Heterosexuelle Männer wollen Sex mit Frauen, homosexuelle Männer mit anderen Männern – ein (vermeintlicher) Sachverhalt, den wir quasi mit der Muttermilch aufsaugen. Hinzu kommt eine satte Portion Homophobie, die auch im 21. Jahrhundert noch durch unsere europäische Luft fliegt, und wir erhalten: heterosexuelle Männer, die von klein auf ganz genau wissen, was sie sexuell wollen dürfen und was nicht.

Im alternativen und aufgeklärten Berlin vielleicht schwieriger vorzustellen, aber wer in weniger offenen, internationalen, modernen oder einfach kleineren Städten Deutschlands aufgewachsen ist (alle Städte Deutschlands sind weniger offen, weniger international, unmoderner und kleiner als Berlin), der hat es vermutlich erlebt: Homophobie an Schulen, unter Jugendlichen und Kindern, und zwar teilweise ab der ersten Klasse, meist zwischen Jungen, aber auch im Allgemeinen.

Heterosexualität und Homophobie

An meiner Schule wäre ein Outing vor der 12. oder 13. Klasse nur in Kombination mit Mobbing denkbar gewesen. In meiner gesamten Schulzeit gab es genau einen Typen, der sich wenige Wochen vor dem Abschluss als bisexuell geoutet hat, und damit glücklicherweise genau in eine euphorisch-nostalgische Abschiedsphase getroffen hat, bei der es für die tonangebenden Typen unserer Stufe Wichtigeres gab als seine Sexualität.

Zwei Typen, die sich gerade sexuell näher kommen oder vielleicht auch einfach nur freundschaftlich toben – wer weiß das schon?

Davon abgesehen war "Bisse schwul?" eine der gängigsten Beleidigungen der gesamten Schuljugend sowie selbst freundschaftliche Berührungen unter Jungen so undenkbar abwegig, dass wir es maximal aus Filmen kannten – "ekelhaft". Homosexuelle Männer aus meinem heutigen sozialen Umfeld haben unter ihrer Sexualität entweder stark gelitten, oder sich erst so spät und in so kleinem Umfeld geoutet, dass sie dem größtenteils entgehen konnten. Männer, die aus der Norm fielen, bekamen das auch sonst zu spüren. Ich, als männlicher Teenager, der lange Haare hatte und mit 17 aufgehört hat, Tiere zu essen, hat sich "Bisse 'n Mädchen?" bei Familientreffen quasi als Ersatz von "Hey, wie geht's?" anhören müssen. Entweder du bist der Typ, der mit Bier in der Hand Würstchen wendet und aus dem Effeff über Spielertransfers vom FC Schalke sinniert, oder du wirst genau von solchen Männern aufgezogen.

Was dabei heraus kommt? Typen, die – ausschließlich – auf Frauen stehen und völlig verklemmte und unemotionale Fußball- und Sauf-Freundschaften zu anderen Männern führen. Typen, die Sexualität, Körperlichkeit und Emotionalität wie selbstverständlich einzig und allein mit ihrer Partnerin ausleben – wenn überhaupt. Typen, denen der Gedanke, mit einem anderen Mann zu kuscheln, Händchen zu halten, ihn zu küssen, zu streicheln oder mit ihm zu schlafen im Leben nicht in den Sinn kommen würde: "Ich steh nicht auf Männer?!"

Körperkontakt ist unter heterosexuellen Freundinnen viel normaler und selbstverständlicher als unter Hetero-Männern. Dabei haben körperliche Bedürfnisse weder etwas mit dem Geschlecht, noch mit Sexualität zu tun. Wann habt ihr zuletzt zwei Hetero-Männer gesehen, die sich einfach mal ein freundschaftliches Küsschen gegeben haben?

Das ist leider idiotischer Mist. Denn abgesehen davon, dass keine sexuelle Orientierung besser oder schlechter als eine andere ist, ist nicht jede Berührung zwischen Mann und Mann eine sexuelle – hat mich kaum mehr als 20 Jahre meines Lebens gekostet, das zu kapieren.

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Homosexuelle Fantasien für alle

Mittlerweile bin ich 28 und habe es irgendwie Stück für Stück hingekommen, Körperkontakt in meinen Männerfreundschaften zu etablieren. Das war für viele meiner Freunde – und auch für mich – anfangs komisch, aber heute ist es richtig schön und befreiend. Wenn ich will, dann küsse ich meine Freunde zur Begrüßung oder auch einfach zwischendurch. Beim Chillen leg ich meinen Kopf auf Schultern oder Bauch meiner Freunde, manchmal halten wir Händchen beim Spazieren und im Club tanzen wir auch mal enger – alle heterosexuell. Sex mit Männern kann ich mir auch heute nicht vorstellen, ist vielleicht einfach nicht meine Neigung, aber mir selbst kein Tabu aus solchen Gedanken zu machen, hat mir total geholfen, herauszufinden, was ich will und was nicht – und dass Körperkontakt zu Männern für mich überhaupt nichts Sexuelles ist, sondern einfach ein emotionales Grundbedürfnis.

Deshalb kann ich das allen heterosexuellen Männern dringend empfehlen: Macht euch frei in eurem Kopf. Schämt euch für nichts, denn es gibt nichts, für das ihr euch schämen müsstet. Ihr könnt über beide Ohren heterosexuell sein – an der Vorstellung, euch mal so richtig von hinten nehmen zu lassen, ist trotzdem nichts schlimm. Je entspannter ihr euch selbst gegenüber seid, desto mehr werdet ihr merken, was wirklich in euch steckt. Wenn ihr merkt, dass ihr zur Begrüßung lieber umarmt, als lässig Hände abzuklatschen, dann drückt eure Freunde. Stellt euch alles vor, was euch in den Sinn kommt, wie sonst wollt ihr wissen, was ihr wirklich wollt und was nicht?

Quelle: Noizz.de