Stell dir vor, jemand will einfach deine Identität auslöschen …

„Arkansas – Land of Opportunity“, also das Land der Möglichkeiten, steht da auf dem Kennzeichen des Ford-Kombis. Mit diesem Auto machen sich Jared (Lucas Hedges) und seine Eltern, ein Baptisten-Pfarrer (Russel Crowe) und dessen ebenso streng gläubige Mutter (Nicole Kidman) in aller Herrgottsfrühe auf den Weg. So beginnt der Film Der verlorene Sohn (Original: Boy Erased). Es ist nur ein kleiner filmischer Hinweis, ein Seitenhieb, von Regisseur Joel Edgerton. Und obwohl der Film zu diesem Zeitpunkt keine fünf Minuten läuft, sind wir uns gewiss: Jared hat keine Möglichkeiten.

Er ist 19 Jahre jung und wächst mitten im sogenannten „Bibel-Gürtel“ der US-Südstaaten auf. Als sein Vater von seiner Homosexualität erfährt, stellt er ihn vor die Wahl: entweder die Familie und der Glauben, oder er setzt nie wieder einen Fuß in sein Zuhause. So wird Jared dazu gedrängt, an einem Programm namens „Love in Action“ teilzunehmen. Es ist nichts anderes als eine Reparativtherapie, die schwule und lesbische Teenager umerziehen soll. Seine Mutter begleitet ihn zu dem streng abgeschotteten Camp, in dem der selbsternannte Therapie-Leiter Viktor Skyes (Regisseur Joel Edgerton) das entwürdigende und unmenschliche Erziehungsprogramm leitet.

Lucas Hedges kennt man aus dem Film Manchester By The Sea. Für seine Nebenrolle dort wurde er sogar für einen Oscar nominiert, auch damals eine tiefsinnige Rolle, ein ebenso zerbrochener Charakter, der aber am Ende doch seine Frieden mit den widrigen Umständen seiner Umwelt findet. Ähnlich ist es auch in Der verlorene Sohn, nur eben mit dem Unterschied, dass es dieses Mal eine wahre Geschichte ist.

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Der echte Jared heißt Garrad Conley. Es ist seine Lebensgeschichte, die Der verlorene Sohn erzählt. Als er zum ersten Mal die Rezeption von „Love in Action“ betrat, sind 14 Jahre vergangen. Mittlerweile nennt sich die Anstalt seit 2012 „Restoration Path“. Mit einem zwölf Punkte Plan ähnlich der Anonymen Alkoholiker sollte er sich seinen Sünden entledigen und gezwungen werden, seine eigene Identität auszuradieren.

Ein Trauma, das Garrad Conleey noch immer nicht ganz verarbeitet hat

Vierzehn Jahre haben immer noch nicht vollständig den Schmerz meines Traumas ausgelöscht, aber in dieser Zeit habe ich diese Ereignisse viel besser verstanden. Mein Vater nimmt nicht mehr die Rolle des Schurken und ich nicht mehr die des Opfers ein. Und ich sehe das Personal von „Love in Action“ nicht länger in der vorhersehbaren Rolle der Diktatoren. Meine Mutter ist für mich nicht mehr nur die Frau eines Predigers, die zwischen zwei unmöglichen Extremen gefangen ist.

Conley hat es aber geschafft sich zu befreien, auch dank der Unterstützung seiner Mutter. Seine erschütternden Erfahrungen fasste er erstmals in einem Artikel für die New York Times zusammen. Anschließend entstand 2016 die Memoiren-Sammlung Boy Erased als Buch, mit der die grausame Praxis der Umerziehungs-Therapien schonungslos geschildert wurden. Mittlerweile ist Conley verheiratet, lebt mit seinem Mann in New York und arbeitet als Schriftsteller.

Conleys Memoiren erschienen erst 2018 in deutscher Übersetzung. Der dazugehörige Film wird nun wohl auch viele außerhalb der LGBTQ-Szene in die Kinos locken. Unter anderem auch, weil Popsänger Troye Sivan eine Nebenrolle spielt. Gary wählt einen anderen Weg als Jared. Er lässt es über sich ergehen, macht gute Miene zum bösen Spiel. „Durch den Schein zum Sein“, das krude Motto des „Love In Action“-Camps, nimmt er sich zum Vorbild. Wenn das alles vorbei ist, will er alles zurücklassen und endlich sein Leben leben. Auch diese Facette zeigt der Film.

Wer sich mit Troye Sivan beschäftigt hat, weiß, dass der Australier nicht nur YouTuber ist und auf dem Weg ist, der nächste große Pop-Superstar zu werden, sondern ein ausgebildeter Theaterschauspieler ist. Und mit genau dieser Vorsicht und Perfektion tritt er auch in Der verlorene Sohn in Erscheinung. Er ist da, beobachtet, bis er seinen großen Auftritt hat.

Troye Sivan ist inzwischen so etwas wie eine Ikone der jungen LGBTQ-Szene und schafft es auch, Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren, die sich nicht als LGBTQ identifizieren. Umso mehr wiegen daher solche Aussagen wie in einem Interview mit der Badischen Zeitung zum Release seines Albums Bloom im vergangenen Jahr:

Der Gedanke, dass es solche Lager gab und in vielen Ländern immer noch gibt, ist krank und extrem gefährlich. Und ganz bestimmt ist es nicht die Art, damit umzugehen, wenn dein Kind zu dir kommt und sagt, dass es schwul oder lesbisch ist. Mein großer Wunsch ist es, dass so etwas wie ein Coming-out in einigen Jahren gar nicht mehr notwendig sein wird.

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Aber nicht nur schauspielerisch steuerte Sivan etwas zu dem Filmdrama bei. Mit Revelation schrieb er gemeinsam mit Sigur-Ros-Mitglied Jonsi den Titelsong. Ein romantisches Leitmotiv, das den einzigen Hoffnungsschimmer in der von Religion geprägten Welt und den damit einhergehenden Geboten für Jared repräsentiert.

Er kommt auch zum Einsatz in der wohl schönsten Szene. Die zeigt, wie normal homosexuelle Liebe, auch im Kontext von Religion, sein kann. Da verbringt Jared eine Nacht bei Xavier, einem Kunststudenten, der eine Ausstellung zum Thema „ God vs. Science“ mit initiiert hat. „Bleib einfach bei mir, es muss nichts geschehen“, gibt Xavier Jared mit auf den Weg. Und beide liegen nur da und halten Händchen.

Szene aus „Der verlorene Sohn“ Foto: Focus Features / Universal Pictures International Germany

Sivan ist allerdings nicht der einzige prominente Musiker in dem Spielfilm: Flea, Bassist der Red Hot Chili Peppers, spielt die zweifelhafte Rolle des Coaches Brandon, der den Teenagern im Umerziehungscamp zeigen soll, was „ein echter Mann“ ist. Mehr Klischees von Männlichkeit kann man nicht erleben. Aber auch das ist Teil dieser grausamen Methode: Menschen zu brechen und zu manipulieren, damit sie sich ihrer selbst entledigen.

Das kann so verletzend sein, dass es Menschen in den Selbstmord treibt. Auch das zeigt der Film, zwar nicht in expliziten Bildern, aber er beschönigt rein gar nichts. Das Krude ist, dass in der Logik der streng gläubigen Freikirchler im US-amerikanischen Bibel-Gürtel alle Argumente nachvollziehbar sind. Als Zuschauer versteht man ganz genau, in welchem inneren Konflikt sich Jared und auch die anderen Jugendlichen im Camp befinden. Hinzu kommt, dass die meisten Mitarbeiter in diesen Einrichtungen zu einem Großteil selber homosexuell sind und denken, sie könnten sich so gegenseitig „helfen“ und Gott näher kommen.

Das große Kunststück dabei ist es, dass Der verlorene Sohn den religiösen Hintergrund nicht negativ bewertet, sondern allein die Konsequenzen, die daraus gezogen werden. Das ist auch Russel Crowe geschuldet, der den Vater von Jared spielt. Er besuchte kurzerhand die Kirche des echten Vaters von Conley und unterhielt sich lange mit ihm als Vorbereitung auf die Rolle.

Russel Crwoe (l.) in „Der verlorene Sohn“. Foto: Focus Features / Universal Pictures International Germany

Der Film hinterlässt jeden nachdenklich.

Wie kann es sein, dass es so etwas heute noch gibt? Und noch viel erschreckender ist es, wenn man sich bewusst wird, dass es in Deutschland de facto keine Einschränkung solcher Therapieformen gibt.

Der verlorene Sohn ist kein brillant inszenierter Film. Er ist leise, zart und schlägt immer wieder brutal zu. Er ist realistisch. Er gibt Einblicke in eine uns fremde Welt. Das macht ihn so besonders. Und wirft so den Fokus auf ein oft vernachlässigtes Thema, das aber Teil unserer Lebensrealität ist und mit dem sich weltweit Tausende Homosexuelle auseinandersetzen müssen.

Ab dem 21. Februar kannst du den Film in den deutschen Kinos zu sehen. 

Quelle: Noizz.de