Alexia Metge ist trans*. Sie sitzt eine Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung in einem Frauengefängnis ab. Diskriminierung und Anfeindungen gehören zu ihrem Alltag.

Es geschah auf einem Transportweg im Herbst 2018 im Westen Deutschlands. Die Inhaftierte Alexia Metge sollte an diesem Tag mit einigen anderen Häftlingen in ein anderes Gefängnis überstellt werden. Sie saß in eine kleine Kabine gezwängt in dem Transportwagen. Isoliert, so wie sie es gewöhnt war. Wie ein Vogelkäfig fühlte sich die kleine Zelle an, links und rechts ist nur eine Handbreit Platz. Niemand sprach mit ihr. Das Fahrzeug hielt vor der Haftanstalt, die Inhaftierten stiegen aus. Plötzlich hörte Alexia Schritte, sie spürte die Nähe eines Körpers dicht hinter sich. "Du gehörst hier nicht her, Transe", raunte jemand. So erzählt sie es heute, rund zwei Jahre später.

Alexia ist transident. Das bedeutet, dass ihre Geschlechtsidentität bei der Geburt nicht oder nicht vollständig mit den äußeren Merkmalen des eingetragenen Geschlechts übereinstimmte. Alexia wurde bei ihrer Geburt dem männlichen Geschlecht zugeordnet, identifiziert sich jedoch als Frau. Seit Juni 2018 sitzt sie eine Haftstrafe ab – als einzige trans* Frau in dem Gefängnis, dem sie zugewiesen wurde.

Alexia Metge

Kurz vor der letzten geschlechtsangleichenden Operation fliegt die Steuerhinterziehung auf – Alexia muss ins Gefängnis

Seit 2015 lebt Alexia offen als trans* Frau. Nach ihrem Outing durchlief sie eine Psychotherapie, eine Voraussetzung, um die zwei psychologischen Gutachten – das des eigenen Psychologen und das eines externen Arztes – zu erhalten. Diese sind für die Namens- und Personenstandsänderung sowie für die Operationskostenübernahme der Krankenkasse notwendig. Sie änderte ihren Namen, ließ ihren Personenstand im Ausweisdokument auf "weiblich" ändern. Nur wenn diese Änderung vorgenommen ist, kann man in der Abteilung eines Gefängnisses untergebracht werden, der man sich zugehörig fühlt. Auch eine Hormontherapie begann sie, der Brustaufbau und die Entfernung von Körperbehaarung folgten. Als Nächstes stand die letzte geschlechtsangleichende Operation und die Herstellung der weiblichen Geschlechtsteile an. Doch dann beging Alexia einen großen Fehler: Die Maschinenbaumechanikerin hinterzog Steuern. Sie flog auf, landete im Gefängnis. Bis Mai 2023 wird sie ihre Strafe absitzen müssen.

Wenn Alexia über ihre Erfahrungen in Haft spricht, ist ihre Stimme fest, sie wählt ihre Worte präzise und spricht nüchtern. "Ich werde hier immer eine Außenseiterin sein", sagt sie am Telefon.

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Einzelduschen, Einzelhaftraum und keinen unbeaufsichtigten Kontakt zu anderen Frauen

Alexia erzählt wie sie kurz nach der Ankunft in der Frauenabteilung der JVA im Herbst 2018 vom sogenannten Umschluss, den gemeinsamen Abendstunden mit anderen Inhaftierten, ausgeschlossen wurde. "Ich könne mit anderen Frauen Sex haben, begründete man mir diese Entscheidung. Weil ich noch einen…", sie unterbricht sich kurz, spricht es dann aber doch aus, " ... Penis habe." Rund zwölf Wochen lang durfte Alexia nur in der Freistunde Kontakt zu anderen Inhaftierten haben, sagt sie. Aus der Pressestelle der JVA heißt es dazu: "Wenn transsexuelle Gefangene aufgenommen werden, werden diesen regelmäßig, auch zum Schutz der Transsexuellen selber, sogenannte Sicherungsmaßnahmen auferlegt." Unter diesen Maßnahmen würden etwa Einzelduschen, die Unterbringung in einem Einzelhaftraum und Umschlussbeschränkungen fallen. Der unbeaufsichtigte Kontakt zu einzelnen anderen Gefangenen könne zudem nur auf Antrag nach Prüfung stattfinden, allerdings könne die Gefangene an Gemeinschaftsveranstaltungen und der Freistunde teilnehmen. Nachdem Alexia sich beim Justizvollzugsbeauftragten beschwerte, erlaubte man ihr schließlich mehr Kontakt zu den anderen Häftlingen.

"Du fickst doch jede hier": Anfeindungen und Diskriminierung bestimmen Alexias Alltag

Alexia Haftalltag ist durchzeichnet von Anfeindungen, das bringen ihre Erzählungen zum Ausdruck. Sie berichtet etwa von einem Spaziergang mit einer schwangeren Inhaftierten auf dem Gefängnishof, auf dem eine andere Gefängnisinsassin ihnen etwas hinterher brüllte, das nach "Da sind ja die werdenden Eltern. Du fickst doch jede hier, Metge!" klang. Ein Mitarbeiter soll "Meine sehr geehrten Damen und Herren" in einem Raum voller Frauen gerufen und eine Haftvollzugsbeamtin sie mehrmals mit "Herr Metge" angesprochen haben, woraufhin sie sich bei dem Bereichsleiter beschwerte. "Er erwiderte, dass man ja wohl seine eigene Meinung haben könnte", sagt sie nüchtern.

"Es ist hier drin sehr schwierig für trans* Personen", bestätigt eine Mitarbeiterin der Katholischen Seelsorge des Gefängnisses am Telefon. Sie empfängt Alexia regelmäßig zur Sprechstunde. Die Intoleranz gegenüber trans* Personen führt sie darauf zurück, dass das Personal mit der Situation überfordert sei, es keine Schulungen zum Thema Transsexualität gäbe und die Angestellten nicht sensibilisiert würden. Tessa Ganserer sieht hier Handlungsbedarf. Sie ist Mitglied im Bayerischen Landtag und die erste deutsche Abgeordnete, die sich während ihrer Amtszeit öffentlich als transident geoutet und ihre Transition begonnen hat. "Man kann Akzeptanz nicht per Gesetz verordnen. Wir müssen aktiv an Aufklärung arbeiten und gegen Diskriminierung ankämpfen. Der Strafvollzug sollte keine Ausnahme sein."

Symbolbild: Gefängnis

Auch andere trans* Frauen leiden im Knast – manche werden gegen ihren Willen in Männerabteilungen untergebracht

Nicht nur Alexia, auch andere inhaftierte trans* Personen in Deutschland haben mit mangelnder Betreuung und Akzeptanz zu kämpfen. Darauf lassen die Erzählungen von Frau Ganserer schließen, die mit vier inhaftierten trans* Frauen in Kontakt steht. Zwei von ihnen sollen berichtet haben, dass sie gegen ihren Willen in Männerabteilungen untergebracht worden seien, da ihre amtlichen Personenstandsänderungen von "männlich" in "weiblich" vor Haftantritt noch nicht durchgeführt waren. Auch die Psychotherapie und die Fortführung der Hormontherapie sollen abgelehnt worden sein. "Einer Verweigerung der notwendigen medizinischen und psychologischen Betreuung von trans* Personen während der Haft ist meiner Meinung nach Menschenrechts- und Körperverletzung", sagt Ganserer.

In Deutschland leben 60.000 bis 100.000 trans* Personen – das schätzt die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. "Studien weisen darauf hin, dass transidente Menschen unter ihren bei der Geburt zugewiesenen und nicht stimmigen Geschlechterrollen unter Umständen stark leiden", sagt Dr. Martin Fuchs, Oberarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Tirol Kliniken. "Wenn diese Menschen nicht geschlechtlich selbstbestimmt leben können und früh professionell unterstützt werden, könnten sie beginnen, sich selbst sozial zu isolieren, eine Depression zu entwickeln, sich gar selbst zu verletzten oder suizidale Gedanken zu entwickeln."

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Eine Geschlechtsangleichung darf nicht mit einer Schönheits-OP verglichen werden

Alexia darf ihre Hormontherapie in Haft weiterführen. Doch sie wünscht weitere geschlechtsangleichende Operationen – trotz Haft. "Ich schlafe höchstens drei bis vier Stunden jede Nacht. Die Geschlechtsangleichung ist für mich eine absolute Notwendigkeit, weil dieser Körper nicht mehr zu mir gehört. Ich habe den Mann in mir 2015 verabschiedet", sagt die Inhaftierte. Alexia stellte deshalb einen Antrag auf Haftunterbrechung beim Landgericht, ohne Erfolg. In dem Ablehnungsschreiben heißt es, dass der Wunsch nach einer geschlechtsangleichenden Operation nicht schwerer wiege als das öffentliche Interesse der Strafverfolgung. Auch die Anträge auf Epilation und Sprachtherapie, die ihr zu einer höher klingenden Stimme verhelfen soll, wurden abgelehnt. Selbst ihre Perücke konnte erst nach einem gerichtlichen Verfahren in die JVA geschickt werden.

"Ich verstehe, dass es für Frau Metge ein Kampf ist und dass sie sich benachteiligt fühlt. Doch sie hat einen Fehler gemacht, jetzt muss sie mit den Konsequenzen leben. Wir würden anderen Inhaftierten auch nicht erlauben, sich die Brüste vergrößern zu lassen", meint eine Sicherheitsmitarbeiterin der JVA. Psychiater Martin Fuchs sagt jedoch, man könne Schönheitsoperationen nicht mit geschlechtsangleichenden Operationen vergleichen. "Trans* Personen sind einem starken Leidensdruck durch die als unpassend erlebten Geschlechtsmerkmale ausgesetzt. Ihnen wird soziale Teilhabe erschwert, zum Beispiel bei Sport- oder Schwimmaktivitäten. Eine plastisch-chirurgische Operation kann eine große Chance bieten."

Vor Kurzem hat Alexia die Überstellung in ein anderes Gefängnis erwirken können. Sie hofft, dass sie dort mehr Möglichkeiten bekommt. Und man sie selbst sein lässt.

Quelle: Noizz.de