Unsere Sex-Kolumnistin beantwortet Fragen der NOIZZ-User.

In ihrer wöchentlichen Kolumne SEX VOR NEUN schreibt unsere Autorin Julie Schmidt regelmäßig über – dreimal darfst du raten – Sex. Und wenn sie nicht an ihrem Schreibtisch sitzt? Dann plaudert sie über die schönste Nebensache der Welt. Mit ihren Arbeitskollegen, mit ihren Mädels, mit ihrem schwulen besten Freund und jetzt auch mit den NOIZZ-Lesern!

Denn ab sofort kannst du Julie Schmidt deine Fragen zum Thema Sex stellen – jederzeit und komplett anonym! Schreib ihr dazu einfach eine Message auf Tellonym. Die beste Frage beantwortet sie auf NOIZZ.

Diese Woche: Brauche ich Pornos, weil ich meinen Freund unsexy finde?

Hey Julie,

ich (20) habe sehr guten Sex mit meinem Partner. Allerdings kann ich beim Sex nur kommen, wenn ich an schmutzige Filmchen in meinem Kopf denke. Ich habe das Gefühl, als würde ich meinen Partner nicht anziehend oder so finden, obwohl ich das tue! Es sind verschiedene Szenen, die ich aber selbst nie praktizieren würde. Hast du einen Rat? Liebe Grüße und DANKE!

Liebe Unbekannte,

Entwarnung: Du musst dir keine Gedanken machen, dass du deinen Freund nicht anziehend oder attraktiv genug findest, nur weil du beim Sex in deinem Kopf eine eigene Party schmeißt. Ich weiß gar nicht, wie oft ich beim Sex mit einem Typen schon an einen anderen Mann oder an eine ganz andere Situation gedacht habe. Okay, ich muss zugeben, das kommt vor allem vor, wenn ich das Bett eigentlich lieber mit einem anderen Typen teilen würde, also bei One-Night-Stands oder Fuck-Buddys, für die ich keine Gefühle habe, aber für mich ist das absolut in Ordnung.

Denn wenn wir mal ehrlich sind und ganz unabhängig von all diesen Gefühlsduseleien an die Sache herangehen: Sex sollte uns Spaß machen – wie wir unseren Spaß bekommen, kann doch egal sein. Es ist übrigens ganz normal, dass unser Kopfkino nicht nur vor dem Sex, sondern auch währenddessen anspringt.

Um das zu verstehen, muss man sich mal genauer angucken, wie Erregung und ein (hoffentlich) darauf folgender Orgasmus überhaupt entstehen. Grundsätzlich fängt Lust immer im Kopf an, allerdings zeigen Studien, dass Männer und Frauen auf andere Reize anspringen: Während Männer häufig optisch versiert sind, reicht es einer Frau eher selten aus, wenn sie einfach nur einen nackten Mann neben sich liegen hat. Heißt: Wenn ich am FKK-Strand liege, dann macht mich der Anblick vom nackten Opa neben mir jetzt nicht gerade rasend vor Lust, und auch wenn ich mit meinem besten Kumpel in einem Bett schlafe und er nur in Boxershorts bekleidet neben mir liegt, habe ich nicht unbedingt das Bedürfnis, über ihn herzufallen.

Um überhaupt erregt zu sein, müssen mehrere Mechanismen im Körper zusammenspielen: Gefühle, Fantasien und körperliche Reaktionen. Der Weg zum Orgasmus ist steinig und hart: Wir erleben dabei gleich vier verschiedene Phasen der Lust: Erst kommt die Erregungsphase (wird durch körperliche Reize und Kopfkino, Sex-Fantasien und Gefühle ausgelöst), dann die Plateauphase (in der wird die Lust stabilisiert und unsere Körperreaktionen – z.B. Feuchtwerden – gehen los), darauf folgt die Orgasmusphase (hier bereitet sich der Körper langsam auf den Höhepunkt vor, im besten Fall denkt man da an gar nichts mehr), abschließend folgt die Rückbildungsphase (jetzt zieht sich der Scheidenmuskel wieder zusammen, und der Körper entspannt nach einer Lustwelle).

Wenn mich ein nackter Typ also nicht heiß macht, muss ich meinen Kopf und seine Fantasiewelt anschmeißen, um in Stimmung zu kommen. Die einen denken dabei eben daran, was der Typ mit dem man gerade im Bett liegt, alles mit einem anstellen könnte, die anderen haben Bilder von Sex-Fantasien im Kopf. Und das ist vollkommen okay, denn wie heißt es so schön? Beim Sex ist alles erlaubt.

Nur weil du beim Sex dein Kopfkino anschaltest, heißt das noch lange nicht, dass du deinen Freund nicht anziehend findest. Ich meine, sonst würdest du ja nicht mit ihm zusammen sein. Abgesehen davon kann man mit der richtigen Fantasie plötzlich sogar jemanden attraktiv finden, auf den man sonst eigentlich nicht angesprungen wäre.

Es lohnt sich definitiv auch, einen Blick auf deine Fantasien zu werfen. Du schreibst zwar, dass du sie nicht praktizieren würdest, aber vielleicht würde dir eine abgeschwächte Form gefallen. Du musst dich zum Beispiel nicht direkt von ihm an ein Kreuz nageln lassen, um dann da genagelt zu werden (sorry, der war schlecht, aber musste sein). Es kann aber ein Zeichen dafür sein, dass du gerne mal die Kontrolle abgeben würdest – experimentiert doch dann zum Beispiel mal mit seichten Fesseln (z.B. aus Seidentüchern).

Was ich dir nämlich definitiv sagen kann: Je weniger ich beim Sex denken muss, desto besser wird er. Wenn es also gewisse Fantasien gibt, die dich anmachen, solltest du mal abklopfen, in welcher Form du sie ausleben willst. Darüber kannst du dann auch ganz offen mit deinem Partner sprechen. Kleiner Tipp von mir: Formuliere deine Wünsche am besten aus der Ich-Perspektive und ohne Vorwürfe. Du solltest ihm jetzt nicht gerade sagen: "Du reichst mir nicht aus, deshalb denke ich beim Sex immer an andere Fantasien, die du jetzt mal ausleben solltest." Formuliere lieber Sätze wie: "Weißt du, woran ich öfter mal denken muss? Ich finde den Gedanken extrem heiß, wenn du mal X oder Y mit mir anstellen würdest. Wie siehst du das? Kannst du dir vorstellen, dass dir das auch gefallen könnte?"

Solange du dazu noch nicht bereit bist, gönn dir dein Kopfkino ohne schlechtes Gewissen weiter – Orgasmus ist Orgasmus, und den hast du dir einfach verdient – egal, wie du da dran kommst! 

XOXO Julie Schmidt

Quelle: Noizz.de