Gianni Jovanovic wurde mit 14 zwangsverheiratet, kurz darauf Vater – und ist heute ein bekannter LGBTQ*-Aktivist. Wie schaffte er es, sich von den Traditionen seiner Roma-Familie zu befreien? Und warum zeigt er sogar Verständnis dafür, was ihm damals angetan wurde? Das verriet er im NOIZZ-Interview.

Das Leben von Gianni Jovanovic klingt, als sei es einem Buch entsprungen: So viele Höhen und Tiefen scheinen einfach nicht in ein ganzes Leben zu passen – geschweige denn in 42 Lebensjahre. Doch tatsächlich ist es andersherum: Über den tatsächlichen Befreiungskampf des Kölners wurde ein 2016 ein Buch geschrieben: ​"Nachts, wenn Schatten aus dunklen Ecken kommen" heißt es.

Heute ist Gianni eine der lautesten Stimmen für Sinti und Roma und die LGTBQ*-Community in Deutschland, seit 2015 auch Gründer der Initiative "Queer Roma", die beides verbindet.

Im NOIZZ-Interview hat er uns erzählt, wie es sich anfühlte, mit 14 zwangsverheiratet zu werden, ob er seinen Eltern noch vorwirft, dass sie die Hochzeit arrangierten – und welche Schuld dabei die deutsche Mehrheitsgesellschaft trägt.

Gianni Jovanovic tritt für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft ein

NOIZZ: Du bist jetzt 42 und hast Dinge erlebt, die anderen erst viel später oder gar nicht passieren. Wenn du nun auf dein Leben zurückschaust: Welcher Gedanke kommt dir als Erstes in den Sinn?

Gianni Jovanovic: Dass ich mit vier Jahren schon im Rock rumgelaufen bin. *lacht*. Ich habe also schon als Kleinkind eine queere Lebensweise gehabt, ohne zu wissen, was in dieser Hinsicht noch auf mich zukommen würde.

Wann hast du angefangen, zu spüren, dass das Leben, das deine Familie für dich geplant hatte, nicht das Richtige für dich ist?

G.J.: Das war der Tag meiner Hochzeit. Ich war 14 Jahre alt und damals dachte ich zum ersten Mal: 'Das fühlt sich alles falsch an, nicht altersgerecht und insgesamt völlig daneben.'

Es hat sich angefühlt, als würde mir jemand langsam die Luft abschnüren.

Als wäre ich ein Frosch, der langsam im Wasser aufgekocht wird und es gar nicht merkt.

Das heißt, du hast dein Leben, wie es war – zum Beispiel die Hochzeit – nicht für normal gehalten, obwohl deine Familie dir das ja als selbstverständlich vorgelebt hat.

G.J.: Das stimmt, es wurde mir als "normal" vorgelebt. In meinem familiären Umfeld mussten auch andere sehr früh heiraten. Ich habe mich auf diesen Tag auch schon eingestellt, ich wusste, dass er kommen würde. Trotzdem habe ich das als Jugendlicher meist verdrängt und wollte nicht darüber nachdenken. Doch als die Hochzeit tatsächlich stattfand, war es eine komplette Fremdbestimmung und ein wirklich traumatisches Erlebnis für mich. Es fühlte sich unnormal an, als würde man mir meinen Körper, meine Seele und meinen Geist rauben. Als würde man mir eine fremde Identität aufsetzen, die ich bis zu meinem Tod ausfüllen sollte.

Wenn du dieses Gefühl schon bei deiner Zwangsheirat gespürt hast – wie fühlte es sich für dich an, als du im Alter von 16 und 17 Vater wurdest?

G.J.: Nach der Heirat wurde von mir erwartet, dass ich auch Vater werde. Das ist nicht unbedingt Roma-typisch aber in meiner Familie war es üblich. Jede Gruppe hat ihre eigenen Traditionen.

In meiner Familie kam noch dazu, dass ich ein Einzelkind bin, was äußerst selten ist. Deshalb waren meine Eltern sehr darauf bedacht, dass ich früh Kinder bekomme.

G.J.: Als ich mit 16 zum ersten Mal meinen Sohn im Arm hielt, war ich voller Leben und Liebe eines Vaters. Das fühlte sich ganz anders an als die Hochzeit. Es war total natürlich. Vater zu werden, war ein wirklich schönes Gefühl. Aber ich dachte mir gleichzeitig: 'Gianni, du musst dafür sorgen, dass dieses Kind freier und selbstbestimmter leben kann als du.'

Die Geburt deines Sohnes war also ein Auslöser für dich, nach mehr Unabhängigkeit zu streben?

G.J.: Ja! Für mich war klar, dass ich weder meinem Sohn noch meiner Tochter, die ein Jahr später geboren wurde, diese Fremdbestimmung zumuten möchte. Damals konnte ich das noch nicht einordnen, aber mir war sehr wichtig, dass meine Kinder entscheiden dürfen, wen sie lieben und wen nicht. Sie sollten ihre sexuelle Identität frei ausleben können.

"Für mich stand fest: Die Würde meiner Kinder sollte nicht angetastet werden."

Als du geheiratet hast und Vater wurdest, bist du noch zur Berufsschule gegangen – wie haben deine Mitschüler*innen auf die für dein Alter ungewöhnlichen Ereignisse reagiert?

G.J.: *lacht* Als die gehört haben, dass ich mit 14 heirate, waren erstmal alle geschockt, vor allem meine Lehrerin. Manche haben mich aber auch gefeiert und gesagt 'Cool, du darfst endlich ran.' Aber selbst die, die schockiert waren, wussten, dass sie nichts tun konnten: Es war schließlich keine gesetzliche Heirat, sondern eine traditionelle. Manche haben versucht, mich davon abzuhalten. Aber keine Chance, ich dachte ja selbst, dass die Heirat selbstverständlich und unvermeidbar war. Nach der Hochzeit haben sich einige von mir abgewendet, andere haben mich unterstützt.

Mit 16 habe ich zum ersten Mal mein Kind mit in die Klasse gebracht. Das ist eine tolle Erinnerung und es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen. Die ganze Klasse hatte gesammelt und überreichte mir ein Geschenk: einen blauen Strampelanzug. Diese Geste hat mir vermittelt: 'Wir sehen dich und sind für dich da, wenn du uns brauchst.'

Warum war die Situation in deiner Familie so außergewöhnlich?

G.J.: Der Druck auf unsere Familie war besonders groß. Meine Eltern hatten beide keine Aufenthaltserlaubnis. Ich auch nicht, obwohl ich in Deutschland geboren bin.

Wir wussten nicht, wie wir an die Ressourcen dieser Gesellschaft rankommen sollten – sie wurden uns systematisch verwehrt.

G.J.: In meinem Fall bedeutete das zum Beispiel, dass ich direkt in eine Sonderschule kam. Das war ein fataler Fehler und noch immer erleben unzählige Roma-Kinder diesen strukturellen Rassismus. Die Lage meiner Eltern war insgesamt sehr unsicher:

Sie wussten nicht, ob sie abgeschoben würden. Ihnen blieb also quasi nichts anderes übrig, als die Familie zu sichern. Im Klartext bedeutete das: Nachkommen sollten ihre Zukunft sichern und später für sie sorgen. Vom Staat hatten sie nichts außer Ablehnung zu erwarten, deswegen wollten sie Dinge so selbst regeln.

Du klingst so verständnisvoll – bist du überhaupt nicht mehr wütend auf deine Familie, etwa wegen der Zwangsheirat?

G.J.: Doch, wütend bin ich immer noch. Es triggert mich immer noch, darüber zu reden. Ich habe meinen Eltern schon oft an den Kopf geworfen, was sie mir damals angetan haben. Es bleibt falsch und trotzdem verstehe ich heute auch, warum sie so gehandelt haben. So viel Verständnis aufzubringen und auch verzeihen zu können, verdanke ich unter anderem einer sehr guten Therapeutin. Außerdem habe ich mich historisch und wissenschaftlich mit der Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma auseinandergesetzt.

Als Jugendlicher habe ich immer gedacht, dass meine Eltern so gehandelt haben, weil sie mich nicht liebten. Heute weiß ich, dass das nicht die Erklärung ist.

Mal ehrlich: Wenn man sich die Geschichte anschaut, waren arrangierte Ehen vor 150 Jahren auch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft noch an der Tagesordnung. Dass das heute nicht mehr so ist, liegt auch daran, dass Menschen, die dieser Mehrheitsgesellschaft angehören, sich mittlerweile frei entfalten dürfen. Systematische Verfolgung erleben sie nicht. Bei Sinti und Roma ist das anders: Sie werden noch immer ausgegrenzt und von der Gesellschaft zurückgelassen. Deshalb sind Zwangsheiraten noch immer ein Versuch, die Community zu stärken.

Du sprichst von gesellschaftlicher Ausgrenzung deiner Familie. Hast du selbst als Roma auch Diskriminierungserfahrungen gemacht?

G.J.: Ständig. Angefangen mit der unangenehmen Frage 'Wo kommst du her', über die Deutschland schon so lange diskutiert. Weiße Menschen wollen einfach nicht einsehen, dass die Intention dieser Frage ganz egal ist. Fakt ist: Sie schließt aus und gibt immer das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Bei mir kommt dann noch dazu, dass manche nichts damit anfangen können, wenn ich sage, ich bin Roma. Ich will nicht das Z-Wort zur Erklärung benutzen, manchmal erwähnt die andere Person es aber, was für mich wieder traumatisch ist. Weiße Deutsche fangen an, in gebrochenem Deutsch mit mir zu reden, weil sie aufgrund meiner dunklen Haar- und Hautfarbe annehmen, ich sei kein Deutscher.

Ich erlebe Rassismus aber auch in meiner eigenen Zahnhygiene-Praxis. Meine Patientinnen und Patienten gehen ganz unterschiedlich auf mich zu, je nachdem wie ich meine Haare trage.

Sind sie kurz und streng zurückgegelt, ist alles in Ordnung. Trage ich die Haare aber offen und natürlich lockig, unterstellt man mir sofort Unprofessionalität. Man fragt mich, wo meine Wurzeln sind und ob meine Geräte desinfiziert sind oder ich meinen Job wirklich gelernt habe. Wenn diese Unterhaltungen irgendwann nichts mehr mit einem professionellen Behandlungsgespräch zu tun haben, sondern nur noch rassistische Vorurteile abgespult werden, lasse ich mir das aber nicht gefallen. Erst vor zwei Monaten habe ich mich aus diesem Grund geweigert, eine Dame, zu behandeln. Das Privileg, solche Menschen abzuweisen, habe ich mir hart erarbeitet.

Heute führst du eine Praxis und hast es geschafft, dich von deinen familiären Zwängen zu befreien: Hast du dir mit 13 Jahren dein späteres Leben so vorgestellt?

G.J.: Ganz ehrlich – ich habe gedacht, mein Leben ist und bleibt ein Haufen Scheiße. Es gab Momente, in denen ich einfach tot sein wollte. Damals war ich ja noch in der Sonderschule und erlebte dort wirklich schlimme Dinge. Gleichzeitig war es das Alter, in dem mir meiner Homosexualität bewusster wurde. Die anderen in der Schule beleidigten mich, knallten mir Schimpfwörter wie "Schwuchtel" an den Kopf. Auch in meiner Familie wurde Homosexualität als Beleidigung eingesetzt – und da war ich noch längst nicht geoutet.

Weil es mir damals echt dreckig ging, hatte ich keinen Zukunftswunsch, außer dass es mir später besser geht. Ich hatte keine Perspektive. Ich war ein 13-jähriger Junge, der verloren war.

Schon seit Jahren bist du jetzt eine der lautesten Stimmen der deutschen Sinti und Roma. Wie fühlst du dich damit, dass du in der Öffentlichkeit so häufig für die Community sprichst.

G.J.: Es gibt natürlich immer positive und negative Seiten. Ich bin ein homosexueller, sehr kommunikativer Mann. Damit können sich viele Menschen identifizieren, aber ich biete auch viel Angriffsfläche. Mir ist wichtig, dass die Menschen verstehen: Meine Geschichte ist nicht allgemeingültig für die Sinti- und Roma-Community. Es ist meine Geschichte, nicht mehr und nicht weniger. Andere Roma und Sinti haben andere Biografien, die es auch verdienen, gehört zu werden. Die Community ist sehr heterogen und ich werde niemals meine Identität als Teil der Sinti- und Roma-Gemeinschaft verleugnen.

Wie schätzt du das Bild ein, das der Gruppe der Sinti und Roma in der deutschen Gesellschaft anhaftet?

G.J.: Wir werden noch immer oft als zurückgeblieben und dumm angesehen und das ist wirklich alarmierend. Denn das sind wir natürlich nicht. Ganz im Gegenteil: Wenn es so wäre, dann hätten wir gar nicht so lange überlebt. Ich finde, wir haben eine besondere Stärke: autodidaktisches Lernen. Die Fähigkeit selbstverantwortlich zu lernen, ist in der Gruppe der Sinti und Roma besonders ausgeprägt. Unser demokratisches Zusammenleben, unser Familien- und Gerechtigkeitssinn – all das sind unglaublich wichtige Qualitäten, von denen auch andere Gesellschaftsgruppen viel lernen können. Das heißt aber natürlich nicht, dass bei uns immer Friede, Freude, Eierkuchen ist. Leider haben wir als verfolgte Minderheit auch negative Dinge von der Mehrheitsgesellschaft angenommen, die sich nun besonders hartnäckig halten. Das Leben im strengen Patriarchat etwa ist ein großes Problem von Sinti und Roma. Das kritisiere ich immer wieder.

Dass eine Person über alles bestimmen kann, nur weil sie einen Penis hat, geht überhaupt nicht: Weder in der deutschen Mehrheitsgesellschaft noch in einer verfolgten Minderheit.

Die Ersten, die in so gut wie jeder patriarchalen Gesellschaft von Unterdrückung betroffen sind, sind Frauen. Und dann geht es weiter mit anderen Gruppen, die als vermeintlich schwächer gelten. Ich selbst, der ich von Mehrfachdiskriminierung betroffen bin, weiß das nur zu gut. Und deshalb sehe ich es als meine Aufgabe an, immer wieder zu sagen: Nieder mit dem Patriarchat!

Eigentlich wollte ich dich als Nächstes fragen, was sich deiner Meinung nach in der Gruppe der Sinti und Roma ändern muss ...

G.J.: ... und die ganz einfache Antwort darauf ist: Alles, was sich auch in der Mehrheitsgesellschaft ändern muss. Der Unterschied ist nur: Die Mehrheitsgesellschaft muss mit gutem Beispiel vorangehen, weil sie so viele Privilegien hat, dass es für sie viel leichter ist, etwas an den Strukturen zu ändern. Wer Privilegien genießt, hat die menschliche Pflicht, sich auch mal zurückzuhalten, um benachteiligten und ausgegrenzten Menschen Raum zu geben.

Hast du das Gefühl, dass du an all diesen Dingen etwas änderst, wenn du mit deiner Geschichte an die Öffentlichkeit gehst?

G.J.: Ich kann Menschen nicht ändern, ich kann nur Impulse geben. Das tue ich, in dem ich meine Geschichte erzähle, eine deutsche Geschichte. Keine Geschichte aus einem fremden Land oder von einem entfernten Planeten. Und das ist der Knackpunkt: Solche Geschichten aus Deutschland sichtbar zu machen, ist der erste Schritt dahin, dass sie irgendwann als selbstverständlicher und nicht mehr zu leugnender Teil Deutschlands gesehen werden. Gesellschaftlicher Wandel fängt mit Sichtbarmachung an: Und das betrachte ich als meine Mission.

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  • NOIZZ