Warum nehmen wir uns heraus, die Beziehungen anderer zu be- oder verurteilen? Oft meinen wir, genau zu wissen, dass die neue Liebschaft so gar nicht zu jemandem passt. Geht uns das überhaupt etwas an? Und wie sollen wir selbst mit Kritik an unserer eigenen Beziehung umgehen? NOIZZ hat darüber mit einem Psychologen gesprochen.

"Trenn dich", "Warum gibst du dir das?", "Heute so, morgen so – langsam kann ich dich echt nicht mehr ernst nehmen". Jeden dieser Sätze habe ich bestimmt mindestens einmal von einer meiner Freundinnen zu hören bekommen, wenn ich mal wieder über den Mann sprach, den ich zu diesem Zeitpunkt vermeintlich liebte. Während ich mir trotz Beziehungsproblemen eine schillernde Zukunft ausmalte, sahen sie gerade wegen der Beziehungsprobleme das Ende in greifbarer Nähe.

Ich räume zwar ein, zu Übertreibungen zu neigen und eher das Schlechte als das Gute zu betonen, doch für mich sind Freundschaften ein Safe Space, in dem laut gedacht werden darf und zwar ganz ohne Urteil. So sollte es zumindest sein. Ist es aber nicht. Welcome to Reality.

Wenn ich mit meinen Girls über meine Beziehung spreche, fühle ich mich grundsätzlich schlecht danach. Ich hinterfrage mich und selbstverständlich meinen Partner. Hat eine Beziehung ihren Stempel erst einmal weg, ist es wie bei einer negativen Schufa – kommst du nicht mehr raus.

Doch warum ist das eigentlich so: Warum verurteilen wir ständig die Beziehung anderer? Warum können wir es so schlecht sein lassen, uns einzumischen? Wieso versuchen wir unseren Freund*innen den*die neue*n Lover*in gar auszureden?

Eine Flasche Wein und einen Pott Verunsicherung bitte

Wir nehmen in einer x-beliebigen Hamburger Bar Platz. Zwischen uns eine Flasche Weißwein. Vor jedem von uns eine Schachtel Kippen. Mein Vorsatz des Abends: Das Thema Beziehung wird krampfhaft umschifft, komme was wolle.

Dann irgendwann: "Und gibt’s was Neues von deinem Macker? Ist er gut zu dir?" – "Ja, Ja. Klaro" – "Ach, komm schon! Was hast du?" Ich ziere mich auszupacken. Mein Mitteilungsbedürfnis siegt aber. Ich erzähle vom Alltag, kleinen Streitereien und von allen Situationen, die mich beschäftigen und mich hinterfragen lassen. Sie seufzt: "Ach Lena, was soll ich dir dazu noch sagen? Du wirst schon wissen, was dir gut tut und was nicht. Ich kann dir nur sagen: Er ist es nicht und ich hab auch keinen Bock den nochmal zu sehen." Ihr Urteil ist gefallen. Ich bin ratlos.

Symbolbild: Pärchen

Auf meinem Nachhauseweg quälen mich Zweifel: Hat sie Recht? Bin ich zu blind, um zu sehen, was mir gut tut und was nicht? Wird sie ihre Meinung überhaupt nochmal ändern können? Doch allem voran löst es den Druck in mir aus, meinen Partner nicht in mein Leben integrieren zu können.

Wenn ich du wäre

Vor mehr als drei Jahren lernte eine meiner engsten Freundinnen ihren Partner kennen. Sprechen wir heute über ihre Beziehung, denke ich: Mann, das klingt einfach richtig gesund, was ihr da habt – das will ich auch. Doch das war nicht immer so. Anfangs versuchte ich, ihr ihre Beziehung beharrlich auszureden. Er behandelte sie nicht so, wie sie es in meinen Augen verdient hatte.

Ich hatte kein Interesse, ihn überhaupt richtig kennenzulernen. Ein flüchtiger Händedruck und ihre Geschichten reichten mir für das Bild, das sich in meinem Kopf von ihm zusammensetzte. Mit denselben leeren Phrasen distanzierte ich mich damals von ihr: Naja, du wirst schon wissen, was gut für dich ist – nur er ist es in meinen Augen nicht.

Trotz meiner Ansprachen hielt sie an der Beziehung fest. Heute ist sie stabiler denn je. Ich schäme mich manchmal dafür, wie ich über ihren Freund dachte und bewundere sie stets, ihrem Herzen gefolgt zu sein. Außerdem frage ich mich rückblickend: Wer bin ich schon, dass ich mir herausnehme, über eine Beziehung zu urteilen, die nicht meine ist? Was hat mich dazu verleitet? Wollte ich doch für meine Freundinnen immer genau der Safe Space ohne Urteil sein, den ich mir so sehr von ihnen wünschte.

Ein Bad in der gesamten Gefühlspalette

Es ist einer der ersten ungemütlichen Herbsttage dieses Jahres, an dem ich mit Diplom Psychologen Michael Thiel zum Gespräch verabredet bin.

Mich plagt vor allem die Frage nach dem Warum: Warum neigen wir dazu, die Beziehungen unserer Freund*innen zu verurteilen? Herr Thiel erklärt mir, dass es dafür mehrere Gründe geben könne: "Die positive Seite wäre, dass wir in einer stabilen Freundschaft darauf Bedacht sind, dass unsere Freundin glücklich ist. Wenn wir also das Gefühl haben, sie steckt in einer Beziehung fest, die ihr nicht gut tut, wäre es logisch zu sagen: Du, ich mach mir echt Sorgen um dich. Seit du mit dem Kerl zusammen bist, hast du dich für mich negativ verändert. Kann es sein, dass diese Beziehung nicht gesund für dich ist?

Negativ kann es dann werden, wenn ich selbst Probleme mit Beziehungen habe: Wenn ich aus einer solchen Situation heraus die Beziehung meiner Freundin kritisiere, erhöhe ich dadurch mein eigenes Selbstwertgefühl. Ich gebe ihr den Eindruck, über den Dingen zu stehen und es sowieso besser als sie zu wissen. In solchen Fällen kann Neid übrigens auch eine Rolle spielen."

Symbolbild: Paar

Heißt das also, wir diskutieren gern mit unseren Freund*innen über deren Beziehungen, um unsere Sensationslust zu stillen? Puh.

Noch bevor ich anfange diesen Text zu schreiben, weiß ich: Nicht alle Freund*innen wollen einen selbstlos vor Herzschmerz retten, wenn sie ungefragt mit ihren Ratschlägen lospoltern. Doch meine sind davon ausgenommen. So viel ist klar. Auf sie ist Verlass und genau deshalb nehme ich mir ihre Meinung immer zu Herzen – vielleicht ein bisschen zu sehr. Und Herr Thiel weiß wieso: "Freundschaften dauern meist länger als Beziehungen. Und je jünger ich bin, desto mehr bin ich davon überzeugt. Denn der erste Partner ist im Regelfall nicht der, den man sein ganzes Leben lang behält. Mit meiner guten Freundin bin ich aber schon durch dick und dünn gegangen. Wir kennen uns in und auswendig und sagen uns auf jeden Fall die Wahrheit. Auf ihr Urteil baue ich."

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Die Urteile können aber auch ganz schön wehtun. Vor allem dann, wenn sie nicht so ausfallen, wie wir sie gern hätten. Ich denke an die Zweifel, die mich oft nach Gesprächen mit meinen Freundinnen plagen und beschreibe Herrn Thiel meine Gefühlslage. Er nickt verständnisvoll, als ich ihn frage, wie ich gesünder mit Urteilen umgehen könnte: "In dem man zu seiner Entscheidung steht und mit einem gewissen Selbstbewusstsein an die Sache herangeht. Man könnte der Freundin beispielsweise sagen: Ich höre mir deine Meinung an und schätze diese auch, aber letzten Endes ist das mein Leben. Du als meine Freundin möchtest doch, dass es mir gut geht und ich fühle mich in dieser Beziehung zur Zeit wohl. Lass uns also über alles andere sprechen, aber ich stehe zu meiner Entscheidung. Und vielleicht falle ich in ein paar Monaten mit dem Kerl auf die Nase. Es ist zwar schön, dass du mich davor beschützen willst, doch ich will meine eigenen Fehler machen und aus ihnen lernen. Ganz wichtig ist es hier deutlich zu machen: Ich weiß du meinst es gut mit mir, aber das heißt ja nicht, dass ich dir blind folge und mein Denken und meinen Kopf abgebe."

Auch Ratschläge können Schläge sein

Ich erzähle Herrn Thiel außerdem von meiner Freundin, der ich ungefragt miserable Ratschläge gegeben habe. Heute, ein paar Jahre weiser, habe ich verstanden, dass es mir überhaupt nicht zustand zu urteilen, doch damals war ich fest davon überzeugt im Recht zu sein. Herr Thiel lacht geduldig: "Es gibt so einen schönen Spruch: Auch Ratschläge können Schläge sein. Mit jedem Ratschlag, der auch noch so gut gemeint ist, stelle ich mich über meine Freundin. Und mal ganz davon ab: Ihr seid alle keine Therapeuten. Selbst ich bin vorsichtig, wenn jemand mit Liebeskummer in meine Praxis kommt. Ich versuche ihn eher zu begleiten und eigene Entscheidungen treffen zu lassen, anstatt Ratschläge zu geben. Menschen und Beziehungen entwicklen sich. Deine Freundin und der Kerl lernen sich kennen, wachsen zusammen und gehen anders miteinander um. In Beziehungen ist alles im Fluss und verändert sich ständig. Finger Weg von Schwarz-Weiß-Ratschlägen und -Denken!"

Ich habe damals heftig daneben gegriffen. Ich weiß. Ich möchte von Herrn Thiel wissen, was ich tun kann, damit mir sowas nicht noch einmal passiert. Ein kurzer Seufzer. Er holt tief Luft: "Wir sollten die Beziehungen unserer Freunde nur dann einschätzen, wenn wir danach gefragt werden – ansonsten halten wir den Mund. Kleiner Psychotrick: Wenn wir nach unserer Meinung gefragt werden und nicht lügen wollen, können wir mit Kleinigkeiten anfangen, die uns am neuen Partner unserer Freundin stören, bevor wir ihr die volle Breitseite geben. So lügen wir nicht, aber wir sagen nicht direkt alles, was wir denken. Freunde können Stress in unserem Leben reduzieren. Das Beste, was ich also tun kann, wenn es meiner Freundin wegen ihrer Beziehung schlecht geht, ist einfach da zu sein, also parat stehen und zuhören. Ansonsten halten wir uns raus."

Wir beide gegen den Rest der Welt

Zum Abschluss frage ich Herrn Thiel, wie sich die Urteile unserer Freunde langfristig auf unsere Beziehung auswirken können. Auch hier gibt es wieder zwei Möglichkeiten: "Die eine Möglichkeit nenne ich 'Wir beide gegen den Rest der Welt'. Das heißt: Je stärker die Freunde gegen die Beziehung schießen, desto enger schweißt es das Paar zusammen. Die zweite Möglichkeit ist die sogenannte selbsterfüllende Prophezeiung: Die Sticheleien von Freundinnen können sowas wie ein kleines Teufelchen im Kopf wecken, das dafür sorgt, dass man selbst denkt, dass der eigene Partner doch genau so sei, wie die Freundinnen ihn sehen. Das kann so weit gehen, dass man nur noch darauf achtet, was der Partner falsch macht, um eben für sich selbst das negative Bild der Freundinnen bedienen zu können."

Es liegt an mir und nicht an dir

Nach dem Gespräch mit Herrn Thiel fühle ich mich ein bisschen selbstbewusster und irgendwie reflektierter. Wenn ich eines verstanden habe dann, dass es immer an einem selbst ist, Drama aus dem eigenen Leben heraus zu halten und die persönlichen Grenzen stetig neu abzustecken.

Ich werde meine Beziehungen nicht mehr zu einer Telenovela-Folge machen lassen, zu der jeder mal seinen Senf dazu geben darf und mir so beißende Zweifel ersparen. Dass ich keine ungefragten Ratschläge mehr verteile, dürfte wohl klar sein. Und ihr solltet das auch nicht. Euren Freund*innen zu Liebe.

  • Quelle:
  • Noizz.de