Abstecher nach Braunschweig, liebe Tattoofreunde, aber pronto!

Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem Tattoo Talk Künstler vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen.

Heute präsentieren wir euch den großartigen Castor Raubadler, Resident Artist des Braunschweiger Tattoostudios "Sorry Mom". Der 35-Jährige sticht nicht nur richtig tolle Tattoos, auch sein Wissen über die geschichtliche Entwicklung der bunten Körperkunst ist so krass, dass man denken könnte, der Dude hätte einen Doktortitel in Tattoo-ologie!

"Ich bin einfach ein riesiger Fan von Tätowierungen", erklärt er seine Wissbegier. Eigentlich kommt der gebürtige Frankfurter aus der Kunst, er hat Malerei an der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste studiert. Durch Freunde kam er mit Tattoos in Berührung, lernte in Berlin OG Tätowierer Christoph Aribert und in Braunschweig Dennis Bebenroth kennen, ließ sich viel tätowieren, bevor er schließlich selbst zur Maschine griff.

>> Tattoo Talk #18 mit Christoph Aribert

Wir haben mit Castor über seine Motive, über bewegende Tattoo-Requests und seine Wahlheimat Braunschweig gesprochen.

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NOIZZ: Wie würdest du deinen Stil selbst in drei Worten beschreiben?

Castor Raubadler: Habe ich denn überhaupt nur einen Stil? Ich tätowiere solide Traditionals, die ich neu interpretiere. Aber genauso gerne steche ich Fineline-Tattoos mit 3er-Nadel. Ich will Vielseitigkeit zeigen. Meine Tätowierungen müssen die Zeit überdauern, haltbar sein – das ist mir wichtig. Weniger, mich auf einen bestimmten Stil zu beschränken. Tätowieren ist in meinen Augen nicht nur die Entscheidung zu "das mache ich und das mache ich nicht", sondern heißt auch, seine Kunden zu beraten und zu überlegen, wie die Wünsche umsetzbar sind. Tätowieren ist ein Handwerk.

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Was sind wiederkehrende Elemente deiner Arbeit?

Castor: In letzter Zeit viele Frauenköpfe im Traditional-Stil, ich orientiere mich an Frauenmotiven aus dem letzten Jahrhundert, aus den Zwanzigern und Fünfzigern bis Siebzigern. Vor etwa zwei Jahren habe ich meine Serie der "Wavy Girls" angefangen, um eine zeitgemäße Form der traditionellen Frauenmotive zu finden. Sie tragen Kleidung und Accessoires, die heute getragen werden – zum Beispiel Caps von Nike. Auch meine Gelato-Tattoos werden häufig angefragt, das sind Eiswaffeln, die mal zum Sexmotiv, mal zu Spongebob werden. Auch meine Bulldoggen sind Signature-Tattoos, die Leute ansprechen und aufmerksam machen.

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Wer lässt sich von dir tätowieren? 

Castor: Meine Arbeit spricht von ... bis an. Vom 18-jährigen Schüler über den passionierten Turnschulsammler über den Lehrer bis hin zum Architekten oder Designer. Lustige Motive ziehen natürlich Leute mit Humor an, aber prinzipiell ist das echt bunt gemischt. Meine Kundschaft ist ein Querschnitt durch die Gesellschaft.

Welche Tattoo-Requests bewegen dich? 

Castor: Wenn sich Menschen, die jemanden verloren haben, die aus dem Leben gegangene Person von mir verewigen lassen wollen. Wenn Menschen echt lange sparen, um sich eines meiner Tattoos zu leisten. Wenn Menschen, die Tattoos sammeln, zu mir kommen und sich die eigene Arbeit ganz doll gewünscht haben. Es ist auch ein tolles Gefühl, Freunde zu tätowieren oder die Frau aus dem Café gegenüber – und ich dann jeden Tag das Tattoo sehe. Generell bewegt es mich immer, wenn Leute dankbar und mit dem Ergebnis happy sind. 

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Was hältst du vom aktuellen Hype um Ignorant-Style-Tattoos und mit wie viel Ablehnung viele "klassischer orientierte" Tattoo-Künstler darauf reagieren?  

Castor: Tätowieren ist und war schon immer total vielschichtig. Es gibt Leute, die arbeiten seit 20 Jahren an sich und ihren Tätowierungen und sehen sich damit in einer gewissen Tradition – andere machen einfach gutes Marketing. Ich habe selbst ganz unterschiedliche Tätowierungen, von Ignorant-Style-Tattoos bis zu Traditionals von Leuten, die das seit Jahrzehnten machen. Ich mag es, wenn viele Dinge gleichzeitig und nebeneinander existieren. Sie müssen nicht unbedingt in mein Feld passen und ich muss sie nicht gut finden, aber ich habe kein Problem damit, verschiedene Tattoostile anzuerkennen. Für mich gilt: leben und leben lassen. 

Castor Raubadler

Was motiviert dich? 

Castor: Ich hab einen inneren, umtriebigen Antrieb. Ich will Sachen lernen. Ich bin froh, dass ich als Tätowierer Teil dieser tollen Branche bin und sauge alles auf, mache weiter, lerne. Schritt für Schritt für Schritt, immer weiter. Gutes Tätowieren ist so schwierig, ich glaube nicht, dass man das einfach so hinbekommt. Man muss jeden Tag richtig hart arbeiten. Aber gleichzeitig ist es so vielseitig, dass man, obwohl es Alltag ist, immer wieder seine Motivation daraus ziehen kann: Man kann über die richtige Positionierung grübeln, über das Handwerk selbst, wie man Motive verändern möchte und wie man seine Kunden am besten berät. Das ist ein ständiger Prozess, der nie langweilig wird. 

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Wo findest du Inspiration?

Castor: Die ehrlichste Antwort wäre, dass mich alles, was mich umgibt, inspiriert – was aber auch richtig abgedroschen klingt. Aber tatsächlich kann ich im Eiscafé sitzen, die Illustrationen auf der Karte anschauen und denken, geil, da kann man ein Tattoo draus machen! Bücher inspirieren mich, zum Beispiel Ed Hardys "Beyond Skin", das alte Zeichnungen und Malereien von ihm zeigt. Oder auch einfach mal meinen Kollegen Nick und Dennis ("Sorry Mom"-Gründer Dennis Bebenroth, Anm. d. Red.), beim Tätowieren zuzusehen. Und zeitgenössische Sachen, wir sind schließlich im Hier und Jetzt – ich mach jetzt Tätowierungen. Klingt simpel, ist aber so. 

>> Tattoo Talk #6 mit Dennis Bebenroth

Was war das Krasseste, was dir bisher aufgrund des Tätowierens passiert ist?

Castor: Alles gleich krass. Was antworten andere denn darauf?

Wenn ich heute kein Tattoo-Künstler wäre, würde ich …

Castor: Wahrscheinlich wäre ich nach Köln, Berlin oder Frankfurt gezogen und hätte versucht, weiter Künstler zu sein. Ich hätte mich weiter im Kontext bewegt, in dem ich vorher unterwegs war. Sehr privilegiert. Ich wäre irgendwie am Durchwurschteln.  

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Wo siehst du dich in 10 Jahren? 

Castor: Hoffentlich immer noch beim Tätowieren. Momentan kann ich mir nichts vorstellen, was mich mehr erfüllen könnte, deswegen fände ich es richtig gut, wenn ich das in zehn Jahren immer noch machen würde. Meine Oma hat immer gesagt, man kann sich auch über ungelegte Eier Gedanken machen. 

Gibt es etwas, das du an der Tattoo-Szene kritisch siehst?

Castor: Ich finde es genau gut, wie es ist. Vielseitig, jeder macht, was er für richtig hält. Ich bin da sehr tolerant. 

Was würdest du dir selbst niemals stechen lassen? 

Castor: Nichts, was andere Menschen und Lebewesen diskriminiert. 

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Was war dein erstes Tattoo und welche Bedeutung hat es für dich? 

Das waren direkt zwei Tattoos, die ich mir bei "Glorybound Tattoo" in Belgien auf die Rückseiten meiner Unterarme habe stechen lassen. Das war ganz intuitiv, ich habe den Tätowierer beim Graffiti-Malen kennengelernt, weil ich meinen Sommer damals in Belgien verbracht habe. 

>> Tattoo Talk #28 mit Mella Fabe

Und was dein Letztes?

Castor: Ich habe mich vor ein paar Wochen von Sascha Friedrich, der hier bei "Sorry Mom" zu Gast war, tätowieren lassen. Ein ganz, ganz lieber Mensch, ich habe mich lange auf die Tätowierung gefreut. Es ist ein auf einem Ast sitzender Papagei geworden.

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Warum Braunschweig, was macht die Stadt für dich aus?

Die Dichte der hier ansässigen Tätowierer und die Lage. Braunschweig ist eine mittelgroße Stadt in einem interessanten Umfeld auf der Achse zwischen Hamburg, Hannover und Berlin. Die Anbindung runter nach Hessen und die zentrale Lage in Deutschland ist super. Durch die Studenten der Kunstschule und der TU ist es eine junge Stadt, hier leben viele Leute, die Bock auf Tattoos haben. Braunschweig hat eine lange Tattootradition und viele tolle Tattoo-Artists, wir gehen oft abends miteinander essen, sodass es einen großen Austausch und viel Feedback gibt. 

Was steht noch auf deiner Tattoo-Bucket-List? 

Castor: Tattoos sammeln, mich weiter tätowieren lassen. Letzten Jahr habe ich eins von Steve Byrne bekommen, ich hätte richtig gerne eins von Freddy Corbin. Dafür würde ich auch in die Staaten fliegen. Rio ist bald zu Gast bei uns, ihm folge ich schon ganz lange und will mich definitiv auch von ihm tätowieren lassen.  

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  • Quelle:
  • Noizz.de