Oder findet ihr Paprika-Chips wirklich weihnachtlich?

Über den ersten Bier-Adventskalender habe ich noch gelacht. Haha, jeden Tag ein anderes Bier, kann man sich in der Adventszeit schön durchprobieren durch die bittere, saure, süße Welt des Gerstensafts.

Auch den ersten Kalender, hinter dessen Türen sich Sextoys verbergen, fand ich lustig – was vielleicht von meiner prüden, quasi-puritanischen Abkunft herrührt. Ein Vibrator: hihi! Ein Penisring: höhö! Gleitgeld: huhu! Rauschhafte, versexte Weihnachten. Die Kombination von vermeintlich Sündhaftem und garantiert Heiligem begeistert spätestens seit jenem Tête-à-Tête zwischen Heiligem Geist und der Gottesgebärerin Maria.

Wie gesagt, alles okay, auch der Weihnachtsmann in Coca-Cola-Rot okay. Auch, dass man sich Geschenke schenkt, sogar dass man dafür noch an Heiligabend durch die verstopfte Innenstadt jetzt, Stresshormon-Overkill inklusive.

Alles ertragbar, alles okay.

Aber dass dieses Jahr JEDES Unternehmen den Aventskalender dazu missbraucht, seine Produkte – seien sie noch so schäbig – an den Konsumenten zu bringen, finde ich selbst als Ungläubiger blasphemisch. Es ist einfach so beliebig geworden, so wahllos, vor allem aber oft auch so lieblos, dass die Institution des Adventskalenders davon nur Schaden nehmen kann.

Wenn ich Vorsitzender des Adventskalenderverbands wäre, ich würde einen Brandbrief schreiben, dessen Feuer so lichterloh brennt, dass all der weiße Pseudo-Schnee aus Watte, der zusammen mit jenem Konsumschrott die 24 Kammern füllt, restlos abfackelt.

Aber entscheidet selbst:

„Funny Frisch“-Adventskalender, Bundesliga-Adventskalender, Angler-Adventskalender, Pflege-Ampullen-Adventskalender, Gin-Adventskalender, Wein-Adventskalender, Käse-Adventskalender, Wurst-Adventskalender, Anti-Adventskalender, „Shopping Queen“-Adventskalender, Ossi-Adventskalender, Proteinriegel-Adventskalender, „MyMuesli“-Adventskalender, Hunde-Adventskalender, Katzen-Adventskalender, Ikea-Adventskalender, Douglas-Adventskalender, „Die drei ???“-Adventskalender, „Harry Potter“-Adventskalender, Yps-Adventskalender, Disneys-„Cars“-Adventskalender, Schmuck-Adventskalender, Speck-Adventskalender, Bratenkrusten-Adventskalender, Tee-Adventskalender, UKW-Radio-Adventskalender, Veganer Adventskalender, Darts-Adventskalender, Einhorn-Adventskalender, Monstertruck-Adventskalender, Naturkosmetik-Adventskalender, „Glossybox“-Adventskalender, Gewürz-Adventskalender, Lego-Adventskalender, Werkzeug-Adventskalender.

Paprika-Chips – wie romantisch! Billig-Nagellack – wie weihnachtlich! Disneys „Cars“ – wie winterlich!

Ja, ich weiß, Kritik an Kommerz und Konsum ist nichts Neues und langweilig. Aber in diesem Fall ist es bitter nötig, sonst geht Weihnachten vollständig flöten. Und dabei geht es mir gar nicht ums Christkind und das gesamte religiöse Tamtam. Sondern um Wärme insgesamt – sowohl in einer kalten Jahreszeit als auch in einer nicht immer freundlichen Welt.

Weihnachten ist doch immer ein Schutzraum gewesen, ein Rückzugsort, ein Durchatmen – Familienstreits und AfD-Verwandte hin oder her. Der Adventskalender war der Countdown dazu. Einfach, zurückhaltend und doch feierlich. Und fernab von jeglichem Kommerz (die Schoko-Kalender mal ausgenommen).

Proteinriegel? Monstertrucks? Hundefutter? Über Geschmack lässt sich ja super streiten, aber bei vielen der Kalender sehe ich nicht den geringsten Versuch, Feierlichkeit aufkommen zu lassen. Es geht nur darum, sein Produkt loszuwerden – in 24 Variationen, so gewinnbringend wie möglich.

Der „Warenwert“ der stets angegeben wird und meist das dreifache des Kaufpreises beträgt, ist eine der dreistesten Lügen der jüngeren Marketinggeschichte. Wahrheitsgemäß müsste es heißen: „Danke, dass du uns dafür bezahlst, Werbung für uns zu machen.“

Apropos Kaufpreis. Teilweise sind die Adventskalender dermaßen teuer, dass der Dezember zur finanziellen Herausforderung werden dürfte: Sie kosten gerne mal 100 Euro; und zu Nikolaus und Weihnachten muss man ja auch noch mal abliefern. Ein Bekannter hat mir erzählt, dass er seiner Partnerin einen Adventskalender für 150 Euro schenkt (Warenwert 450 Euro – wer’s glaubt). „Ich weiß noch nicht, wie ich ihr stecke, dass deshalb Weihnachten ein bisschen kleiner wird.“ Viel Erfolg dabei!

Es ist vollkommen okay, einen Adventskalender zu kaufen – oder gar einen zu basteln! Es muss auch kein Christkind oder Weihnachtsmann drauf sein, und er darf auch mehr als fünf Euro kosten. Begriffe wie „einfach“, „zurückhaltend“ und „feierlich“ sind dehnbar, jeder versteht sie anders.

Aber bei all den Türchen hinter denen sich banale Alltagsgegenstände verbergen, habe ich irgendwie das Gefühl, man könnte sie jeden Monat verschenken.

Ich sehne mich in jene Zeit zurück, als ein Adventskalender noch zweidimensional war: ein schön gestalteter Karton mit Türen, hinter denen sich Bilder verbergen. Die Überraschungen waren nicht allzu groß, man ahnte, was offenbar werden würde: ein Stern, ein Esel, ein Engelchen. Am 24. natürlich das Christkind.

Eigentlich ist das doch Weihnachten. Relativ einfach. Mehr ist da auch nicht. Sorry, liebe Marketing-Fuzzis, entschuldigt, liebe Konsum-Junkies. Der Dezember ist kein wochenlanger Black Friday. Der Adventskalender gehört immer noch uns.

Quelle: Noizz.de