Das Magazin verschwindet ab Juni aus dem Kiosk und existiert künftig nur noch online. Unser Autor erinnert sich, wann er als Leser verloren ging.

Es ist einige Jahre her, als ich die Neon zum ersten Mal in den Händen hielt: Januar 2010, Hauptbahnhof Augsburg, vor mir vier Stunden Zugfahrt in Richtung Heimat.

Ich, Student im ersten Semester, hatte die Worte meiner Professorin noch im Ohr: Die Neon sei eine der wenigen Publikumszeitschriften, die es wirklich in dem hart umkämpften Zeitschriftenmarkt geschafft hat, ein neues Publikum anzusprechen. Uns alle nämlich, die gerade in diesem Hörsaal saßen. Das schrie geradezu nach einem Praxistest.

"Fordern deine Eltern zu viel?", fragte mich das Cover des Magazins. Auch wenn meine Antwort darauf ein klares "Nein" war: In dieser Phase zwischen Schulabschluss und Studienbeginn stellten sich viele meiner Freunde diese Frage.

Ich las eine Geschichte über eine Selbstmordserie bei der französischen Telekom, warum die beliebtesten Leute auf dem Schulhof später wenig Erfolg haben und einen Haufen unnützer Fakten (ich sollte sie aber alle vergessen). Irgendwie gefiel mir die Mischung: In den folgenden Monaten reiste die Neon auf meiner Fahrt zwischen neuer und alter Heimat gerne mit.

Eine gewisse Zeit lang war ich offenbar der perfekte Leser für Neon: "Neon, das las nicht der Hipster in Berliner Bars, sondern die Studentin aus Heidelberg, im ICE zu ihren Eltern nach Bielefeld", schrieb Horizont. Abgesehen von Geschlecht und Fahrtzielen stimmte das. Doch irgendwo auf dem Weg ging ich dann verloren.

Bis 2011 baute das Magazin seinen Erfolg weiter aus: 237.000 Hefte wurden zu dem Zeitpunkt im Monat verkauft. Und ich kaufte mit, nicht als Abonnent, nicht jeden Monat. Aber hin und wieder, meistens wenn ich im Zug durch Deutschland fuhr. Die Hefte landeten in meiner WG neben dem Klo oder auf dem Küchentisch.

Doch nach zahlreichen Fahrten verging mir irgendwie die Lust. Denn mich beschlich das Gefühl, das alles schon einmal gelesen zu haben: "Wie viel Nähe braucht die Liebe?", "Hält deine Liebe für immer?", "Lieb mich, wie ich bin!" oder "66 Fragen an die Liebe" lauteten unter anderem die Titel des Magazins in den folgenden Monaten.

Beim Blick über den Zeitschriftenständer blieb ich auch dann noch häufig bei Neon hängen. Doch meistens musste ich nur noch über die nächste austauschbare Überschrift schmunzeln. Nach einigen Bieren dachten wir uns am Küchentisch eigene Neon-Überschriften aus. Nur lesen wollten wir sie nicht mehr.

Irgendwann war die Unizeit in Augsburg vorbei, ich musste umziehen. Und auch die Neon verließ ihre Stadt: Aus München ging es für die Redaktion nach Hamburg. Ich hörte nur noch von Streit um den Umzug, Wechsel in der Chefredaktion, Überarbeitungen, Krise und von fallenden Verkaufszahlen.

"Eigentlich sollten wir erwachsen werden" soll einer der Grundgedanken gewesen sein, als das Heft vor 15 Jahren an den Start ging. Viele alte Leser seien jetzt wohl erwachsen, schreibt Chefredakteurin Ruth Fend im Abschiedsbrief der Neon.

Verglichen mit dem Studenten am Bahnhof in Augsburg trifft das vermutlich auch auf mich zu. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich inzwischen ein Hipster aus Berlin bin, der Neon einfach nicht liest. So oder so hat mich das Magazin irgendwann verloren.

Quelle: Noizz.de