„Bloß nicht zu schwul sein“, denke ich oft.

Dienstag. 12 Uhr. Berlin-Mitte. „Chaaaaantaaaalle, kaaanste maaal de Kasseee schlieeeßen“, näselt der Rossmann-Verkäufer hinter mir durch den Drogeriemarkt. In meinem Kopf poppt direkt folgender Gedanke auf: Gott, ist der schwul.

Im nächsten Moment erschrecke ich kurz und wundere mich, woher der Gedanke kommt. „Bloß nicht zu schwul sein“ ist etwas, das mir oft durch den Kopf geht. Egal ob auf mich bezogen oder eben auf andere, wie den Rossmann-Verkäufer. Dabei bin ich doch genau das: schwul.

Egal wann, egal wo, ich komme mit meiner Sexualität häufig in Kontakt. Allerdings nicht in einem guten Sinne. Ich verkrampfe. Wenn ich zum Beispiel mit dem neuen Kollegen rede, der heterosexuell ist, gehen mir immer wieder diese Fragen durch den Kopf: Was denkt er über mich? Verurteilt er mich gerade? Bin ich zu schwul?

Diese Gedankenmuster liegen bei vielen homosexuellen Männern in der Kindheit begründet. Ich wurde in der Schule gemobbt und bedroht. Auch im Erwachsenenalter kam es immer wieder mal zu Auseinandersetzungen. In Berlin wurde ich von Rechtsradikalen geschlagen. Wegen meiner Sexualität. Mir wurde immer wieder in meinem Leben ganz klar zu verstehen gegeben: Du bist so nicht okay, wie du bist. Mit dir stimmt etwas nicht. Du bist falsch, und das ist nicht in Ordnung.

Diese Gefühle und Gedanken sitzen so tief, dass sie mich auch heute in meinem Alltag als erwachsener Mann beeinflussen. Wenn ich also mit dem neuen Kollegen rede, den ich verdammt cool finde, bin ich verkrampft und halte mich zurück. Bloß nicht zu sehr ich sein. Er könnte was Falsches von mir denken. Durch meine bisherigen Erfahrungen habe ich Angst vor Zurückweisungen. Ich biedere mich an. Dabei vergesse ich schnell einmal, wer ich eigentlich bin, was mich ausmacht, um bloß nicht den Schmerz der Kindheit zu spüren.

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So geht es mir auch mit meinen heterosexuellen männlichen Freunden. Wir reden ab und zu über meine Beziehungen, aber da ist eine große Scham, die in mir aufkommt. Jedes fucking Mal. Das wiederum macht es natürlich schwer, mich auf irgendwelche Freundschaften mit anderen Männern einzulassen. Der Wunsch nach diesen zwischenmenschlichen Bindungen ist nämlich da.

Allerdings habe ich das Gefühl, durch unsere Gesellschaft und meine traumatischen Erfahrungen, so sein zu müssen, wie meine heterosexuellen Mitmenschen. Dieser Standard-Typ, der glücklich in der Gegend herumgrinst, weil er noch nie eine emotional einschneidende Erfahrung in seinen knapp 20 Jahren auf diesem Erdball erlebt hat. Ich bin neidisch auf seine Unbekümmertheit. Denn während jemand, der zufrieden mit sich selbst aufgewachsen ist auch im Erwachsenenalter glücklich mit sich selbst ist, habe ich Probleme mit meiner Identität. Ich habe Angst. Und das wirkt sich auf meine Beziehungen aus.

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Seit ein paar Wochen versuche ich, dem entgegen zu wirken. Denn meine Normie-Freunde sind sich nicht bewusst, dass ich so ein großes Problem mit meiner Sexualität habe. Wie auch. Ich rede nicht darüber. In meinem Kopf findet also ein Konflikt statt, der nicht real ist. Aus diesem Grund rede ich offener über Sex. Ganz ohne Scham, wenn möglich. Natürlich overshare ich nicht, denn das ist auf jede erdenkliche Weise unangenehm. Ich erzähle, wie ich mich nach einem Date fühle und was es mit mir macht, wenn ich mit einem Typen geschlafen habe.

Bisher sind meine Erfahrungen positiv. Die Beziehungen zu meinen Freunden werden stärker. Dass diese Strategie mit dem neuen Kollegen funktioniert, bezweifle ich. Jedoch hoffe ich, durch meine Offenheit zu mehr Selbstakzeptanz zu gelangen. Ich sammle quasi positive Erfahrungspunkte auf meinem emotionalen Konto. Möglichst ohne Zwang. Und irgendwann, da bin ich mir sicher, werde ich auch meine Sexualität lieben lernen.

Quelle: NOIZZ-Redaktion