Vatikan feuert Priester wegen seiner Äußerungen über Homosexualität

Sabine Winkler

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Der Papst im Vatikan Foto: Kai Pilger / unsplash.com

Sollte man sich mit so etwas nicht lieber auseinandersetzen, statt zu verbieten?

Wegen liberaler Äußerungen zu Homosexualität und Frauen in der Kirche will der Vatikan den Rektor einer katholischen Hochschule in Frankfurt aus dem Amt drängen. Das ist kein Witz und auch kein Szenario aus einem neuen Dan-Brown-Roman. Das ist eine Schlagzeile aus dem Jahr 2018.

Der Jesuitenpater Ansgar Wucherpfennig sei die Unbedenklichkeitserklärung aus Rom verweigert worden, sagte eine Sprecherin der deutschen Provinz der Jesuiten. Der Vatikan fordere zudem einen Widerruf der Äußerungen. Denn: Rom gehen seine liberalen Ansichten zu weit. Jetzt muss der Jesuit um seinen Job bangen – an einer Hochschule, in der Papst Franziskus selbst als Student zu Gast war.

Aber was bitte muss ein Theologe sagen, damit es soweit kommt?

Eigentlich gilt Papst Franziskus selber als eher liberal eingestellt. Doch gehen wir zurück zum Anfang: Wucherpfennig hatte 2016 in einem Interview mit der „Frankfurter Neuen Presse“ gesagt, es gebe „missverständlich formulierte Stellen in der Bibel“ zum Thema Homosexualität.

„Homosexuelle Beziehungen in der Antike waren starke Abhängigkeits- und Unterwürfigkeitsverhältnisse. Liebe sollte eine egalitäre, freie Beziehung sein, keine mit Gefälle. Das wollte Paulus eigentlich sagen, so meine These“, sagt Wucherpfennig in dem Interview unter anderem. Das war wohl zu viel des Guten für die katholische Kirche.

Aber der Jesuit legte noch einen drauf. Über Frauen in der Kirche sagte er weiter: „Wenn Papst Franziskus die Kirche dazu aufgefordert hat, über das Diakonat der Frau nachzudenken, ist das noch zu kurz gegriffen. Ist es richtig, dass das Sakrament der Beichte, also die Versöhnung mit Gott, nur Männer spenden können? Das schränkt die Gesprächsmöglichkeiten zur Versöhnung massiv ein. Da habe ich ernsthafte Fragen.“

Jesuiten-Pater Ansgar Wucherpfennig Foto: Christian Ender / dpa dpa Picture-Alliance

Eigentlich doch cool, wenn jemand so offen in der katholischen Kirche – mit rund 23,3 Millionen Mitgliedern in Deutschland immerhin die größte Religionsgemeinschaft – den Themen unserer Zeit entgegen tritt. So sieht das auch der Provinzial der Jesuiten in Deutschland, Johannes Siebner, quasi Wucherpfennigs Vorgesetzter in Deutschland.

Er steht nach eigenen Worten „uneingeschränkt“ zu Wucherpfennig, wie er in einem Gespräch mit „katholisch.de“ sagt. Er könne sich eigentlich nur vorstellen, dass es sich um ein Missverständnis handele. „Ansonsten wäre es ein empörender Vorgang.“

Auch der Limburger Bischof Georg Bätzing hat „uneingeschränktes Vertrauen“ in den Pater. Er schätze ihn sehr als Theologen, Priester und Wissenschaftler.

Wieso hat der Vatikan denn ein Problem mit den Aussagen des Priesters?

Katholizismus, Sexualität und das Frauenbild – heikle Themenfelder, die nicht immer ganz im Einklang zu bringen sind. Es ist kompliziert. Generell unterscheidet die katholische Lehre zwischen „homosexuellen Neigungen“ – die sind an sich nicht sündhaft – und „homosexuellen Handlungen“ – die sind eine Sünde. Daher werden auch gleichgeschlechtliche Ehen abgelehnt. Mehr Einblicke in das Kirchenrecht gibt dieser Wikipedia-Eintrag – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

In Sachen Akzeptanz von LGBTQ ist Papst Franziskus offenbar zwiegespalten. In einer Privataudienz mit einem Opfer sexuellen Missbrauchs durch chilenische Geistliche habe der Papst im Mai über Homosexualität gesagt: „Gott hat dich so geschaffen. Gott liebt dich so.“

Klingt doch ganz gut. Allerdings meinte der Papst das wohl auch nur im Bezug auf die oben erwähnten „homosexuellen Neigungen“. Denn nicht mal drei Monate später sorgte der Pontifex mit einer anderen Äußerung für Schlagzeilen: Wenn sich Homosexualität bereits in der Kindheit zeige, gebe es „viel, das mit Psychiatrie gemacht werden kann." Das sagte er nach seiner Irlandreise. Wenig später wurde das Zitat zwar vom Vatikan entschärft, der bittere Beigeschmack bleibt aber.

Natürlich sind solche Äußerungen aus den höchsten Rängen des Vatikans umso fragwürdiger, wenn man sich eindringlicher mit den jüngsten Ergebnissen einer Studie der Deutschen Bischofskonferenz über Missbrauch in der Kirche anschaut. Die meisten Opfer sind zum Zeitpunkt ihres Missbrauchs unter 14 Jahre alt gewesen.

Die Studie gab auch Handlungsempfehlungen mit, um die Opferzahlen zu reduzieren und aufzuarbeiten. Unter anderem raten die Forscher der Kirche zu einer Auseinandersetzung mit der Frage, welche Bedeutung den spezifischen Moralvorstellungen zu Homosexualität im Kontext des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zukomme. Ihre grundsätzlich ablehnende Haltung zur Weihe homosexueller Männer sollen sie überdenken.

Aber zurück zum aktuellen Fall:

Der 1965 in Hannover geborene Pater Wucherpfennig ist seit 1991 Mitglied des Jesuitenordens und wurde 1997 zum Priester geweiht. Seit 2008 hat er den Lehrstuhl für Exegese des Neuen Testaments in Sankt Georgen inne, 2014 wurde er dort Rektor. Derzeit leitet aber sein Stellvertreter die Hochschule kommissarisch. Sankt Georgen ist eine staatlich anerkannte, private Hochschule mit Priesterseminar, die vom Jesuitenorden getragen wird.

Der Vorgang im Vatikan sei noch nicht abgeschlossen, sagte die Sprecherin der deutschen Jesuiten. Wucherpfennig habe auf den Brief aus Rom mit einer schriftlichen Stellungnahme geantwortet. Einen Widerruf lehne er ab. Eine Antwort aus Rom habe man bisher nicht erhalten.

[Text: Zusammen mit dpa]

Quelle: Noizz.de

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