Lange wurden die sogenannten Prepper für ihre Konserven-Keller und Katastrophenfantasien belächelt – jetzt hat die Corona-Angst auch aus Durchschnittsbürgern Hamsterkäufer gemacht. Eine Insiderin der Prepper-Szene hat uns verraten, wie gefährlich diese teilweise ist – und warum wir alle eigentlich schon Prepper sind.

Der Fluchtrucksack steht gepackt neben der Tür, der Keller ist vollgestopft mit Konservendosen und der Kopf mit Verschwörungstheorien – seit Jahren hat sich ein negatives, ja gerade zu lächerliches Image von sogenannten Preppern in der Bevölkerung verfestigt. Verrückte, die geradezu auf eine Katastrophe hoffen, um im Eintrittsfall besser vorbereitet und der Durchschnittsbevölkerung endlich überlegen zu sein – so stellen sich viele Prepper vor.

Zum Verständnis: Der Begriff Prepper leitet sich vom englischen "to be prepared" (vorbereitet sein) ab und bezeichnet Personen, die Maßnahmen ergreifen, um sich auf eine mögliche Katastrophe vorzubereiten – etwa durch das Anhäufen von Lebensmitteln. Mit dem Coronavirus scheint jetzt genau so eine Katastrophe eingetreten zu sein – und plötzlich tun viele Menschen das, worüber sie sich noch vor einem Monat lustig gemacht haben: Klopapier und Konserven in Massen horten, als gebe es kein Morgen mehr. Und das, obwohl offizielle Stellen immer wieder von Hamsterkäufen abraten und betonen, es seien keine Versorgungsengpässe in Sicht.

Symbolbild: Hamsterkäufe

Doch Deutschlands leere Supermarkt-Regale beweisen: Die Angst vor dem Virus und das Bedürfnis nach Krisenvorbereitung stellen jegliche Vernunft in den Schatten. Halb Deutschland scheint dem Prepping verfallen zu sein – Zeit sich den Leuten zu widmen, die sich schon vor dem Virus Prepper nannten. Hatten sie von Anfang an Recht damit, sich die Keller mit Konserven voll zu stopfen? Waren ihre Theorien doch gar nicht so abstrus?

Verschwörung und Rassismus in Prepper-Blogs

Ich begann damit, Prepper-Blogs zu lesen, in Prepper-Facebook-Gruppen zu recherchieren und dort nach Gesprächspartnern zu suchen. Das Ergebnis: schockierend. Durch meine harmlose Suche nach Preppern, die sich aus Vernunftsgründen auf Krisen vorbereiten, war ich in einen Strudel aus rassistischen und antidemokratischen Verschwörungstheorien geraten. Menschen mit Deutschlandflaggen und rechten Symbolen als Facebook-Profilbild tauschten ihre verqueren Theorien mit Usern aus dem Reichsbürgermilieu aus. Auf die Frage nach einem Gesprächspartner für diesen Artikel folgten Hassnachrichten, die gegen Medien an sich hetzten.

Doch dann stieß ich auf eine Website, namens "Katastrophen Selbsthilfe Infoportal" – darauf der Hinweis auf die Wichtigkeit von Respekt, Toleranz und der Satz: "Ebenso vertreten wir die Auffassung, dass die Demokratie und ein auf dem Grundgesetz basierendes Rechtssystem diese grundlegenden Werte am besten bewahren." Eine klare Distanzierung von all dem, was mir in Foren und Facebook-Gruppen begegnet war. Eine politische Haltung, die in der Geschichte der Organisation fast zu einem Alleinstellungsmerkmal geworden war, wie ich später erfahren würde.

Gegründet wurde das "Katastrophen Selbsthilfe Infoportal" von dem deutschlandweit bekannten Prepper Bastian Blum, der es inzwischen auf ehrenamtlicher Basis mit neun weiteren Mitarbeiter*innen betreibt. In diesem Video zeigt er seinen Prepper-Keller.

Mit einer seiner Kolleg*innen, in der Prepper-Szene unter dem Namen "Fuchsbau" bekannt, habe ich über die Idee hinter dem Prepping gesprochen, über Verschwörungstheorien, weibliche Prepperinnen – und warum wir alle eigentlich schon Prepper in kleinem Maße sind.

NOIZZ: Sie nennen sich Fuchsbau, statt unter Ihrem Klarnamen zu agieren – ist das so eine Regel in der Prepperszene?

Fuchsbau: Es gibt in der Prepper-Szene Leute, die nicht gerade demokratisches Gedankengut in sich tragen und deshalb unter Falschnamen agieren. Bei mir ist es aber zum einen so, dass ich mir den Namen am Anfang gegeben habe und inzwischen darunter bekannt bin – mein Klarname den Leuten aus der Prepper-Szene also einfach nichts sagt. Zum anderen trage ich ihn, weil Prepping noch kein "Frauenthema" war, als ich 2015 begann, mich dafür zu interessieren. Damals habe ich in Foren geschrieben und wollte mich nicht als Frau outen. Denn der Tenor in diesen Foren war: Das ist einfach kein Thema für Frauen. Frauen wurden eher belächelt. Es hat aber eine Wende gegeben. Mittlerweile interessieren sich sehr viele Frauen für das Preppen – das sind auch eher diejenigen, die zum Beispiel bei unserem Infoportal die Unterhaltung suchen und Fragen stellen.

Dass es früher aber einmal anders war, spiegelt sich auch noch ein bisschen in unserem Team wieder. Wir sind zehn Leute – davon sind zwei Frauen und acht Männer.

Sind Sie selbst Prepperin?

Fuchsbau: Um das zu beantworten, muss ich erst mal erklären, was es überhaupt für Unterschiede in der Szene gibt. Zum einen gibt es das "Survival": Das sind die Überlebenskünstler, die mit ihrem Rucksack und einem Zelt rausgehen und da ihren Spaß haben. Dann gibt es auch noch das "Bushcrafting", bei dem die Leute sagen: Zelt und Rucksack brauche ich nicht, alles, was ich brauche, habe ich an meinem Gürtel. Man geht raus und baut sich einen Unterstand, schnitzt sich aus einem Ast einen Löffel. Neben dem Prepping gibt es noch die Krisenvorsorge, was mehr oder weniger die bequemste Form ist. Wenn man kann, bleibt man zu Hause und verlässt nur in Notfällen die Wohnung oder das Haus, wie zum Beispiel bei einem Brand. In so einem Fall schnappt man sich sein Notfallgepäck und geht raus. Zwischen der Form Prepping/ Krisenvorsorge (da gibt es auch Unterschiede) und dem "Survival" oder "Bushcrafting" gibt es gewisse Überschneidungspunkte.

Fridays For Future als Anstoß zur Selbtversorgung

Fuchsbau: Und dann gibt es da noch die Selbstversorger: Die haben ein Haus oder einen Hof mit einem großen Garten und bauen einfach alles zu Hause an. Sie versuchen generell, sich möglichst unabhängig zu machen. Wenn zum Beispiel eine Hose reißt, wird sie erst mal geflickt, anstatt eine neue zu kaufen. Bei denen wird gestrickt, gewebt, geschmiedet, repariert, all so handwerkliche Sachen. Ich persönlich bin Selbstversorgerin.

Das hat bei mir auch den ökologischen Aspekt, den ich gerade generell als Trend in der Gesellschaft beobachte. Ich habe das Gefühl, der Wunsch nach Selbstversorgung hat sich mit Fridays For Future verstärkt. Es ziehen mehr Leute ihr eigenes Gemüse oder wollen Klamotten nicht so schnell wegwerfen, um nachhaltiger zu leben.

Klimawandel und Zero Waste

Fuchsbau: Ich achte im Zuge meiner Selbstversorgung darauf, möglichst wenig Müll zu verursachen. Das ist zum einen ökologisch, zum anderen mache ich mich dadurch unabhängig von der Müllabfuhr. Da wo ich wohne, passiert es schon mal, dass die nicht kommt, wenn viel Schnee liegt.

Generell kann ich sagen: Es ist besser, man bereitet sich auf eine Katastrophe vor und hat sich im Zweifelsfall umsonst vorbereitet, als dass es einen unvorbereitet und hart trifft. Mir ist es aber auch wichtig, dass man sein Bestes gibt, um die Katastrophe zu verhindern, wie zum Beispiel den Klimawandel. Es ist doch blöd, sich selbst vorzubereiten und zu sagen: Jetzt kann die Katastrophe kommen.

Haben Sie als Selbstversorgerin also keinen Prepper-Keller, in dem massenhaft Konservendosen stehen?

Fuchsbau: In der Richtung habe ich vieles gehört und vieles gesehen, bei dem ich mir echt die Augen reiben musste. Ich persönlich habe das aber nicht. Ich kann mich selbst versorgen und lagere nur ein, was meine Familie oder meine Tiere zeitnah essen können. Darüber hinaus treffe ich Vorbereitungen, indem ich Geld anspare. Denn eine Katastrophe ist ja manchmal nicht nur eine Überschwemmung oder eine Epidemie. Manchmal reicht es allein, wenn das BAföG-Amt nicht schnell genug mit den Zahlungen ist und man plötzlich vor dem Nichts steht. Das Gleiche gilt für Hartz 4 oder Elterngeld. Für diese kleinen persönlichen Katastrophen sollte man immer vorgesorgt haben.

Wir alle sind Prepper

Fuchsbau: Mit der Krisenvorbereitung beginnt man, indem man bei der Prävention von persönlichen Katastrophen startet und erst dann bereitet man sich auf große Katastrophen vor, die viele Menschen betreffen. Also zuerst der Ersthelferschein und die Ersparnisse und dann, wenn man das unbedingt will, der Prepper-Keller. Für den Krisenfall häuft man besser Wissen an, als Materialien.

Kleine Dinge, wie wichtige Dokumente zu kopieren oder seine Handy- und Laptopdaten regelmäßig zu sichern, sind ja im Grunde auch schon Prepping. Man bereitet sich auf den Klosturz des Handys vor, obwohl der nicht zu erwarten war. Wenn ich persönlich weiß, ich bin im Alltag vorbereitet, dann stellt sich bei mir so ein Zen-Modus ein – es kann kommen, was will.

Was denken Sie über Leute, die einen Prepper-Keller haben?

Fuchsbau: Für mich ist es zwar nichts, aber ich denke: Wenn sich jemand durch Massen von Konserven und Klopapier im Keller sicherer fühlt, dann funktioniert das für ihn und ist sinnvoll. Hauptsache, die Person hat sich überhaupt vorbereitet. Das ist immer besser als nichts.

Das heißt, Prepping betreibt man an erster Stelle für das eigene Sicherheitsgefühl?

Fuchsbau: Genau.

Ist Selbstversorgung und Prepping ein Hobby oder eine Lebenseinstellung?

Fuchsbau: Definitiv eine Lebenseinstellung. Allein das Denken, vorbereitet sein zu wollen, ist so in den Alltag integriert, dass es daraus nicht mehr wegzudenken ist. Auch meine Kinder werden damit groß, dass wir Tiere halten und uns von deren Erzeugnissen ernähren. Auch Prepping ist kein Hobby, sondern eine Haltung, die man zur Welt hat.

Ist das etwas, was Sie jedem empfehlen würden?

Fuchsbau: Viele betreiben schon Krisenvorbereitung im Kleinen, ohne es zu wissen. Das beste Beispiel dafür sind junge Frauen, die zum Feiern in den Club gehen. Wenn man in die Handtasche einer dieser Frauen reinschaut, findet man darin Dinge, die auf so gut wie jede Situation vorbereiten, zum Beispiel eine anschließende Übernachtung bei jemand anderem. Deo, Hygienetücher, Zahnbürste, teilweise sogar Ersatzunterwäsche. In dem Moment, in dem die Frau ihre Tasche packt, bereitet sie sich auch nur auf eine Eventualität vor. Dieses Denken ist die beste Voraussetzung für Krisenvorbereitung.

Sie sind zwar selbst keine Prepperin, kennen sich aber in der Szene aus und haben Kontakt zu Preppern. Würden Sie sagen, dass diese durch eine Lust an der Katastrophe angetrieben werden?

Fuchsbau: Aus meinem eigenen Team und meinen anderen Kontakten kann ich das nicht bestätigen. Um ehrlich zu sein, sind wir alle zu faul für so eine Katastrophe – wir haben keinen Bock darauf, dass sie passiert. Der Grund dafür, dass wir Vorsorge betreiben, ist, dass wir keine Angst mehr vor eventuellen Ereignissen haben wollen. Wir sind aber alle total glücklich, wenn wir die Vorbereitungen nicht brauchen.

Mit der Corona-Pandemie tritt nun ein Fall ein, den viele als Katastrophe bezeichnen würden und für den sie sich vorbereiten. Bereiten Sie sich persönlich dafür vor?

Fuchsbau: Das ist momentan schon ein großes Thema, da bekommen wir beim Infoportal auch viele Anfragen bezüglich Atemmasken und anderen Dingen. Deshalb haben wir über das Thema auch mehrere Artikel geschrieben. Damit Leute nicht auf Falschinformationen hereinfallen oder ihre Sorge ausgenutzt und aus ihr Geld gemacht wird.

Das heißt, Menschen die gerade Angst vor dem Coronavirus haben, geraten schnell in Prepper-Kreise, die sich im Bereich der Verschwörungstheorien bewegen und antidemokratisches Gedankengut verbreiten?

Fuchsbau: Ich sage gerne: Angst fangen die Extremisten. Da ist es auch egal, welche Angst es ist, weil man über Emotionen sehr schnell an die Leute rankommt. Deshalb versuchen wir mit einer guten, sachlichen Berichterstattung präsent zu sein, um den Leuten zu helfen und sie von solchen Kreisen fernzuhalten.

Mittlerweile gelangt man, wenn man im Internet etwas Unschuldiges sucht, zu nicht sehr unschuldigen Inhalten – egal um welches Thema es geht. Auch für geschulte Menschen, wie die aus unserem Team, ist es oft schwer zu erkennen, was für Botschaften in manchen Texten vermittelt werden. Und da kann ich nicht ungeschulten Menschen vorwerfen, dass sie das nicht erkennen. Die Strategien sind mittlerweile so perfide, dass man – egal ob man Preppen oder sich einfach vegan ernähren möchte – sehr schnell in die falschen Kreise gerät.

Was vermuten Sie, interessiert rechtsnationale und antidemokratisch denkende Menschen so sehr am Preppen? Ist es die Offenheit gegenüber Verschwörungstheorien und Feindbildern?

Fuchsbau: Preppen oder Krisenvorsorge bedeutet ja, sich auf etwas vorzubereiten. Es gibt Menschen, die Schreckensszenarien und Ängste im Kopf haben. Und je nachdem, welches Szenario man sich wählt, fallen die Vorbereitungen anders aus. Vorbereiten an sich hat ja keine Grenzen, es kann jeder tun, was er will. Und das Szenario, das man im Kopf hat, macht dann eben den Unterschied zwischen einem "normalen Menschen", der Angst hat, dass er zufrieren könnte – so wie ich – und einem Menschen, der Reichsbürgerideale vertritt. Vorbereitet sein wollen wir beide – die politische Haltung bleibt da ja im ersten Moment außen vor. Aber in solchen Kreisen wird – wie gesagt – stark mit Emotionen gearbeitet, wie mit Angst. Und wenn einem eine bestimmte Angst sehr real vorkommt, bereitet man sich eben entsprechend stärker darauf vor.

Extremismus äußerst verbreitet

Fuchsbau: Wir vom Infoportal für Katastrophenvorsorge haben uns damit schon viel auseinandersetzen müssen und haben da auch eine klare Haltung, die wir vermitteln. Das führt aber nicht dazu, dass wir die Menschen nicht noch öfter dran erinnern müssen, dass bei uns kein extremistisches Ideal etwas zu suchen hat. Weder rechts, noch links, noch religiös. Das heißt, selbst in unserer Community gibt es Leute, die zu Extremismus neigen. Es sind leider auch genau die, die von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Ist es für euch schwierig, dass ihr mit solchen Leuten in einen Topf geworden werdet?

Fuchsbau: Ja, es war vor allem früher sehr schwierig. Wir haben vier Jahre lang echt dagegen gekämpft. Damals hatten wir noch einen anderen Namen (Prepper-Gemeinschaft Deutschland) und haben versucht, das Bild von Preppern positiv zu gestalten – aber die Meinung der Öffentlichkeit ist einfach so sehr umgeschlagen, dass wir uns entschlossen haben, den Namen zu ändern. Diesen Kampf haben wir leider verloren. Mit dem Begriff "Prepper" wird so gut wie nichts Gutes mehr assoziiert.

Auf welche Weise versucht ihr denn, Menschen die in extremistische Kreise hineingezogen wurden, zurückzuholen?

Fuchsbau: Zum einen haben wir natürlich unsere Facebook-Gruppe und Mitglieder unseres Teams sind auch in anderen Gruppen unterwegs, auch einfach für den Informationsaustausch. Wir bestärken unsere Mitglieder, auch öffentlich zu ihrer Meinung zu stehen. Wenn jemand bei uns Mitglied werden möchte und sich extremistisch äußert, halten wir natürlich auch dagegen und zeigen ihm die Grenzen auf. Wir versuchen dann, die betreffender Person wieder zum Selberdenken anzuregen und ihre Haltung zu überdenken. Das reicht vielleicht nicht immer – aber in manchen Fällen eben schon. Wenn ein YouTube-Video gereicht hat, um sie in die falsche Richtung zu schubsen – vielleicht reicht dann ein Gespräch mit uns, um sie wieder in die andere Richtung zu schubsen. Die Unbelehrbaren müssen unsere Gruppen natürlich verlassen.

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  • Quelle:
  • Noizz.de