Auch als Atheist!

Weihnachten ist ein richtig merkwürdiges Fest, das irgendwo zwischen Konsum-Kapitalismus und religiöser Tradition eine Identitätskrise zu überwinden hat. Ich kenne richtig viele Leute, für die die Weihnachtszeit, die eigentlich so schön sein sollte, stressig, belastend und traurig ist. Das kann am Druck mit den Geschenken, zerrütteten Familienverhältnissen oder der Tatsache liegen, dass das, was als Kind das schönste Fest im Jahr war, einfach nicht mehr so schön und magisch ist.

Ich bin selbst nicht religiös und kann total nachvollziehen, warum man kein Freund der (katholischen) Kirche und generell von Glaubensgemeinschaften ist. Trotzdem finde ich, dass der Besuch eines Weihnachtsgottesdienstes am 24.12. einfach sein muss. Auch wenn er sicher kein Allheilmittel ist: Hier sind sieben Gründe, warum du an Weihnachten in die Kirche solltest und wieso dir der Gottesdienst am Heiligen Abend hilft, dass Weihnachten wieder weihnachtlich und schön wird – auch für Nicht-Gläubige!

1 – Der Gottesdienst gibt dem 24.12. Struktur und leitet das eigentliche Weihnachtsfest ein

Für viele ist der 24. ein Tag, der vor sich her plätschert und sich gar nicht so besonders oder anders anfühlt. Das finde ich teilweise auch total okay, aber irgendwann reicht's auch. Der Gottesdienst ist die Schwelle zwischen diesem wuseligen in den Tag hineinleben und dem eigentlichen Weihnachtsfest. Durch ihn gibt es ein davor und ein danach. So kannst du alle letzten Vorbereitungen problemlos in der ersten Tageshälfte erledigen, ohne dir deswegen ein schlechtes Gewissen machen zu müssen. Du kannst auch Freunde besuchen, joggen gehen, schon mal einen Sekt aufmachen oder was auch immer gut für dich ist. Wichtig ist: Pünktlich zum Gottesdienst am frühen Abend bist du mit allem fertig, was dem eigentlichen Fest noch im Wege steht. Ab dann ist Heiligabend!

2 – Die festliche Stimmung

Haters gonna hate, aber erst der Gottesdienst lässt die richtig weihnachtlichen Gefühle entstehen. Zwischen Orgel, Krippenspiel, dem Schmettern von Weihnachtsliedern, einer Predigt über Jesu und all den festlichen Menschen, kann man sich einer besinnlichen Stimmung überhaupt nicht entziehen. Egal, wie viel Stress du vor dem Gottesdienst noch hattest: Sobald du in der Kirche bist und warst, spürst du, dass heute Weihnachten ist.

3 – Beten ist wie meditieren

Ich habe das Gefühl, dass Beten ist wahrscheinlich so uncool und unbeliebt wie nie zuvor. Gleichzeitig sind Praktiken wie Yoga oder Meditationen gefühlt total angesagt. Aber eigentlich ist das doch alles das Gleiche. Wenn man mit Religion nichts zu tun hat, okay. Man kann auch beten, ohne dabei an Gott zu glauben. Ich finde die Institution Kirche in vielerlei Hinsicht nicht zeitgemäß. Das christliche Gottesbild hat auch wenig mit meinem eigenen zu tun. Das hält mich aber nicht davon ab, für mich das Beste aus einem Gottesdienst oder einem Gebet zu ziehen. Für mich ist beten einfach eine Art der Meditation. Ich konzentriere mich dabei auf mich, meine Gefühle und meine Gedanken. Es geht nur um den Moment. Ich lasse Revue passieren und komme total zur Ruhe. Dieses Innehalten kann ich jedem ans Herz legen: Betet einfach mal mit und schaut, was ihr für euch aus einem Gebet machen und ziehen könnt. Manchmal muss man die Anti-Hülle einfach fallen lassen und sich auf etwas einlassen.

4 – Die Kirche vermittelt den eigentlichen Wert des Fests: Liebe

Obwohl sich unsere Industrie nach Kräften bemüht, den Schwerpunkt auf Kaufen, Essen, Essen und Kaufen zu legen, geht es eigentlich um was anderes, nämlich um Hoffnung. In der Geburt des Jesuskindes kommt ein Retter auf die Welt. Das muss man nun nicht unbedingt glauben. Aber man kann sich die Geschichte von Jesu Geburt durchlesen und sie als Parabel auf unsere Welt und Gesellschaft betrachten. Es geht um Hildesuchende, das Hinterfragen von Macht und vor allem in letzter Konsequenz um Nächstenliebe. Dabei spielt auch keine Rolle, ob du Atheist, überzeugter Christ oder sonst was bist. Nächstenliebe ist ein Wert, der mit Religion überhaupt nichts zu tun haben muss. Dieses Gefühl ist auch kein sentimentaler Quatsch, sondern zum Beispiel im Angesicht der Flüchtlingssituation so wichtig wie eh und je. Wenn man Nächstenliebe ein bisschen weiter fasst, dann enthält sie vielleicht auch ein Gefühl für globale Krisen wie die Verschmutzung der Ozeane, Massentierhaltung oder das Abholzen der Regenwälder. Genau dieses Gefühl vermittelt der Weihnachtsgottesdienst: enger zusammenzurücken, Rücksicht auf andere zu nehmen, zu geben wenn man hat, sich seines Glücks bewusst zu werden und dankbar dafür zu sein. Wer das verinnerlicht, der entgeht vielleicht auch etwaigen Familiendramen. Zu spüren, wie gut wir es eigentlich haben und wie viele Menschen und Tiere leiden müssen, macht nämlich dankbar und demütig, und damit viel ausgeglichener.

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5 – Weihnachtslieder singen

Hands down: Weihnachtslieder sind Hits. Egal, ob „Stille Nacht, heilige Nacht“, „Oh du fröhliche“, „In Excelsis Deo“ oder „Tochter Zion“ – ein Banger jagt den nächsten. Die Hit-Dichte eines Weihnachtsgottesdiensts kann mit den legendärsten Best-of-Alben der Musikgeschichte mithalten. Mein Tipp: Schnapp dir auf jeden Fall einen Liederzettel, setzt' dich neben ein ebenfalls motiviertes Familienmitglied und lass es einfach mal richtig krachen. Ich selbst singe immer aus vollem Halse mit. Meinen Schwestern ist das manchmal peinlich, aber das Leben ist kein Ponyhof. Hits wollen geschmettert werden, das weiß jeder.

6 – Entschleunigung: Der Spaziergang zur Kirche und zurück

Auch wenn Religion so gut, wie keine Rolle mehr in unserem Alltag spielt: Kirchen gibt es immer noch überall und mit überall meine ich in Lauf-Reichweite. Jeder sollte also innerhalb von maximal 30 Minuten zu einer Kirche laufen können. Mach also genau das, und zwar ohne Ear-Ins im Kopf oder mit deinem Blick aufs Smartphone gerichtet. Manchmal ist weniger mehr. Bei all der weihnachtlichen Reizüberflutung ist ein kleiner, entschleunigender Marsch durch die kalte Luft der Wahnsinn.

7 – Aus kulturellem Interesse

Kirchen und Gottesdienste gehören zu den ältesten Kulturgütern und Traditionen, die noch existieren. Wenn man sich in einen Gottesdienst setzt, ist es das ein bisschen wie Zeitreise und Museum in einem. Das kann man auch einfach mal aus kulturellem Interesse mitnehmen. Wer weiß, wie lange es Gottesdienste überhaupt noch geben wird? Vielleicht sind sie in 30 Jahren schon Geschichte. Dann haben wir sie noch miterlebt und ein bisschen Geschichte geatmet.

Das war's von mir. Frohe Weihnachten :)

P.S. Wenn du in die Kirche gehst, sei zeitig da! Weihnachtsgottesdienste sind gut besucht. Ich würde dir empfehlen, mindestens 30 Minuten vor Beginn vor Ort zu sein, dir direkt einen Platz zu suchen und entspannt Leute zu gucken.

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Quelle: Noizz.de