Unser Autor Arne Lehrke ist irritiert von Männergrößen. Ein Kommentar.

Ich war nie besonders schlank oder durchtrainiert. Andere Menschen haben genügend Disziplin, um auf ihre Ernährung zu achten oder regelmäßig Sport zu treiben.

Ich bewundere das, aber ich war insgesamt einfach immer viel zu zufrieden mit meinem Äußeren, als dass ich mich zu mehr Aktivität hätte nötigen können. Die gelegentlichen Zweifel, wenn man sich mit bestelltem Essen sonntags von der einen Bettseite auf die andere rollt, um nach der Flasche Eistee zu greifen, waren einfach nie stark genug gewesen.

Ich bin mittlerweile 27 Jahre alt und habe nach einem begonnen Studium eine Ausbildung gemacht und danach in Praktika und festen Jobs gearbeitet. Wer den ganzen Tag im Büro sitzt und danach lieber Bier trinken geht, als sich mit Sporttasche bewaffnet ins Fitness-Studio zu schleppen, wird irgendwann zwangsläufig zunehmen.

So vollzog sich ein schleichender Prozess und in zwei, drei Jahren entwickelte ich die stattliche Statur eines Superschwergewichtsboxers in der Massephase. Geboxt habe ich allerdings nie.

Mit 105 Kilogramm auf 1,88 Metern bin ich laut BMI-Rechner übergewichtig. Damit habe ich mich abgefunden und, ehrlich gesagt, ich möchte auch gerne etwas dagegen tun. Es wird wieder mehr Fußball gespielt, ich freunde mich mit Salaten an und sogar dem Fitnessstudio werde ich wohl mal wieder etwas Geld in die Hand drücken.

Ich bin nicht mehr zufrieden mit mir selbst.

Body-Shaming gibt es nicht nur bei Frauen, auch wenn sie mit Sicherheit wesentlich häufiger Opfer davon werden. Vor einigen Monaten stellte ich fest, dass ich nicht nur nicht mehr so einfach in meine alten Hosen passte, sondern vor allem, dass Dinge für mich anstrengender geworden waren. Ich wollte wenigstens etwas für die Kondition tun. Oder eben Cardio, wie der Pumper sagen würde.

Da ich aber tagsüber arbeite und gerne wetterunabhängig nachts etwas zuhause machen wollte, fragte ich meine Facebook-Freunde nach Erfahrungen und Hilfe. Auf eine ganz klare Vorstellung, folgte eine ganz klare Frage. „Facebook-Freunde! Ich brauche schon wieder Hilfe: Ich möchte ein Hometrainer Fahrrad kaufen, aber kein Vermögen ausgeben. Hat jemand Erfahrungen gemacht und kann ein Modell empfehlen?“, postete ich dort.

Was folgte, war eine Lehrstunde in Sachen Schubladendenken. „Wenn du abnehmen willst ...“ und „So änderst du an deiner Figur aber nichts ...“ hagelte es auf mich ein. Meine Ernährung müsse ich auf jeden Fall auch umstellen. Die Erkenntnis ließ nicht lange auf sich warten. „Die Leute halten mich für dick“, reifte es in mir.

Bis zu diesem Zeitpunkt war ich eigentlich immer noch zufrieden mit mir gewesen, aber die pure Anzahl an Kommentaren wirkte schon wie ein Becken von Haien, die nur auf den Tropfen Blut gewartet hatten, um mir endlich deutlich zu sagen, dass ich gefundenes, fettes Fressen für sie bin.

In den nächsten Tagen ließ mir das Thema keine Ruhe mehr, ich zog nur die weiteren T-Shirts und Pullover an und achtete darauf, dass mein Bauch nie zu weit rausgeguckte, egal wie ich saß.

Einige Tage später wollte ich mir für einen familiären Anlass eine schwarze Hose bei H&M kaufen. Da Shopping für mich sowieso eine Qual ist, ging ich einfach zielstrebig auf die Hosen zu, nahm mir von allem Modellen, die farbtechnisch in Frage kamen die größte Option und verschwand in der Kabine. Von allen Seiten hell erleuchtet schaute ich mich im Spiegel an und strich mir über den offensichtlich zu dicken Bauch. „Nimm irgendeine Hose, und schnell wieder weg hier“, sagte ich zu mir selbst.

Also streifte ich das erste Hosenbein über von jahrelangem Fußballspielen gestärkte Waden und versuchte, sie an mir hochzuziehen. Das konnte ich vergessen. Ich schaute irritiert in den Bund, ob ich doch versehentlich eine Skinny-Variante gegriffen hatte, aber es war ein ganz normales Modell.

Also probierte ich die zweite Hose aus. Die konnte ich immerhin bis zur Hüfte hochziehen, auch wenn sie sehr eng saß, doch zu bekam ich sie auch nicht. Anspannung begann sich mit Frust zu mischen.

Die dritte Hose war die weiteste und endlich bekam ich den Knopf eingehakt. Aber keine Chance, würde ich mit dieser Hose eine falsche Bewegung machen, würde der Knopf zum gefährlichen Geschoss werden und unschuldige Passanten durchlöchern, unter so viel Spannung stand er. Schnell schlüpfte ich wieder in meine mitgebrachte, ausgeleierte Hose, die sich im Vergleich wie ein Zirkuszelt anfühlte.

Ich schaute auf die Größe auf dem Papp-Schild an der Hose. Größe 36 konnte ich eigentlich immer tragen, aber anscheinend war es Zeit für die nächste Größe. Mit den Nerven am Limit ging ich zum Regal zurück und suchte nach einer größeren Nummer. Doch es gab sie nicht.

Ich schaute erneut auf das Schild, und nebeneinander waren die Zahlen 28, 30, 32, 34 und 36 aufgedruckt – die hervorgehoben, die man gerade in der Hand hielt. Doch weiter ging die Skala auf den Hosen nicht. Also googlete ich. Bis Größe 42 (XXL) listet H&M auf der Website die Möglichkeiten in der Größentabelle. Mit neuem Mut schlenderte ich also auf eine der Angestellten zu und folgender Dialog entstand:

Ich: „Ich suche eine Hose in meiner Größe.“

Verkäuferin: „Welche Größe haben sie denn?“

Ich: „Anscheinend bräuchte ich eine 38.“

Verkäuferin: „Also so etwas haben wir hier nicht, höchstens Jogging-Hosen.“

Ich wollte sie nicht darauf hinweisen, dass die Website immerhin andere Größen auflistet, die Situation war mir peinlich genug. Ich wollte auch nicht die Jogging-Hosen anschauen, ich wollte nur noch gehen. Ich bedankte mich bei ihr für die Auskunft und verließ den Laden in Windeseile.

Überall waren dort Menschen gewesen, denen die Sachen passten. Ganz normale Menschen. Aus diesem Kreis war ich nun offiziell herausgefallen, da ich nicht mal mehr in den oberen Kreis der Toleranzskala passte. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich das Haus an dem Tag noch mal verlassen wollte. Ich fühlte mich unwohl in meiner eigenen Haut.

Ich war nie besonders schlank oder durchtrainiert. Aber innerhalb kürzester Zeit wurde mir mehrfach das Gefühl gegeben, dass ich nicht mehr akzeptabel sei. Dass ich nicht mehr normal bin. Abnehmtipps ohne gefragt zu haben und die Tatsache, dass keine Hose mehr passt, obwohl ich seit ich 17 Jahre alt war immer etwas bei H&M gefunden habe, haben mein Selbstwertgefühl nicht nur angekratzt, sondern mir richtig wehgetan.

Vielleicht wäre es eine Kleinigkeit, wenigstens die Größenskala so nach oben zu öffnen, dass man nicht das Gefühl bekommt, nicht mehr tragbar zu sein (pun intended). Ich kann aktuell noch darüber lachen, weil ich in vielen anderen Dingen zufrieden mit mir bin und die Chance habe, mich äußerlich zu verändern, wenn ich will. Wie es aber bei anderen Leuten ist, die noch unsicherer sind, will ich mir gar nicht ausmalen. Mit ungefragten Äußerungen zum Thema Gewicht hält man sich auf jeden Fall besser zurück.

Nicht mehr reinzupassen, ist kein schönes Gefühl, und es wird von außen definiert.

Quelle: Noizz.de