ganz besondere Vater-Tochter-Tradition:

„Ich höre mir jedes Jahr mit meinem Dad „Das Weihnachtsgeheimnis“ von Jostein Gaarder an. Ganz wichtig dabei: Das Hörbuch ist in 24 Kapitel unterteilt, das heißt, jeden Tag dürfen wir nur ein Kapitel hören. Und WEHE jemand hält sich nicht daran! Das Traurige: In den letzten paar Jahren wurde es immer schwieriger, das Ritual 24 Tage lang durchzuführen, sodass es in einem stundenlangen Binge-Hearing am 23. Dezember ausartet, um alle Tage aufzuholen. Das steht auch dieses Jahr noch an.“

„Wie warmes Maoam mit Nudeln“ schmeckte Weihnachten Jahr für Jahr bei NOIZZ-Redakteurin Silvia – bis sie und ihre Schwester das polnische Traditionsgericht ihrer Mutter kurzerhand abschafften:

So lange ich denken kann, gab es bei uns jedes Jahr dasselbe zum Abendessen. Und so sehr ich mich auch jedes Jahr auf Weihnachten freute – das Dinner war eher etwas, dass ich über mich ergehen ließ. Meine Mutter, eigentlich eine tolle Köchin, hielt sich beim Zubereiten des Weihnachtsessens stets an die Tradition der polnischen Küche. Ihre Mutter hatte schon Karpfen und mit Sauerkraut gefüllte Teigtaschen gemacht, also machte sie es genauso. Diese beiden Gerichte waren aber gar nicht so sehr das Problem. Magenverdrehungen löste vielmehr die alljährliche Vorspeise in mir aus: Obstsuppe. Scheinbar ist dieses Gericht in Teilen Polens eher als Nachspeise bekannt und wird neben dem aufgeweichten Trockenobst mit Lebkuchen, Nüssen, Zimt und Sahne zubereitet. Wie die Version unserer Familie über Generationen überleben konnte und als Vorspeise durchging, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Meine Mutter mischte das aufgeweichte Trockenobst mit Sahne und selbstgemachten Nudeln. Danach war man nicht nur pappsatt sondern auch mit Übelkeit gesegnet. Schwammige Brocken Dörrapfel neben dicken Nudelstücken – kein Wunder, dass ich immer schon vor dem Essen auf die Bescherung pochte. Seit Jahren übernehmen meine Schwester und ich die Zubereitung des Weihnachtsessens. Auf die unsägliche Obstsuppe angesprochen meinte meine Mutter kürzlich, dass das Gericht halt irgendwie zu Weihnachten dazugehöre. „Gemocht habe ich das aber auch nie!“

Chefredakteur Manuel hat eine musikalische Adventstradition, die sich zum Leidwesen seiner Freundin über mehrere Wochen zieht:

„Ich persönlich habe nur eine einzige Weihnachtstradition, und die beginnt schon am Ersten Advent: Da höre ich zum ersten Mal im Jahr das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. „Jauchzet, frohlocket!“, schallt es dann lautstark vier Sonntage lang durch meine Wohnung, und zum Leidwesen meiner Freundin singe ich meine Lieblings-Arien, -Chöre und -Chorale genauso inbrünstig wie eigenwillig mit. Übrigens – und das versuche ich, so gut es geht vor Bach zu verheimlichen – gehe ich adventsmusikalisch immer öfter fremd. Dieses Jahr habe ich auch mal Schütz und Buxtehude gehört. Und in einem schwachen Moment Gregory Porters weihnachtliches Jazzalbum „Nat ,King’ Cole & Me” – nicht altertümelnd auf CD, sondern ganz unfeierlich auf Spotify.“

Auch bei NOIZZ-Mitarbeiter Till geht es musikalisch zu:

„Ich hab’ das eigentlich immer für total normal gehalten, aber ist es scheinbar nicht: In meiner Familie wird vor der Bescherung gesungen. Wir spazieren gegen 18:00 aus der Kirche nach Hause, machen dann einen Sekt auf und trällern ein paar Hits – „Stille Nacht“, „Leise rieselt der Schnee“, „Oh, Tannenbaum“ und so, die Klassiker eben. Da wir die meisten Texte ab der zweiten Strophe nicht auswendig wissen, singen wir in den Versen oft einfach „Lalalaa“ und geben dann im Refrain wieder Vollgas. Wenn es mich richtig packt, performe ich in Kopfstimme.“

Bei Produktmanager Shawn wird es wirklich erst an Heiligabend weihnachtlich:

In meiner Familie beginnt die Weihnachtszeit eigentlich erst am 24. Dezember. Selbst den Weihnachtsbaum kaufen wir meistens erst an Heiligabend, weil vorher niemand dazu kommt – und er dann natürlich günstiger ist. Die einzige Ausnahme ist meine Mutter. Sie hängt schon ein bis zwei Wochen vorher ein paar Weihnachtsdekorationen auf, die meine Schwester und ich circa 1996 gebastelt haben. Die Weihnachtskarte der Mund- und Fußmalenden Künstler ist aber jedes Jahr Pflicht!

Redakteurin Lisa kennt dagegen nur ein Ritual an Weihnachten: völlige ENTSPANNUNG.

„In meiner Familie herrscht an den Weihnachtstagen eine einzige, althergebrachte Tradition vor: Jeder kann sich in seiner persönlichen Faulheit so unmoralisch stark entfalten, wie zu keiner anderen Zeit im Jahr. Außer Oma. Oma steht schon drei Tage vor Heiligabend in ihrer Küche, um Braten, Klöße und Co. vorzubereiten. Trotz ihrer 70 Jahre plus (Ja, ich weiß nicht genau, wie alt meine Oma ist) schleppt sie Weihnachten dann einen Haufen befüllter Tupper-Dosen, Gewürze, ihre Lieblings-Sauciere und Geschenke für acht Enkel an. Keine Frage, Hilfe bieten wir alljährlich an. Keine Frage, Oma lehnt alljährlich ab. Der Rest der Familie gibt der Küchengewalt meiner Großmutter irgendwann mit semi-schlechtem Gewissen nach– um sich nach und nach immer tiefer in die Trägheit reinzuentspannen. Mein Stiefvater zum Beispiel. Der wirft sich nach dem Geschenkewahnsinn jedes Jahr zielsicher auf die nächstgelegene Couch. Dort legt er sich dann mit verschränkten Beinen fest und beobachtet den Trubel von seiner sicheren Entspannungs-Warte aus. Oder mich, das älteste Kind der Familie, das auch mit fast 30 an den Weihnachtstagen noch zu den Kindern zählt – und deshalb nichts machen muss, außer: da sein, Geschenke entgegennehmen, das Foodkoma auskosten und ab und zu – wohl wissend, dass es nichts bringen wird – Oma Hilfe anbieten. Faulheit 4-ever.

Stressiger geht es in der Familie unserer NOIZZ-Mitarbeiterin Sabine zu:

Meine Familie ist, was das Weihnachtsessen angeht, ziemlich deutsch. Gut, bei uns kommt zwar kein Kartoffelsalat mit Bockwürsten auf den Tisch. Dafür aber abwechselnd immer ein Jahr Raclette, das darauf Fondue und immer so weiter. Diese „Tradition“ entzweit die Familie in ein Team „Fondue“ und ein Team „Raclette“. Ich bin eindeutig Team Raclette. Was gibt es Besseres als Käse en masse? Du kannst die Uhr danach stellen, am 20., spätestens am 23. Dezember taucht in der Familien-Whatsapp-Gruppe die Frage auf: „Sag mal, hatten wir letztes Jahr nicht Fondue?“ Und so versuchen jedes Jahr beide Lager, seinen Favoriten durchzukriegen. Meistens muss Mama dann schlichten. Wir sollten Buch führen, wirklich.

Großfamilien-Stress? Nicht bei Praktikantin Laura, die kostet die Vorzüge eines Zwei-Personen-Haushalts nämlich ganz deluxe mit ihrer Mutter aus:

Für manch einen sind die Feiertage mehr Stress als Erholung. Nur für mich nicht. Ich wache erst auf, wenn mein kleiner Hund unter der Bettdecke hervor krabbelt. Dann wird die Weihnachtsmusik laut aufgedreht und sich schick gemacht. Wie jedes Jahr fahren meine Mutter und ich in die Stadt und frühstücken in einem Freiburger Café. Wir trinken Sekt und beobachten die Leute, die draußen unter den Heizkörper stehen und sich in Schale geworfen haben. Manchmal steht da auch Jogi Löw. Denn auch der Bundestrainer ist um die Weihnachtszeit zuhause und trinkt mit Bekannten am Vormittag einen Espresso – fast immer in „unserem“ Café. Meistens nickt er einem zu und wünscht frohe Weihnachten. Während Jogi weiter Hände schüttelt, ziehen wir weiter. In eine schicke Bar. Wir schnacken mit den Kellnern, pressen die Zitrone über den Austern aus und essen Macarons. Denn an Weihnachten lautet die Devise: Wir essen was wir wollen, trinken was wir wollen und gehen wann wir wollen. Zuhause schlüpfen wir in unsere Jogginghose, kuscheln mit dem Hund und schauen Filme. Ganz ungeniert. Und irgendwann am Nachmittag stellt sich meine Mutter in der Küche und kocht: Rotweinjus, Lammlachse, Black Tiger Gambas in Knoblauch und Rosmarin, Lammkotelettes. Ich trinke Rotwein. Sie Weißwein. Und ja, der Hund isst mit. Dann würfeln wir um unsere Geschenke: Bei jeder „6“ darf man ein Paket aufmachen. Wie fast jedes Jahr schauen wir dann „Ruby & Quentin“ mit Gérard Depardieu und Jean Reno. Und irgendwann schlafen wir ein. Wieder mit dem Hund am Bauch, der einen am Morgen weckt. Weihnachten bei uns ist gemütlich – mit jeder Menge leckerem Essen. Wir müssen niemanden etwas recht machen. Kein Streit mit Verwandten. Ob ich ein großes Familienfest nicht manchmal vermisse, hat man mich schon gefragt. Nein, denn meine Mama schafft es jedes Jahr ganz alleine eine Großfamilie zu ersetzen. Wir feiern klein, aber fein – und genau das liebe ich.

Quelle: Noizz.de