Wir haben in einem Cannabis-Laden übers Kiffen ohne High-Werden gesprochen.

Überall liegt er in der Luft, es erschlägt einen fast: der prägnante Geruch des sonst getrockneten, gemahlenen und ins Pape gedrehten Marihuana. Nur, von der illegalen Droge ist in dem Berliner Cannabis-Laden keine Spur. Trotzdem fühlt sich dieser legale Shop an wie ein giftgrünes Kiffer-Paradies. Und vielleicht ist auch genau das der Grund, warum ich den Namen des Ladens nicht nennen darf – man wolle nicht mit Drogen in verbindung gebracht werden. Cannabis ist ein vermintes Gebiet.

Im Hintergrund spielt Hip-Hop, an der Decke prangt ein psychedelisches Muster mit organisch fließenden bunten Linien, im Schaufenster steht eine vermeintliche Cannabis-Pflanze, die sich als Chinesischer Ahornbaum entpuppt.

Und trotzdem: Hier wird mitten in Berlin-Kreuzberg Cannabis verkauft. Aber halt nicht jene Art, die ein paar Meter weiter am Eingang zum Kiezpark verstohlen den Besitzer wechselt. Hier, im Laden, ist alles ganz legal. Zwar (fast) ganz ohne THC, aber immerhin ...

„Cannabis“ bedeutet nämlich nicht gleich Droge, sondern ist erst mal nur ein anderer Name für Hanf. Der Cannabis-Laden spezialisiert sich also nicht darauf, unterm Ladentisch Drogen zu verticken, sondern ganz legal Nutzhanf als Nahrungsergänzungsmittel zu verkaufen. Der wird teilweise sogar im Allgäu angebaut.

Aber worin unterscheiden sich Cannabis mit THC und Cannabis mit CBD?

Den Unterschied kannte ich bis vor Kurzem nämlich auch nicht. Und deswegen stehe ich jetzt hier, in dieser süßlich riechenden Oase, mit Fragen über Fragen an das Dope, das anscheinend gar keins ist. Ich brauche jemanden, der sich auskennt mit der Materie – also löchere ich die CBD-Expertin Svenja* aus dem Cannabis-Laden.

Ich: Also für alle, die genauso ahnungslos sind wie ich: Was ist noch mal was? CBD? THC? Cannabis?

Svenja: CBD und THC sind beides Wirkstoffe in Cannabis. Wer schon mal high war, weiß: Gras rauchen entspannt den Körper, genauso wie es auch für Halluzinationen und verzerrte Wahrnehmung sorgt. Für diese Effekte sind zwei verschiedene Wirkstoffe zuständig. CBD sorgt für die Entspannung, THC für die Psychoaktivität, also für Veränderungen in der Wahrnehmung.

Svenja erklärt mir, dass man THC und CBD einfach ganz klar voneinander unterscheiden müsse. „Aber manche wollen das nicht verstehen, gerade die ältere Generation.“

Cannabis mit THC ist in Deutschland nur legal, wenn der THC-Anteil unter dem gesetzlichen Grenzwert von 0,2 Prozent liegt. Bei dieser Menge wirkt THC noch nicht psychoaktiv. CBD wiederum ist selbst in seiner reinsten Form noch erlaubt.

Ohne THC, dafür mit erhöhtem CBD-Anteil, wirkt das Cannabis dann nur noch entspannend. Sonja fährt fort: „THC macht süchtig – CBD nicht.“ Im Berliner Laden werden die CBD-Produkte trotzdem nicht an Minderjährige verkauft.

Ist CBD-Konsum also Kiffen für Softies?

Viele denken erstmal, dass sie mit CBD kiffen können, erzählt mir Svenja. „Die merken dann ganz schnell, dass da nichts mit High-Werden ist.“ Deswegen muss in- und außerhalb der Szene noch viel Aufklärungsarbeit getan werden. Selbst medizinische Fachleute seien noch unterinformiert.

„Viele Ärzte kennen sich da noch nicht aus und lehnen CBD erstmal ab.“

Außerdem, so Svenja, werden alles verallgemeinert: „Hanf = psychoaktiv = Droge. Und das halt stimmt so nicht.“ Selbst deutsche Pharmakonzerne würden noch hinterherhinken.

Aber stimmt das? Ist Deutschland wirklich so hinterher?

Wir fragen beim größten deutschen Pharmakonzern nach: der Bayer AG. Und – Überraschung! – Svenjas Annahme wird bestätigt. Ein Sprecher des Konzerns teilt mir mit: „Auf dem Gebiet der Cannabis-Anwendung sind wir nicht tätig.“

Ich frage weitere große deutsche Pharmakonzerne, und immer lautet die Antwort ähnlich: „Momentan werden keinerlei Cannabis-Forschungen betrieben.“ Lediglich die Berliner Charité sucht derzeit Probanden für eine Cannabis-Studie zur Behandlung von Schizophrenie.

In Ländern, in denen Cannabis komplett legal ist, sieht das schon ganz anders aus. So zum Beispiel in Kanada. Die Substanz ist dort gesellschaftlicher anerkannter und akzeptierter, was in einer höheren Aufklärungsrate resultiert.

Was mich zur nächsten Frage führt: Würde eine Legalisierung von (psychoaktivem) THC-Cannabis bei der Aufklärung helfen?

Meine Expertin Svenja findet: „Eine regulierte Legalisierung von THC wäre auf jeden Fall richtig.“ Da psychoaktives Cannabis in Deutschland illegal ist, gibt es auch keinen sinnvollen THC-Grenzwert für den Alltagskonsum des high-machenden Cannabis.

Beim illegalen, unregulierten Verkauf von Kiffer-Cannabis können die Cannabis-Produzenten also den THC-Wert ihrer Pflanze in schwindelerregende Höhe genmanipulieren. Der THC-Wert wird übernatürlich hoch gepusht, was bei den Konsumenten für schlechte Trips sorgen kann. Eine Legalisierung könnte das regulieren – und den Konsumenten schützen und Cannabis als Heilmittel kommunizierbarer machen.

Legalize it? Foto: Paul Zinken / dpa

CBD-Cannabis kann nämlich tatsächlich heilend wirken. Offiziell dürfen Mitarbeiter des Cannabis-Laden keine medizinischen Ratschläge geben. Sie dürfen ihre Kunden aber über CBD aufklären, solange sie nicht konkret so was sagen wie „Das können Sie gegen Ihre Schlafstörung nehmen, und das gegen Ihre Depression“. Dabei hat der Konsum von CBD, das behauptet jedenfalls Svenja, schon vielen Kunden des Ladens geholfen.

CBD und der Kampf gegen die Krankenkassen

Svenja erzählt von einer Schmerzpatientin, die dank CBD von all ihren synthetischen Schmerzmitteln weggekommen sei. Allerdings musste sie die Investition selber machen, weil sie Probleme mit ihrer Krankenkasse hatte. Da ein Fläschchen CBD-Öl bis zu 170 Euro kostet, kann eine solche alternative Therapie schnell zu einer finanziellen Last werden.

Um einen Zuschuss von der Krankenkasse zu bekommen, müssten allerdings mehr Forschungen zu CBD als Heilmittel betrieben werden. Da Cannabis in Deutschland gerade durch seine Quasi-Illegalität als Kifferdroge verpönt ist, wird in diese Richtung aber kaum geforscht.

Legalisierung von Cannabis könnte die Droge salonfähig machen. Foto: Paul Zinken / dpa

„Die medizinische Legalisierung ist schon ein riesen Fortschritt“.

Allein, Cannabis ist längst keine klischeehafte Kifferdroge mehr. In dem Berliner Cannabis-Laden lassen sich eine große Bandbreite an Kunden beraten, von der Familienmutter über den Psychologen bis zum Polizisten.

„Der Trend fängt gerade erst an“, sagt Svenja. Wir können uns also in Zukunft auf eine Menge mehr CBD gefasst machen.

[*Name von Redaktion geändert.]

Quelle: Noizz.de