"Meine Huren haben Ansprüche."

Aurel, 45 ist Bordell-Betreiber. In Berlin war er bis jetzt einer der Geschäftsführer des "Werdauer Reloaded", das selbst-ernannte "erste Hipster-Puff Deutschlands". Jetzt trennt er sich von dem Etablissement. NOIZZ erklärt er, warum – und dass es eine Frage von Respekt ist, wie gut dein Puff ist.

"Alles, was ich bisher in meinem Leben gemacht habe, habe ich nach gesundem Menschenverstand gemacht. Ich habe niemals in meinem Leben versucht, eine Frau zur Hure zu machen. Deswegen hatte ich auch bisher noch nie ein Problem damit. Ich bin immer offensiv damit umgegangen.

Ich bin vor 19 Jahren nach Berlin gekommen und in einer WG in Kreuzberg gewohnt. Damals habe ich mit zwei anderen Freunden begonnen, eine Escort-Agentur zu betreiben. Ich bin studierter Betriebswirt, also hatte ich Grundwissen, was Organisation betrifft. Nach ein paar Jahren kam einer auf die Idee: Wir müssen ein Puff machen.

Der meinte, damit verdient man wohl jeden Tag tausend Euro. Da waren wir Feuer und Flamme. In meiner jugendlichen Unerfahrenheit hatte ich aber ein bisschen vergessen, dass man für 1.000 Euro am Tag auch arbeiten muss. Nach drei Monaten waren unsere Gesichter entsprechend lang. Die beiden anderen waren schneller weg als Road-Runner, ich hatte den Mietvertrag unterschrieben und hatte plötzlich einen Puff am Arsch.

Vorurteile gibt es viele

Eins der größten Vorurteile gegen Bordellbesitzer ist wohl, dass ein Puffbesitzer immer mit seinen eigenen Frauen ins Bett geht. Das höre ich immer wieder von Kunden am Telefon, die wissen wollen, ob ich "diese schon getestet" hätte, oder wüsste, "wie gut diese" denn sei. Dazu kann ich immer nur antworten: Weiß ich doch nicht. Ich schlafe nicht mit meinen Frauen.

Es stimmt auch nicht, dass alles Geld schwarz verdient wird. Das kann ich zumindest von mir und den Puff-Besitzern, mit denen ich zu tun habe, behaupten.

Im Rahmen des Prostitutionsgesetzes, was seit 2017 raus ist, haben sich diverse politische Gremien ergeben, zu denen auch ich gehört habe. Es gibt auch den runden Tisch Prostitution, wo ich eingebunden bin und Arbeitsgruppen vom Berliner Senat, wo ich auch zu Rat gezogen worden bin. In den letzten Jahren war ich einer von denen, die dort am aktivsten war.

Ein guter Freund von mir ist Innenarchitekt, der auch viele Puffs von innen gesehen hat. Zusammen haben wir uns darüber aufgeregt, dass jeder Puff von innen scheiße aussieht. Alle haben eine Plastikpalme und Tigerfell an der Wand. Als wir dann das "Werdauer Reloaded" eingerichtet haben, hat er geholfen, es schick zu machen.

Vor 10 Jahren war ja auch jeder Backshop in der Tankstelle hässlich. Mittlerweile sind selbst die cool. Der Anspruch, was Schönes zu machen, kann jetzt auch schon für kleines Geld umgesetzt werden.

Die Mädchen, die bei mir arbeiten, sind anders

Meine Huren haben Ansprüche. Das liegt daran, weil ich als Bordell-Betreiber anders an die Sache rangehe. Wenn ich auf meiner Internetseite meine Sex-Workerinnen auf "dicke Titten, feuchte Muschi und geilen Sex" reduzieren würde, dann können ja keine geilen Frauen bei mir landen. Das war vor zwanzig Jahren schon scheiße. Wenn ich wirklich coole Frauen haben will, dann muss ich die doch zumindest so weit beschreiben, dass mein Kunde auch die Frau ernst nimmt. Kunden sagen mir oft, dass sie es interessanter finden, zu wissen, ob eine Frau lieber Bier oder Prosecco trinkt, ins Berghain geht oder in einer Cocktailbar chillt. Wenn ich über die Frauen nichts weiß, dann ist das Ganze nur auf so eine "Freier-Sex-Worker"-Ebene reduziert.

Am Telefon bin ich immer freundlich mit meinen Kunden. Manchmal wundern die sich darüber. Aber wenn ich nicht freundlich bin, dann sind die auch nicht freundlich zu den Frauen, die bei denen ankommen.

Ich habe mir noch nie Gedanken darüber machen müssen, irgendwo eine Frau zu finden. Die kommen alle auf mich zu. Ich kann mir dann aussuchen, welche zu meinem Etablissement passen. Alle Frauen, die zu mir kommen, müssen eine Gesundheitsberatung und einen Hurenpass bekommen.

Die Frauen bleiben gerne bei mir

Eine gute Hure macht aus, dass sie hinter dem steht, was sie macht und dass sie Bock darauf hat. Von vorneherein kann ich das natürlich nicht erkennen, aber man kann es schon erahnen daran, ob sie beim Reinkommen lächelt oder nicht. Wenn eine Hure nicht wirklich zu uns passt dann verdient sie ja auch nichts – dann entlassen die sich in der Regel innerhalb von drei Tagen selber.

Die Freier sind viel jüngere Männer, als man denkt

Jede Frau entscheidet selber, was sie wie lange mit welchem Gast machen will. Darüber habe ich keine Information und frage auch nicht nach. Wenn ein Kunde mich fragt, was "im Preis mitinbegriffen" ist, dann muss ich ihm sagen, dass er alles Weitere mit der Frau besprechen muss. Die Kunden, die dreimal am Telefon fragen, was sie alles für welchen Preis machen können, sind meistens auch die unangenehmen Kunden. Allerdings erzählen mir meine Frauen, dass 80 Prozent der Kunden super cool und nett sind.

In den letzten 19 Jahren hat sich Prostitution zum Besseren gewendet

Durch die durchgängige Kondompflicht und das Prostitutionsgesetz gibt es absolut keine Diskussion mehr über irgendwelche Leistungen, die Kunden nicht gefallen. Vor zehn Jahren noch gab es dauernd Diskussionen darüber, was "Französisch ohne" bedeutet – jetzt gibt es keine Diskussionen mehr. Selbst wenn ich mit meinem Auto Taxi fahren will, muss ich jedes Jahr zum TÜV, warum sollte das für eine Hure anders sein?

Deutschland ist ein liberales Land und ich gehe davon aus, dass es Prostitution hier noch für die nächsten zehn Jahre geben wird. Letztendlich wird in einer so schnelllebigen Zeit schwierig, eine Prognose für die nächsten zehn Jahre zu formulieren.

Mittlerweile bin ich allerdings wieder auf dem Escort-Markt. Ich und mein Geschäftspartner im "Werdauer Reloaded" haben grundsätzlich andere Ansichten über die Handhabung von Preisen für die Huren. Auf seiner Webseite preist er an: 15 Minuten für 30 Euro. 12 Euro Zimmermiete und 18 Euro Dienstleistungshonorar. Ich möchte als Dienstleister nichts mit Frauen zu tun haben, die für 30 Euro irgendwas machen. Ich möchte auch mit Männern nichts zu tun haben, die denken, dass sie für 30 Euro mit irgendeiner Frau was machen können. Eine Frau, die sich für 30 Euro prostituiert und dann auch noch was abgibt, die kann kein Respekt vor sich haben und ein Mann, der nur 30 Euro ausgeben will, ist genauso respektlos.

Respekt ist für mich immer noch ein großer Teil von diesem Beruf. Ich habe Frauen, die trinken nicht, ich habe Frauen, die Yoga machen und Frauen, die ihr verdientes Geld investieren können. Und sich für 18 Euro anbieten? Geht’s noch? Das funktioniert nicht, und das will ich nicht.

Die Frauen, die mit mir arbeiten, wollen mit so etwas nichts zu tun haben. Das "Werdauer Reloaded" war Teil eines Wegs, den ich damals gegangen bin. Jetzt ist es ein Learning."

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Protokolliert von Luisa Hemmerling.

  • Quelle:
  • Noizz.de