Unsere Gastautorin Marit nimmt euch mit in drei Tage persönliche Coronakrise – und zeigt euch, wie es ist, in der aktuellen Lage mit einer Essstörung zu leben.

Tag 1: Die Straßen in Kreuzberg sind leer, die Restaurants geschlossen, sogar mein Stammspäti macht seit gestern um 18 Uhr zu. Obwohl meine Mitbewohner*innen und ich definitiv keine guten Prepper sind (wir haben tatsächlich letzte Woche zweimal vergessen, Klopapier zu kaufen), verändert die Corona-Krise auch unser Einkaufsverhalten: Wir beschließen, uns zumindest mal an sowas wie einem Wocheneinkauf zu versuchen. Wie richtige Erwachsene.

Das Essensding? Bis vor ein paar Tagen war alles echt gut

Für meine Mitbewohner*innen heißt das: Geil, der ganze Kühlschrank ist voller Snacks! Ich hingegen merke, wie in meinem Kopf das typische Gedankenkarussell beginnt, sich zu drehen: Scheiße, was, wenn ich zu viel davon esse? Und das, obwohl ich den ganzen Tag nur in der Wohnung rumhänge und mich kaum bewege? Sofort will ich lieber auf Nummer sichergehen und das Abendessen ausfallen lassen.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

"Uff, so anstrengend. Ich werde von den beklopptesten Sachen getriggert!", schreibt mir eine Freundin noch am selben Abend. Same here, denke ich, und antworte: "Ja, irgendwie bin ich auch jetzt schon gestresst, was das Essensding betrifft. Hätte ich irgendwie gar nicht gedacht – bis vor ein paar Tagen war alles echt gut."

Das Essensding, so nennen wir das, was mal eine Essstörung war und inzwischen an guten Tagen eher wie ein Rauschen im Hintergrund ist. In einer Gesellschaft, in der Bilder von schlanken, trainierten, "able-bodied" und meist weißen Frauen das vorherrschende Schönheitsideal noch immer prägen, Menschen mit anderen Körperformen diskriminiert werden, Fat Shaming weiterhin existiert und so gut wie jede*r versucht, die eigene Ernährung in irgendeiner Weise zu optimieren, könnte man fast sagen: Normalzustand.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Früher bestimmte die Zahl auf der Waage mein Leben

Inzwischen habe ich gelernt, bestimmte Verhaltensweisen und Denkmuster zu hinterfragen und mich auf Dinge zu konzentrieren, die schöner und wichtiger sind und nicht über kurz oder lang den Körper und das gesamte Sozialleben zerstören. Doch in Zeiten, in denen die Supermarktregale in Deutschland plötzlich reihenweise leergekauft sind und auch fast alles andere nicht mehr als Normalzustand bezeichnet werden kann, fällt es mir, genau wie vielen anderen, schwer, sowas wie einen Normalzustand im Kopf aufrechtzuerhalten.

Angst um geliebte Menschen, die zur Risikogruppe gehören, Lagerkoller in der Quarantäne, Existenzängste – die aktuelle Situation bringt Probleme und Herausforderungen für jede*n einzelne*n von uns mit sich. Wer nicht in einem systemrelevanten Beruf arbeitet, sitzt nun den ganzen Tag Zuhause – und das ist gut so, denn je mehr wir alle unsere Kontakte minimieren, desto besser lässt sich die Verbreitung des Coronavirus verlangsamen.

Für Menschen mit psychischen Erkrankungen kann der Alltag im #StayHomeClub jedoch besonders schwierig sein. Die Struktur, die normalerweise durch die Arbeit im Büro, das gemeinsame Mittagessen mit den Kolleg*innen oder die Verabredung zum Abendessen mit Freund*innen entsteht, existiert auf einmal nicht mehr. Es klingt nach "Psychotherapie Basics", aber was mir normalerweise wirklich hilft, meine Essstörung im Alltag im Hintergrund zu halten, ist Routine. Je klarer meine Tage strukturiert sind, desto leichter fällt es mir, regelmäßige Mahlzeiten zu mir zu nehmen und nicht non-stop darüber nachzudenken, wie ich es schaffe, heute möglichst wenig zu essen.

>> Social Distancing: So viele Menschen kannst du retten, wenn du zu Hause bleibst

Corona-Quarantäne: Am liebsten einfach gar nicht mehr essen

Tag 2: Ich wache morgens viel zu früh auf und denke sofort darüber nach, was ich am Tag zuvor gegessen habe. In einer WhatsApp-Gruppe schreibt jemand: "Beim Einkaufen ist das Risiko, das Virus zu spreaden, ja eigentlich viel zu hoch. Vielleicht scheiße ich einfach darauf und esse erst mal gar nix – wollte eh abnehmen!" Uff. Sofort rattert es in meinem Kopf: Ich bin fast neidisch auf diese Idee. Klar, so hätte ich es auch machen können. Stattdessen komme ich jetzt nicht drum herum, gemeinsam mit den anderen zu essen – ich kann ja auch schlecht eine Verabredung oder Ähnliches vorschieben, schließlich kann ich nicht rausgehen.

An dieser Stelle findest du Inhalte von Drittanbietern
Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin sehr froh darüber, dass ich Mitbewohner*innen habe und nicht alleine wohne. Für Menschen, die diese Tage allein in Isolation in ihrer Wohnung verbringen, kann das Social Distancing nochmal eine viel, viel größere Belastung sein. Für diejenigen, die ohnehin psychisch nicht ganz so stabil sind, gilt das natürlich umso mehr; da sind Essstörungen keine Ausnahme. Die Selbstisolation kann zum Beispiel bei Bulimiker*innen oder Menschen mit Binge-Eating-Disorder dazu führen, dass Essanfälle noch mehr außer Kontrolle geraten – weil es keinen sozialen Rahmen, keine Routine mehr gibt, an der sie sich festhalten könnten. Und Ablenkung fällt ja noch schwerer als sonst: Den ganzen Tag in einer Wohnung mit einem vollen Kühlschrank zu hocken, sei ihr persönliches "Recipe for Disaster", erzählte mir neulich eine gute Freundin, die seit ihren frühen Teenagerjahren immer wieder mit Binge Eating struggelt.

>> Welcome To My Isolation Crib: Das Home-Office-Tagebuch einer Depressiven

Womit wir übrigens gleich wieder beim Thema Hamsterkäufe wären

Allein die Tatsache, dass es plötzlich zum deutschen Volkssport geworden ist, Lebensmittel in riesigen Mengen zu horten, kann ein ordentlicher Trigger sein – mal abgesehen davon, dass es vollkommen unsolidarisch und asozial ist. Essgestörte, die mit Essanfällen kämpfen, lernen in der Therapie genau das Gegenteil, nämlich: keine großen Mengen an Lebensmitteln zu kaufen, um gar nicht erst genug "Material" für eine Attacke zuhause vorrätig zu haben. Nicht gerade der Vibe, der aktuell in den Supermärkten herrscht. Solche Situationen können schnell zu Rückfällen führen – dabei hilft es übrigens auch nicht, dass überall Fotos von leergekauften Regalen gepostet werden.

Tag 3: Heute habe ich lange geschlafen und mich danach noch drei weitere Stunden im Bett verkrochen – weil ich nichts zu tun habe, klar, aber auch, um das Frühstück möglichst lange hinauszuzögern. Ich starre an die Decke und mir wird bewusst, dass ich jetzt SO viel Zeit habe. Ich sollte den Tag lieber mit Work-outs verbringen und die Quarantäne dazu nutzen, abzunehmen, anstatt hier faul rumzuliegen – no excuses, oder wie sagen die Influencer*innen immer?

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Die Hoffnung auf Verdrängung lässt mich zum Handy greifen und logischerweise lande ich automatisch bei Instagram. Ich swipe durch zwei, drei Stories und sehe mich in meinen Gedanken nur bestätigt: Yoga am Morgen, Plank-Challenges, Werbung für Saftkuren. Immerhin auch: Memes. Wenn ich eines an meiner Generation liebe, dann ist es die Tatsache, das jedes noch so beschissene Ereignis zumindest eine neue Welle großartiger Memes mit sich bringt, die einen den ganzen Scheiß ein bisschen besser ertragen lassen. Auf eine bestimmte Sorte Meme, die mit Corona aufgetaucht ist, könnte ich aber definitiv verzichten: Die zahlreichen "Shit, ich werde während der Isolation so fett werden"-Memes, die gerade kursieren.

Ja, fuck, ihr ahnt es schon, aber auch dieses dämliche Meme kann einen Rückfall auslösen. Dabei ist der Witz ja nicht nur irgendwie echt lame, er reproduziert auch die gesellschaftliche Norm, dass "fett sein" etwas unglaublich Negatives ist. Als würde uns dieses Meme unterschwellig vermitteln: "Fuck, das Schlimmste an dieser globalen Pandemie ist, dass ich zunehmen könnte!" Ganz ehrlich: Ist die Lage nicht schon scheiße genug, ohne dass wir unsere Unsicherheiten und ungesunden Verhaltensmuster durch solche Memes noch zusätzlich befeuern?

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Genau das ist es, was das Überwinden von Essstörungen so kompliziert macht

Essstörungen drehen sich quasi naturgemäß um eine Sache, die absolut allgegenwärtig ist. Wir alle müssen essen, bestenfalls jeden Tag. Betroffene können der Thematik nicht aus dem Weg gehen; Sie müssen irgendwie lernen, damit klarzukommen.

Wenn ihr das Gefühl habt, dass ihr in der aktuellen Situation besonders struggelt, lasst euch gesagt sein: Ihr seid nicht alleine. Es geht viel mehr Menschen so, als ihr vielleicht denkt. Vertraut euch anderen an und redet darüber, wenn ihr euch dazu bereit fühlt. Sucht euch professionelle Unterstützung. Mir hilft es inzwischen übrigens wirklich, jeden Tag Yoga zu machen, aber wenn euch das nichts gibt, dann scheißt darauf, was alle bei Instagram sagen und probiert vielleicht was anderes aus.

Generell gilt: Wenn ihr selbst oder jemand, der*die euch nahesteht, an einer Essstörung leidet, findet ihr bei Beratungsstellen wie hier Informationen und Hilfe. Eine Übersicht über Anlaufstellen und Beratung in Berlin findet ihr hier.

  • Quelle:
  • Noizz.de