Am 17. Mai ist wieder internationaler Tag gegen Homophobie. Die Christopher Street Days als sichtbarste Veranstaltungen der queeren Szene können wegen der Coronavirus-Pandemie dieses Jahr aber nicht wie gewohnt stattfinden. Was macht die aktuelle Krise mit der LGBTQ-Gemeinde?

Der Christopher Street Day, wie wir ihn kennen und lieben, ist in diesem Jahr nicht möglich. Das trifft natürlich auf großen Unmut der LGBTQ-Community und nicht alle sind von den Online-Alternativen des großen Pride-Spektakels begeistert. Der Aktivist Johannes Kram kritisierte im April die Ankündigung, den diesjährigen CSD in einer Online-Variante zu veranstalten: "So ein Blödsinn. Ja, man kann eine Cola-Marke auch im Internet inszenieren. Aber man kann keine Cola im Internet trinken." Ein digitaler CSD sei kein CSD. "Er ist so ziemlich das Gegenteil davon."

Der Berliner CSD-Verein will es dennoch versuchen und regionale Künstler*innen einbinden. Unter dem Motto "Don't hide your Pride!" sollen am 25. Juli verschiedene Gruppen mit kurzen Beiträgen in einem Stream auftreten, als würden sie am Publikum vorbeiziehen. Zuschauer sollen die Möglichkeit haben, sich beim Feiern zu präsentieren. Außerdem sollen Hausfassaden und öffentliche Gebäude geschmückt werden, Teilnehmer*innen sollen alle gleichzeitig am Fenster mit einer Trillerpfeife Lärm machen.

Symbolbild: CSD

Christopher Street Day für Sichtbarkeit

Mit dem CSD wird jedes Jahr an Ereignisse Ende Juni 1969 in New York erinnert: Polizisten stürmten damals in Manhattan die Bar "Stonewall Inn" in der Christopher Street und lösten einen mehrtägigen Aufstand von Schwulen, Lesben und trans* Menschen gegen diese queerfeindliche Willkür aus. Normalerweise nehmen jedes Jahr allein in Berlin Hunderttausende am CSD teil. Wegen der Corona-Krise sind in Deutschland jedoch mindestens bis Ende August keine Großveranstaltungen erlaubt. Das sichtbarste Event der LGBTQ-Community fällt deshalb in seiner bewährten Version nicht nur in Berlin aus, sondern auch in vielen kleineren Städten. Es wird ein Sommer ohne Pride. In Köln soll die eigentlich für den 5. Juli geplante Demonstration am 11. Oktober nachgeholt werden. Natürlich stehe man in Kontakt mit den Behörden und dem Robert Koch-Institut und werde dies nur tun, wenn man es nach deren Überzeugung dürfe.

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Pride im Herbst als Alternative

Auch in Zürich hofften die Macher*innen, ihre Pride-Veranstaltung im Herbst nachholen zu können. Aktuell ist sie erst für Juni 2021 wieder geplant. Auch in Österreichs Hauptstadt soll erst 2021 die 25. Wiener Regenbogenparade stattfinden. Die queere Szene mit ihren Rückzugsorten – Safe Spaces, in denen die sonstige Minderheit in der Mehrheit ist – hat auch sonst ihre ganz eigenen Probleme. Bars und Lokale sind in dieser Zeit des Gebots der physischen Distanz in Gefahr. Institutionen wie etwa der Berliner Club SchwuZ und Medien wie das Stadtmagazin "Siegessäule" bitten um Spenden, weil sie sonst unterzugehen drohen.

Christopher Street Day in Berlin

Aufflammen von Diskriminierung

Viele in der Community sorgen sich um die mühsam in Jahrzehnten aufgebaute Infrastruktur. Sie fürchten eine unwiederbringliche Pleitewelle in der queeren Kultur. Wie in den gesamtgesellschaftlichen Debatten sorgt die Corona-Krise aber auch in der LGBTQ-Szene für die kontroverse Logik, dass es so eben eine "Marktbereinigung" gebe.

Vor den Kopf stieß vielen, dass die Politik in der Krise in traditionelle Rollen- und Familienbilder zu fallen schien. Der Begriff "Kernfamilie" kann zum Beispiel bei sogenannten Regenbogenfamilien jenseits von Vater/Mutter/Kind diskriminierend ankommen - er ist für queere Menschen zumindest problematisch besetzt.

Eine historische Einordnung zur Corona-Krise kommt von der Deutschen Aidshilfe. Pressesprecher Holger Wicht betont, dass etwa ältere Schwule in der Pandemie der Allgemeinheit etwas anzubieten haben: ihre Erfahrungen aus der Aids-Krise, die sie in den 80ern und 90ern besonders traf und die in Deutschland alles in allem gut bewältigt worden sei. "Die größte Lehre aus dieser Zeit ist, dass wir eine Epidemie nur gemeinsam in den Griff bekommen und nicht dadurch, dass jemand zum Problem erklärt wird. Die Politik muss alle befähigen, Verantwortung zu übernehmen. Das fühlt sich auch für alle besser an. Wir müssen solidarisch handeln."

[Text zusammen mit: dpa]

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  • Quelle:
  • Noizz.de