Wenn du als Akademiker zum Arbeitsamt gehst

Sabine Winkler

Indie, Kaffee & Liebe
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Zwischen lachen und verzweifeln.

Wenn ein befristeter Vertrag in Deutschland ausläuft, bedeutet die Arbeitssuche auch den Gang zur Bundesagentur für Arbeit – vulgo: Arbeitsamt. Dort meinen es zwar alle gut mit dir, aber unfreiwillig komisch ist das schon.

Auf Jobsuche sein nervt.

Ein komischer Schwebezustand zwischen Aufbruch, Euphorie und „Alles ist scheiße“. Hinzu kommt der Orga-Kram, den man lange aufschiebt oder unterschätzt, bis es wirklich nicht mehr auf sich warten lassen kann.

Arbeitssuchend melden, musste ich mich – total gesetzeskonform – bereits drei Monate vor Ende meines befristeten Arbeitsverhältnisses. Das ging online, ganz unkompliziert und hat keine fünf Minuten gedauert.

Ein bisschen wehmütig wird man da schon: Ich mochte meinen Job bei einem Musikmagazin eigentlich ziemlich gerne, aber die Medienbranche ist halt so – Befristungen olé!

Ruhe vor dem Sturm

Seitdem, also seit März, blieb es erstaunlich ruhig. Einmal Post im Briefkasten mit einem Online-Zugang zum Freischalten. Mehr nicht. Dann etwa zwei Wochen vor dem Ende meines Arbeitsvertrages landete eine ominöse „Einladung“  bei mir.

Stark im Auftreten“, nannte sich die Info-Veranstaltung der Arbeitsagentur. Zuerst fand ich das ziemlich witzig. Bei dem Nachmittag im Berufs-Informations-Zentrum in Berlin-Mitte (kurz BIZ – wie lautet eigentlich der Plural von „BIZ“? BIZ‘? BIZZES?!) speziell für Akademiker sollte vorgestellt werden, wie die Arbeitsagentur mich mit welchen Angeboten bei der Jobsuche unterstützen kann.

Das ist, an sich, eine coole Sache und so vom Gesetzgeber vorgeschrieben. Beim Weiterlesen des Briefes bekam das Ganze aber einen unfreiwillig komischen Anstrich.

An diesem Tag solle unter anderem gezeigt werden, wie man die Online-Jobsuche der Bundesagentur für Arbeit verwendet oder sich über Berufe informiert. Ehrlich jetzt? Wow, endlich zeigt mir mal jemand, wie Jobsuche im 21. Jahrhundert richtig funktioniert!

Dann wurde noch mal betont, dass die Veranstaltung sich eben an arbeitssuchende Akademiker richte. Macht es jetzt nicht wirklich besser.

Es hilf nichts, ich muss da hin: Wenn nicht, würde der Anspruch für das Arbeitslosengeld I (ALG I) um eine ganze Woche gekürzt! Für 30 Minuten Veranstaltung, die man dann nicht besucht hätte. Ausnahmen: Krankheitsfall, Bewerbungsgespräch oder Urlaub. Dafür muss man dann ein beigefügtes Formular ausfüllen und es fristgemäß einreichen.

Die Einladung an mich, neuerdings Kunde der Arbeitsagentur – ich bin kein Antragssteller, ein Kunde ... Soll wohl den Wohlfühlfaktor steigern – schließt mit den aufbauenden Worten: „Denken Sie daran, jetzt aktiv zu werden und sich schon zu bewerben, um eine drohende Arbeitslosigkeit zu verhindern!“

Nett auch, dass ihr mich daran zwei Wochen vor Ende meiner Anstellung erinnert. Wäre ich ja niemals drauf gekommen. Mach ich auch schon seit gut zwei Monaten. Aber, was wissen die schon, die kennen mich ja noch nicht. Ist wohl einfach eine Floskel für alle. Schön.

Der Gang zur Arbeitsagentur – ein Weg mit Umwegen

So begebe ich mich also an einem schönen Sommertag, genau drei Tage vor dem Ende meiner befristeten Beschäftigung, auf den Weg zur Agentur für Arbeit. Ich bin vorbereitet und denke, ich bin super clever.

Die Einladung zur Infoveranstaltung hat mich nämlich darauf aufmerksam gemacht, mich spätestens am ersten Tag meiner Arbeitslosigkeit persönlich arbeitslos zu melden. Ich also voll schlau, denke mir: Das kann ich ja top verbinden.

In meinem Brief habe ich sogar einen Papierschnipsel eine „Besucherkarte“ für meine zuständige Agentur erhalten. Komischerweise hat die eine andere Adresse, als der Ort, an dem meine hippe Akademiker-Info-Veranstaltung stattfinden soll.

Ich denke mir nichts dabei und gehe zum angegebenen Ort. Stelle mich in der Schlange an und finde alles ungewohnt gut organisiert für eine Behörde. Sogar die Inneneinrichtung sieht gar nicht so amtig-öde aus: Glänzender Steinboden, kein komischer Teppichbodengeruch, alles ziemlich neu.

Nach nicht mal fünf Minuten warten, trete ich mit meinem Perso vor den Schalter, die Empfangsdame lächelt und beginnt mit ihrer Arbeit. „Ehm, also … Wie soll ich das jetzt sagen. Also, ich habe keinen Zugriff auf ihre Daten, ich kann das hier nicht machen. Sie haben einen Hochschulabschluss, das hier ist leider das falsche Amt“, sagt die Dame nett und etwas mitleidend.

„Okay, verstehe, wo muss ich denn dann hin?“ – „Das ist nur zehn Minuten Fußweg von hier entfernt“, sagt sie und gibt mir die Adresse. Und – oh Wunder! – es ist da, wo ich meinen Termin in circa einer Stunde habe.  Das fängt ja super an.

Neuer Ort, neues Feeling

Also trotte ich durch Berlin Mitte, vorbei an meinem alten Arbeitsplatz, was es nicht gerade besser macht. Als ich vor der richtigen Location stehe, holt mich die Realität ein. Wo ich beim anderen Arbeitsagentur das Gefühl von ungewohnt gut organisiert hatte, ist es hier ganz anders.

Teppichbodenmief, eine lange-lange Schlange am Empfangsschalter. Ich schaue auf die Tafel, die anzeigt, was alles in dem Gebäude untergebracht ist. Ironischerweise ist das Team „Akademische Vermittlung“ da untergebracht, wo auch das Jobcenter, also dort, wo, alle, die schon länger als ein Jahr, in besonderen Fällen zwei, arbeitslos sind, langzeitarbeitslose Hartzer, genauso wie Menschen, die noch nie sozialversicherungspflichtig gearbeitet haben, ist und auch die Stelle für alle unter 25. Besondere Fälle also.

Ich stehe in der Schlange der Arbeitsagentur, wo eben nur jene hingehören, die zumindest theoretisch Anspruch auf ALG I haben. Ständig höre ich „Sie stehen, hier falsch, Sie müssen zum Jobcenter“, wahlweise „Sie sind zu jung, Sie müssen zu den U25-Leuten.“ Na toll, denke ich.

Irgendwann bin ich dran. Wieder Perso raus. In nicht mal zehn Minuten bin ich offiziell als arbeitslos persönlich vorsprechend gewesen. In charmant-direkter Berliner Art kriege ich mit auf den Weg: „Na, den Antrag selbst könn' Se dann online stellen. Tschüss!“. Danke fürs Gespräch.

Let the show begin

Dann gehe ich weiter durch ein kühles, menschenleeres Treppenhaus Richtung BIZ. Ich öffne die Tür und tauche ein in eine farbenfrohe, orange-rote Welt in einem modernen Neubau. Das ist schon angenehmer als die Amtsstube vorher. Ein bisschen komisch ist es trotzdem: Jugendliche laufen ziellos durch die Gänge, alles schreit hier nach Schulungs- und Seminargebäude, ein bisschen erinnert dieser Ort an eine Berufsschule.

Ich muss in Raum A.  Davor warten auch schon zwei Männer, die mir netterweise meine Einladung wegnehmen. „Das ist der Nachweis, dass Sie auch wirklich hier waren.“ Okay, so einfach also. Ich betrete den lichtdurchfluteten Vortragsraum, eine PowerPoint ist bereits an die Wand projiziert:

Anscheinend legt man hier viel Wert auf Pünktlichkeit. „Wir warten noch zwei Minuten auf Leute, die die U-Bahn oder so verpasst haben“, updatet uns der Mann, den ich als Chef des Teams vermute. Zwischendurch betreten immer neue Gesichter den Raum.

Manche gestresst: „Ach, ich musste das mitbringen, die Einladung? Hab ich verloren.“ Andere leben seit vier Jahren in Berlin und können kein Deutsch. „There isn’t any English version of this event, sorry.“ Hier bleiben müssen sie trotzdem, ob sie was verstehen oder nicht.

Wie meine persönliche anonyme Selbsthilfegruppe

Ich beobachte den Raum und die Menschen die sich zu mir gesellen. Die meisten durchblättern die uns mitgelieferte – sehr sinnvolle – Broschüre: „Informationen für Ausbildungssuchende. Die JOBBÖRSE unter www.jobboerse.arbeitsagentur.de Ein Leitfaden für Ausbildungssuchende“. Also sexier kann ein Faltblatt gar nicht benannt werden.

Aber Moment? Ausbildungssuchende? Ehm bin ich falsch? Wir haben doch alle einen Uniabschluss dachte ich?

Als hätte er meine Gedanken lesen können, begrüßt uns jetzt ganz offiziell der Teamleiter der akademischen Vermittlung: „Sie sind alle hier, weil ihre Beschäftigung bald endet und Sie einen akademischen Abschluss haben.“

Okay, ich bin doch richtig. Und er zeigt sogar ein wenig Verständnis für Menschen wie mich, die hier auf ihrem Stuhl sitzen und sich fragen: What the hell am I doing here? „Das meiste, was wir Ihnen jetzt sagen, kennen Sie wahrscheinlich schon, Sie sind ja nicht dumm.“ Während ich die Broschüre durchblättere, habe ich das Gefühl, die denken es doch. Schritt für Schritt wird mir dort erklärt, wie ich online nach einem Job suche. Danke.

Sag mir was Neues, liebe Broschüre! Foto: privat

Ein bisschen wirken wir wie eine verkappte Selbsthilfegruppe. Niemand will hier sein. Die anonymen ALG-I-Akademiker. Rund 50 Männer und Frauen, die der Zwang zu dieser Veranstaltung, ein Hochschulabschluss und das Kündigungsdatum ihrer bisherigen Stelle eint.

So was kann sich nur der Staat ausdenken. Kurz vor knapp kommt noch ein blondes Mädel mit einer beeindruckend exzessiven Shoppingausbeute in den Raum. Das ist auch ein Statement.

Aber es geht los mit der billig gemachten PowerPoint, die den israelischen Staatspräsidenten Netanjahu neidisch machen würde. Uns stellt sich die Leiterin des BIZ vor. Mein letzter Kontakt mit dem BIZ stammte aus Schulzeiten.

Da hatten wir einen Berufsorientierungstag und sollten einen Test machen, welcher Job am besten zu uns passen könnte. Bei mir kam raus, ich solle Puppenspiel in Augsburg studieren. Dann wäre ich jetzt vielleicht Mitglied des Ensembles der Augsburger Puppenkiste und nicht hier. Hätt ich mal auf die gehört.

Wie aber kann uns das BIZ denn nun helfen – fertig, top ausgebildet und auf der Suche nach einem neuen Job? „Wir sind sehr stolz auf unsere Bewerbungs-PCs“ – Oh,  aber die schreibe ich an meinem Laptop, und 90 Prozent aller Bewerbungen gehen heutzutage digital raus. Aber okay.

Außerdem gibt es Zeitschriften mit speziell akademischen Stellenangeboten. Okay, nett, nett. Irgendwie tut mir die Frau leid, wie sie da vor uns steht. Sie weiß, dass das eigentlich nicht so krass für uns ist und dann, als müsste sie noch irgendwas sagen, macht sie es nur noch schlimmer: „Also, heute Abend ist zum Beispiel eine Infoveranstaltung der Berliner Polizei.“ Darüber könnte ich sicher den nächsten Ich-Artikel schreiben, aber wirklich weiterbringen tut mich das leider nicht.

Mehr Frust in 30 Minuten geht nicht

Weiter geht der 30-Minuten-Tubrovortrag mit dem Berufspsychologischen Service. Das klingt doch mal interessant. Ernüchterung folgt sogleich, als die Diplom-Psychologin und dieses Angebot genauer vorstellt.

Ein Profiltest, der die eigenen Stärken und Schwächen filtert und mit dem man gezielter sich bewerben kann. Während meiner Unizeit habe ich gefühlt hunderte dieser Test gemacht. Die meisten in diesem Raum sind Mitte 30 oder älter, ein paar so wie ich eher Mitte, Ende 20. Ich frage mich halb lachend, halb weinend, ob wir wirklich noch so einen Test brauchen. Hat die Generation Y wirklich so einen scheiß Ruf?

Zum Abschluss will uns unser Teamleiter noch einmal die essentiellen Bausteine der Arbeitsagentur vorstellen. Dazu blendet er eine wirklich schreckliche, schreckliche Folie à la „Nachdenkliche Sprüche mit Bildern“ ein, auf der steht geschrieben „Erfolg hat deinen Namen!“, so als ob wir es alle hinausschreien sollten in die Welt, lauter als wir es können. Ich kotze im Strahl. Natürlich nur gedanklich. Erfolg = Sabine, verstanden.

Wann hört das auf?

Es hört damit auf, womit es angefangen hat. Wieso bin ich eigentlich hier? Es gibt eine Online-Jobsuche. KRASS. Man kann auch in den Gelben Seiten suchen. Okay, cool, na ja, die gibt’s ja jetzt auch im Internet zum Glück.

Und ich kann auch online suchen, welche Jobs zu meiner Ausbildung passen. Das ist alles nett gemacht, und ich weiß ja, die meinen es nur gut. Ich möchte auch wirklich nicht überheblich wirken, aber diese 30 Minuten fühlten sich an wie die größte Zeitverschwendung meines Lebens. Wir sollten am besten unsere persönlichen Netzwerke nutzen, heißt es im Abschiedswort. Was auch irgendwie so viel bedeutet wie: Wir können Ihnen nur bedingt helfen.

Ich verlasse den Raum, einige übereifrige rennen direkt zu den Betreuern und fragen irgendwas. Ein bisschen ist das wie in der Schule. Und ich denke mir: Ich suche lieber zuhause am heimischen Laptop nach Jobs, die wirklich zu mir passen.

Das nächste Mal, wenn ich zur Arbeitsagentur komme, habe ich mein persönliches Vermittlungsgespräch. Klingt wie eine Kuppelbörse. Wann, weiß ich noch nicht. Aktuell könnte ich, der Kunde, meinem Vermittler sagen: „Ich bin in mehreren Bewerbungsverfahren, und solange möchte ich als Freiberufler arbeiten, okay?“ Und vielleicht wird er darauf antworten: „Okay, aber kennen Sie auch schon das Angebot der Jobsuche?“

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