Kürzlich hat ein Instagram-Beitrag des Streetwear-Blogs "Highsnobiety" für ordentlich Aufruhr gesorgt: Die homoerotischen Illustrationen von Tom of Finland, die das Magazin zu Ehren des Künstlers geteilt hatte, gefielen offenbar einigen schwulenfeindlichen User*innen gar nicht. Sie beschwerten sich über den queeren Content, der inmitten ihrer Sneaker- und Streetwearbubble aufploppte. Ob sie wissen, dass die Klamotten und Schuhe, die sie tragen, ohne homosexuelle Männer nicht existieren würden?

Männer, die sich gegenseitig an ihre Schwänze greifen, Typen, die sich lustvoll einen blasen, oder ein Polizist, der einen anderen mit einem Schlagstock penetriert: Ja, die homoerotische Kunst von Tom of Finland ist ziemlich explizit. Ziemlich explizit homosexuell. Zu explizit homosexuell für viele Hypebeasts, wie sich am Mittwoch auf Instagram herausstellte: Denn schon kurz nachdem "Highsnobiety" den Beitrag zu Ehren des Künstlers veröffentlicht hatte, ging es in der Kommentarspalte ab: "Unfollow", "Warum postet ihr so ein Shit?" oder "What the fuck, das will ich nicht sehen", gehören noch zu den netten Kommentaren. Tausende reagierten mit Abscheu, Ekel und Ablehnung gegen die Kunst – oder vielmehr die sexuellen Handlungen, die im Instagram-Post zu sehen sind.

Homoerotische Illustrationen: Wer ist Tom of Finland eigentlich?

Zur Einordnung: Tom of Finland war ein 1920 geborener finnischer Künstler. Während des zweiten Weltkriegs entdeckte er seine Homosexualität, in Helsinkis Straßen traf er sich mit Männern, darunter auch Soldaten der deutschen Wehrmacht. Ein Männertypus, der ihm sehr gefiel: Er begann, erotische Zeichnungen seiner Sexfantasien mit Männern in Uniformen anzufertigen. Jetzt, 100 Jahre später, findet eine Ausstellung genau dieser Zeichnungen in Berlin statt – weshalb sich auch "Highsnobiety" mit dem Künstler beschäftigt.

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Zurück zu Instagram, zurück ins Jahr 2020: Der Hate auf der sozialen Plattform ging so weit, dass Highsnobiety den Beitrag mit einem Statement kommentieren musste, der die offenbar schwulenfeindlichen User*innen in ihre Schranken zurückzuweisen versuchte:

"Homophobie ist hier nicht willkommen. Wir stehen zu unserer Berichterstattung zu Tom of Finlands künstlerischem Erbe und dulden keine homophoben Kommentare. Wenn dich dieses Bild stört, ermutigen wir dich, kritisch zu hinterfragen, warum dem so ist. Wenn du das Recht auf Gleichheit und Sicherheit der LGBTQ+-Community nicht supportest, kannst du uns gerne entfolgen."

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Warum haben Hetero-Männer so große Probleme mit queeren Männern?

Und natürlich stiegen auch Tausende Mitglieder der LGBTQ+-Community und deren Allies in die Diskussion ein: Viele von ihnen kommentierten ziemlich klug, warum das "Entsetzen" vieler Hypebeasts nicht konservativ, sondern offensichtlich schwulenfeindlich ist: "Ihr hättet alle kein Problem damit, wenn es eine Illustration zweier Frauen wäre", schreibt ein User. "Ich bin hetero, aber fühle mich mit meiner Sexualität so wohl, dass ich andere supporten kann. Diese Illustrationen sind für eine unterdrückte Gruppe empowernd – und zu sehen, dass sie in Mainstream-Medien stattfinden, ist ein wichtiger Schritt, etwas Wichtiges zu normalisieren. [...]"

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Womit er natürlich komplett ins Schwarze trifft. Denn wer mit seiner eigenen Sexualität nicht im Reinen ist, fühlt sich durch andere sexuelle Neigungen angegriffen. Wem erotische Inhalte auf Instagram nicht gefallen, scrollt weiter, ignoriert sie, entflogt lautlos – wer seinen "Ekel" auch noch öffentlich kommentieren muss, versucht im Zweifel etwas ganz anderes zu verstecken.

Schwule Designer dominieren und formen die Modebranche

Noch etwas ganz anderes ist paradox an der Aufregung um Tom of Finlands Kunst: Dass sich offenbar modebewusste Menschen, die sich täglich mit Streetwear beschäftigen (sonst würden sie dem Account ja nicht folgen) plakativer Zurschaustellung homosexueller Männer verwehren – aber Kleidung tragen, die von eben genau diesen Männern designt wurde – wie ein weiterer User richtigerweise anmerkt: " Diese Hypebeast-Kids tragen Mode von Designern, die sich Öffentlichkeit als schwul geoutet haben und lassen sich die ganze Zeit von der Schwulen-Kultur beeinflussen, geilen sich permanent an Fotos von nackten Frauen auf, aber beschweren sich über ein paar Zeichnungen".

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Und damit trifft Enrico Bocchini die heuchlerische Art der "Highsnobiety"-Follower auf den Punkt. Denn wer ist denn dafür verantwortlich, dass sie sich regelmäßig auf fresh designte Fashion-Drops freuen können? Spoiler: Hetero-Männer sind es nicht, die im Fashiongame mit Ideenreichtum dominieren. Klar, gibt es die auch – denkt man an Alyx-Gründer Matthew M. Williams, Kanye West oder Virgil Abloh (der in letzter Zeit eher wegen Plagiaten denn wegen eigener Kreativität in die Schlagzeilen rutschte).

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Doch verfolgt man das Fashion-Game ein bisschen länger und ein bisschen tiefgründiger, weiß man: Es sind die Gays, die die Mode, wie wir sie kennen, geformt haben: Von Cristobal Balenciaga und Christian Dior, Yves Saint Laurent, Karl Lagerfeld und Alexander McQueen bis zu Kim Jones, Alexander Wang, Nicolas Ghesquière und Demna Gvasalia – wer den Einfluss homosexueller Designer auf unser Ästhetikgefühl und unser Modeverständnis verleugnen will, kann nur scheitern. Von Sylisten, Fotografen, Visagisten will ich gar nicht erst anfangen. Wohl kein anderer Industrie-Zweig ist so eng mit der LGBTQ+-Community verbunden, wie die Mode.

Toxische Hyper-Maskulinität ist leider auch 2020 noch ein Ding in der Streetwear

Und wahrscheinlich ist es genau das, was vielen Männern Angst macht: Dass sie, weil sie sich für schöne Klamotten und coole Schuhe interessieren, als homosexuell gelesen werden – ein Vorurteil, dass leider auch im Jahr 2020 noch in den Köpfen einiger vieler verwirrter, nicht weltoffener Menschen herumschwirrt. Um diesen Vorwurf von sich zu weisen, agieren Hypebeasts also mit toxischer Hyper-Männlichkeit und Schwulenhass – ohne zu realisieren, dass sie als Endverbraucher eigentlich permanent Dinge tragen, die ihren Ursprung in der Gay-Community haben. Das ist traurig, verletzend und einfach nur unnötig – aber leider bittere Realität. Was also tun, um genau diesen verängstigten Hypebeasts klarzumachen, dass sie ihre toxische Maskulinität im Jahr 2020 endlich mal ablegen könnten?

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Tja, vielleicht einfach noch mehr Illustrationen von Männern zeigen, die sich gegenseitig an ihre Schwänze greifen, Typen, die sich lustvoll einen blasen, oder von Polizisten, die einander mit dem Schlagstock penetrieren: Bis diese Bilder genauso "normal" werden, wie Bilder von heterosexuellem Sex – und Heteros merken, dass andere sexuelle Neigungen weder verwerflich noch "ansteckend" sind – aus nicht, wenn man gerne rosafarbene Sneaker oder die Entwürfe queerer Designer trägt.

Quelle: Noizz.de