"Das ist nur eine Phase", "In Wirklichkeit bist du einfach nur schwul", "Mit der Treue habt ihr's nicht so oder?" – auch rund 20 Jahre, nachdem der erste Bi Visibility Day gegen antibisexuelle Diskriminierung gefeiert wurde, werden immer noch mehr als genug Vorurteile über die nonbinäre Orientierung reproduziert. Hier sind die Fakten.

"Hetero, Homo oder Lügner", titelte die "New York Times" 2005. Anlass war eine neue Studie, die weltweit Schlagzeilen machte. Die Untersuchung eines Forschungsteams aus Chicago und Toronto hatte ergeben, was Tausende biphobe Hinterwäldler*innen "eh schon immer geahnt" hatten: Bisexuelle Männer existieren nicht. Erst vor wenigen Wochen korrigierten sich die Wissenschaftler*innen dann selbst. Eine Anschluss-Studie unter ausgefeilteren Bedingungen zeigte, was Bisexuelle längst wissen: Nämlich, dass es sie gibt. (NOIZZ berichtete)

Bisexualität ist unsichtbar: Eine Tendenz, die sich nicht nur in der Wissenschaft hält, sondern in allen Bereichen unseres Lebens. "Es gibt jawohl superviele Celebritys, die als bisexuell geoutet sind", denkst du dir jetzt augenrollend? Ja, das stimmt wohl – mit der Entertainment-Industrie hört es dann aber auch schon auf. Nach der liberalen Unterhaltungs-Bubble, die sowieso schon immer nicht-heteronormative Lebensentwürfe als Erstes supportete, kommt erst mal nichts. Oder wann hast du das letzte Mal von einem*einer bisexuellen Politiker*in gehört?

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Du bist noch nicht ganz überzeugt, dass Bisexualität unsichtbar ist? Besonders einfach veranschaulicht das unsere Gesetzgebung. In der tauchen bisexuelle Menschen nämlich schlichtweg nicht auf. Sie sind rechtlich praktisch irrelevant. Das liegt vor allem daran, dass unser Rechtssystem zum größten Teil auf einem binären Geschlechtersystem aufbaut.

Gründe genug, um auch nach rund 20 Jahren noch den internationalen Bi Visibility Day zu feiern. Seit 1999 gibt es den Aktionstag, der auf antibisexuelle Diskriminierung aufmerksam machen soll. Wir haben uns zur Feier des Tages durch alle Mythen gewühlt, die über Bisexualität kursieren – und sie mit Fakten widerlegt.

1: "Deine Bisexualität ist nur eine Phase"

Der Mythos: "Deine Sexualität ist nur eine Phase" – ein Satz, den sich nicht nur Bisexuelle anhören müssen. Allerdings ist es in der non-binären Orientierung sehr viel häufiger der Fall. Für Bisexualitäts-Skeptiker*innen ist die Lage klar: Die Person will sich ausprobieren, das Ziel der sexuellen Reise befindet sich dann aber am einen oder am anderen Ende des Spektrums (Heterosexualität oder Homosexualität), dazwischen gäbe es nichts.

Der Fakt: Natürlich ist Bisexualität real und das Vorurteil, es handle sich dabei nur um eine Phase eben genau das: ein Vorurteil. Psychologe M. Paz Galupo, Leiter der LGBTQ-Studien an der Towson University in Maryland, bestätigte 2008 gegenüber dem Online-Magazin "Livescience": Die Behauptung, Bisexualität sei ein Übergangsstadium, beruhe größtenteils auf Anekdoten und nicht auf empirischen Daten.

Sexualforscherin Lisa Diamond hingegen hat die wissenschaftlichen Belege: Sie untersuchte über zehn Jahre hinweg 79 Frauen im Alter von 18 bis 25 Jahren, die sich als bisexuell oder lesbisch betrachteten oder sexuelle Label ablehnten. Wie sich zeigte, wechselten bisexuelle Frauen zwar im Laufe der Zeit zwischen ihren sexuellen Labels, allerdings switchten sie zwischen "bisexuell" und "nicht sexuell gelablet" – und nicht etwa zwischen "bi-" und "heterosexuell".

Symbolbild: Bisexualität

2: Bisexualität bezieht sich nur auf Männer und Frauen

Der Mythos: Bisexuelle stehen nur auf Männer und auf Frauen.

Der Fakt: Der Begriff "bisexuell" bezieht sich historisch gesehen nicht auf Männer und Frauen, sondern auf "gleich und verschieden". Damit ist gemeint, dass man sich sexuell zum eigenen und einem weiteren Geschlecht hingezogen fühlen kann. Das schließt demnach unter anderem auch nonbinäre Personen ein.

Die bisexuelle Aktivistin Robyn Ochs beschrieb es in einer mittlerweile populären Definition so:

Ich nenne mich bisexuell, weil ich anerkenne, dass ich das Potenzial habe, mich – romantisch und/oder sexuell – von mehr als einem Geschlecht angezogen zu fühlen, nicht unbedingt zur gleichen Zeit, nicht unbedingt auf die gleiche Weise und nicht unbedingt in gleichem Maße.

Symbolbild: LGBTQ

3: Bisexuelle können nicht treu sein

Der Mythos: Wenn sich jemand zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlt, dann muss er*sie doch sicher jederzeit Sex mit beiden Geschlechtern haben wollen, oder? Nope.

Der Fakt: Nur weil beispielsweise eine Frau Männer und Frauen lieben und als sexuell anziehend empfinden kann, heißt das noch lange nicht, dass sie* nicht monogam Leben kann und möchte. Auch das haben Untersuchungen längst bewiesen. Sexualforscherin Lisa Diamond ließ es sich einst von einer bisexuellen Frau so erklären: "Ich kann zwischen einem roten und einem schwarzen Auto wählen, aber ich habe nur eine Garage für ein Auto!"

4: Bisexuelle Personen sind hetero- oder homosexuell, wenn sie in einer monogamen Beziehung leben

Der Mythos: Ein weiteres hartnäckiges Vorurteil ist, dass Personen nicht mehr bisexuell sind, sobald sie in einer heterosexuellen oder homosexuellen Beziehung leben.

Der Fakt: Jup, auch das stimmt schlichtweg nicht. Die Erfahrungsberichte etlicher Bisexueller sind Zeuge. Es gibt sogar eine ganze Bewegung, die unter dem Hashtag #StillBisexual gehör findet – und demonstrieren soll, dass bisexuelle Menschen unabhängig von ihrem Beziehungsstatus bisexuell sind.

5: Bisexuelle sind exakt zu 50 Prozent von dem eigenen und zu 50 Prozent von einem anderen Geschlecht anzogen

Der Mythos: Bisexuelle fühlen sich zu gleichen Teilen von zwei Geschlechtern angezogen.

Der Fakt: Obwohl sich viele Bisexuelle (vor allem im englischen Sprachraum) als "50/50" bezeichnen, ist diese Beschreibung nicht wörtlich zu nehmen. Erstens fühlen sich nicht alle Bisexuelle von beiden Geschlechtern in gleichen Maßen angezogen – außerdem der Grad der Anziehung im Laufe der Zeit variieren.

Wie divers Bisexualität ist, illustriert die erstmals 1948 veröffentlichte Kinsey-Skala von Sexualforscher Alfred Charles Kinsey. Sie dient als Versuch, das komplexe Thema der menschlichen Sexualität in Zahlenwerten zu erfassen.

Die Kinsey Skala

Die Skala zeigt ein Spektrum von "ausschließlich heterosexuell" bis "ausschließlich homosexuell" und offenbart das große Spektrum der Bisexualität, das sich im Gegensatz zu den binären Orientierungen anstatt in eine in ganze fünf verschiedene Erfahrungen unterteilt: Von "überwiegend heterosexuell, nur gelegentlich homosexuell" über "gleichermaßen heterosexuell wie homosexuell" bis "überwiegend homosexuell, nur gelegentlich heterosexuell".

  • Quelle:
  • Noizz.de