Und wie ich diese Scham überwinden möchte.

Scham. Warte einmal kurz. Scham. Denk’ über dieses Wort, dieses Gefühl nach. Rufe es in dir hervor. Versuche, dich damit zu verbinden. Es zu empfinden. Scham.

Das ist es, was schwule Männer die meiste Zeit fühlen. Wenn sie, pardon, wir händchenhaltend die Straße entlanglaufen. Wenn ich einen Mann küsse. Wenn mich jemand fragt, ob ich schwul sei. Scham.

Woran das liegt? Laut dem US-amerikanischen Autor Alan Downs an dem Gefühl, als schwuler Mann in einer heterosexuellen Welt aufzuwachsen. Als schwuler Mann merkst du im Alter zwischen vier und sechs Jahren, dass du anders bist als die anderen Kinder. Deine Eltern merken es auch. Alle merken es. Nur sagt keiner was.

Ich weiß noch, dass ich mich als Kind wirklich so gefühlt habe. Anders. Ich habe mit Autos und Puppen gespielt, war zu Karneval als Erdbeere in einem roten Tutu verkleidet und immer etwas femininer als die anderen Jungs. Dadurch schlugen sich Gräben zwischen mir und ihnen. Sie verstanden mich nicht. Wie auch? Ich verstand mich ja selbst nicht. Sie stießen mich ab, und ich fühlte mich allein. Weil ich war, wie ich war – wie ich bin.

Bevor wir so richtig ans Eingemachte gehen, möchte ich eine Sache klarstellen: In diesem Text geht es um meine Erfahrungen und um das, was ich aus meinem Umfeld mitbekomme. Deine Wahrnehmung kann eine ganz andere sein. Das hoffe ich auch für dich. Falls es dir genauso geht, hoffe ich wiederum, dass du dich in diesem Text verstanden fühlst.

Ich bin also mit dem Gefühl aufgewachsen, anders zu sein, konnte es aber nicht begreifen. Mit Jungs, vor allem diesem heteronormativen Fußballer-Klischee, fühlte ich mich unwohl. Später hing ich mit den etwas assigen Jungs ab, versuchte, irgendwo dazuzugehören. Hauptsache irgendwo. Rauchen auf dem Pausenhof, nach der Schule vorm Rewe abhängen und die älteren Jungs anstacheln, uns Bier zu kaufen. Mit Alkohol fühlte ich mich wohler und konnte die Scham loslassen.

Das Gefühl, anders zu sein, ging aber nie ganz weg. Das gaben mir auch die anderen immer wieder zu verstehen. Wenn sie über Mädchen redeten, über "Titten", "Fotzen" und was auch immer, schielten sie manchmal prüfend zu mir herüber. Ich war an der Schule bereits als "Schwuli" bekannt. Hatten wir schon über Scham gesprochen? Solche Situationen führten noch weiter dazu, dass ich mich schämte – meiner selbst wegen.

Mit Mädchen hingegen fühlte ich mich sicherer. Sie gaben mir ein vertrauteres Gefühl, weil sie dem anderen Geschlecht angehören, wir auf dasselbe Geschlecht stehen, aber auch eine gewissen Distanz entsteht, weil eben unterschiedliches Geschlecht.

Ich schaute als Jugendlicher Hetero-Pornos, interessierte mich aber immer mehr für ihn als für sie. Die aufgepumpte Brust des Mannes fand ich geiler als die der Frau. Unweigerlich kamen Fragen auf: Wieso ist das so? Wieso bin ich so? Wieso bin ich nicht wie die anderen?

Aus dem Gefühl, anders als der Großteil der Gesellschaft zu sein, resultiert laut dem Autor Alan Downs eine lebenslange Krise und das Gefühl, nicht liebenswert zu sein. Und genau daher kommt die Scham. Die fucking Scham, die ich heute als erwachsener Mann noch spüre. Nicht, dass heterosexuelle Menschen sich nicht auch schämen würden. Versteh’ mich nicht falsch. Es ist nur eine andere Art der Scham. Vielleicht auch ein nicht so tief sitzendes Gefühl der Scham.

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Denn als homosexuelles Kind, auch wenn du noch so gute Eltern hast, kann dir keiner das Gefühl nehmen, nicht zu 100 Prozent der großen Masse zu entsprechen. Oder auch einem Bruchteil der Gesellschaft: deinen Eltern, Geschwistern, Verwandten. Dabei möchtest du nichts mehr, als zu sein wie die anderen. Das Verlangen nach Liebe und Anerkennung ist uns angeboren. Als Kind bist du abhängig von der Liebe deiner Eltern.

Aber du kannst dich anstrengen, so sehr du willst, du wirst nie sein wie deine Eltern. Da wird immer ein Unterschied sein: Du bist schwul. Daraus resultiert das eigentliche Problem: Selbsthass. Als schwuler Mann hasse ich mich unweigerlich selbst, denn die Liebe, die andere bekommen habe, blieb mir immer verwehrt. Zwischen mir und meinem Vater war somit immer eine Distanz. Wir konnten nie über Frauen reden. Mit irgendwelchen Männergeschichten bin ich nicht zu ihm gegangen. Sobald das Thema angeschnitten wurde, wurde es komisch zwischen uns. Ich hatte nie eine unbeschwerte Kindheit, weil da immer etwas war, das ich verstecken wollte.

Das ist eine Wahrheit, auf die ich erst vor Kurzem gestoßen bin. Und sie macht Sinn. Ich hatte jahrelang Probleme mit mir selbst. Ich hatte das Gefühl, dass mir etwas fehlte, was die meisten meiner heterosexuellen Freunde als ganz selbstverständlich sehen: Liebe für sich selbst. Ich suchte danach immer in anderen. Hoffte, wenn mich jemand nur lieben würde, dass ich auch Liebe für mich selbst empfinden könnte. Oder ich suchte nach Anerkennung im Äußeren. Zum Beispiel durch einen fancy Lifestyle, teure Klamotten, dicke Jobs und coole Partys. Spoiler: Hat nicht funktioniert.

Stattdessen muss ich mich jetzt mit meiner Wahrheit auseinandersetzen und irgendwie dorthin gelangen, ein authentisches Leben zu leben. In meiner Kindheit haben mir Vorbilder gefehlt. Ich konnte mich an niemandem orientieren. Meine Eltern haben nicht reagiert, als ich ihnen sagte, ich sei schwul. Sie sagten zwar, dass es okay sei, auf dasselbe Geschlecht zu stehen, so richtig angekommen ist das emotional aber nie. Jüngere Generationen haben durch Troye Sivan, Sam Smith und Ruby Rose Vorbilder. Solche Stars gab es zu meiner Zeit nicht.

Das ganze Konzept des "Coming-out" ist ein großes Problem. Es impliziert bereits Scham. Man muss mit der Sprache herausrücken. Man erwartet schlimmstenfalls negative Reaktionen, Bestrafung, Ausgrenzung. Heteros müssen sich diesem Konflikt nicht stellen. Darauf bin ich neidisch.

Denn auch heute, wenn ich neue Freundschaften schließe oder einen neuen Job anfange, wird meine Sexualität früher oder später zum Thema. "Ach, du bist schwul?", heißt es da gerne mal. "Ach, du bist heterosexuell?", habe ich noch nie gehört.

Mit meiner Sexualität setze ich mich gerade erst so richtig auseinander. Ich begreife, dass meine Erfahrungen, das Mobbing, die Anfeindungen, das Gefühl des nicht verstanden Werdens, diesen Selbsthass ausgelöst haben. Dieser schreit jedes Mal laut auf, wenn etwas so richtig schwul ist. Als ich das erste Mal berührt wurde, wenn ich heute händchenhaltend durch die Straßen laufe. Der Selbsthass schreit lauter als alle anderen um mich herum. Da kann ich mir noch so viele "Love Yourself"-Quote-Cards auf Instagram screenshotten und als Hintergrund auf meinem Smartphone einstellen. Ändert an meiner emotionalen Wahrnehmung nämlich nichts.

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Ich würde dir gerne einen Text präsentieren, in dem ich sagen könnte, dass ich gelernt habe, mich selbst zu lieben. Authentisch zu sein. Das ist aber noch nicht der Fall. Ich arbeite daran. Aber die Akzeptanz für mich und meine Sexualität habe ich noch längst nicht erreicht.

In letzter Zeit frage ich mich: Ist die Abwesenheit von Scham gleich Freiheit? Oder ist es eher die Akzeptanz der Scham, die Freiheit bringt? Ich glaube nicht, dass ich, oder auch wir, uns jemals ganz davon befreien werden können. Die LGBTQ*-Community ist eine Minderheit. Wichtiger, und vielleicht auch stärker, ist es, die Präsenz der Scham zu akzeptieren, sich aber nicht davon beeinflussen zu lassen. Ich habe schon oft erlebt, dass Beziehungen auseinandergingen, man sich trennte, Menschen verletzt wurden, aus Scham und Angst. Angst vor der Nähe und des deutlicher Werdens der eigenen Homosexualität und den damit verbundenen Gefühlen.

Wir leben in einer Welt, die mittlerweile suggerieren möchte, dass Schwulsein toll ist. Yes, show me your pride! Da gibt es Labels wie Converse und Adidas, die Artikel mit Regenbogenflaggen bedrucken und sich für die Community stark machen. Dafür bin ich auf der einen Seite dankbar, denn sie erzeugen Sichtbarkeit. LGBTQ-Themen sind im Mainstream angekommen. Auf der anderen Seite würde ich mich wahnsinnig schämen, so ein Shirt zu tragen. Es würde mir das Homo-Label aufdrücken. Ich habe Angst vor den Konfrontationen, dass mir jemand sagt, dass ich nicht okay bin. Was ist wenn …?

Natürlich ist das falsch. Denn du kannst nicht sagen, dass ich nicht okay bin. Es ist okay, weil es ist, wie es ist. Ich habe mir nicht ausgesucht, schwul zu sein. Es ist einfach da. Glaube mir, ich habe so oft versucht, mich anzupassen und "normal" zu sein. Aber ich bin es. S-c-h-w-u-l! Die damit zusammenhängende Scham möchte ich ablegen.

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Ich glaube, dass der Weg zu mehr Selbstliebe mitten durch die Scham führt. Ich muss mich damit auseinandersetzen. Mir ein Pride-Shirt zu kaufen, ist sicher nicht der Weg, der mich ins Fühlen bringt. Aber Offenheit. Wie mit diesem Text. Wie mit einem offenen Umgang mit Freunden und Kollegen. Je mehr ich mich selbst akzeptiere, desto weniger lasse ich mich von anderen verunsichern. Je selbstverständlicher das Thema wird, desto leichter wird es hoffentlich auch für andere, mit ihrer Homosexualität offen umzugehen. Sodass Eltern ihre Kinder auffangen und unterstützen können, eine gesunde Beziehung zu ihrer Sexualität zu entwickeln.

Das einzige Problem, das mich jetzt gerade schmerzt, ist, dass dieser Prozess Zeit braucht und unangenehm ist. Jedoch bin ich mir auch sicher, dass dieses Gefühl immer kleiner werden wird – und das, was danach kommt, ist es wert: Liebe für mich selbst.

Falls du ähnliche Erfahrungen gemacht hast oder ein Thema auf dem Herzen hast, dem wir uns bei NOIZZ widmen sollen, schreib mir gerne auf Instagram oder per E-Mail an sebastian.goddemeier@axelspringer.de.

Quelle: NOIZZ-Redaktion