Wie gut ist der Freddie-Mercury-Film „Bohemian Rhapsody“?

Sabine Winkler

Indie, Kaffee & Liebe
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Freddie Mercury starb 1991 an den Folgen seiner AIDS-Erkrankung. Foto: 20th Century Fox

Über einen Film, der eigentlich nur scheitern konnte – am Ende aber etwas für sich hat.

Dieser Film hat es nicht leicht. Wie soll, kann er auch? Es ist fucking Freddie Mercury, der hier für ewig fiktionalisiert auf die Leinwand gebannt werden soll. Ein Künstler, der zu seinen Lebezeiten zwischen debil-kongenial und mysteriös bis oben hin schwankte. Sein ganzes Leben: ein Rätsel.

Legenden von wilden Party-Exzessen in der Münchener Schwulenszene und in London; künstlerische Geniestreiche, Songs und Texte für die Ewigkeit wie „Bohemian Rhapsody“, „Don’t Stop Me Now“ und „Another One Bites the Dust“. Daneben die dunkle Seite des Queen-Sängers: Vermutlich wusste er seit 1984, dass er sich mit HIV infiziert hatte.

Das Unnahbare, Nichtgreifbare an diesem Künstlerleben hat die Regisseure Bryan Singer und Dexter Fletcher und die Macher dieses Biopics wohl zum Titel „Bohemian Rhapsody“ verleitet. Ins Schwärmen, in die „rhapsody“, kommt der Versuch, die mehr als zwei Jahrzehnte andauernde Geschichte der Kultband Queen mit Mercury als ihrem Frontmann in Bildern einzufangen, sehr wohl.

Aber das ist auch irgendwie die Krux. Unterstützung bekamen die Macher von Lead-Gitarrist Brian May und Schlagzeuger Roger Taylor selbst, die als Co-Produzenten den Hauptdarstellern beratend zur Seite standen.

Der Film stand trotzdem bereits in seiner Planungsphase unter keinem guten Stern

Ewiges Hin und Her bei den Darstellern: Zuerst hieß es, Comedian Sacha Baron Cohen solle Mercury spielen, dann Ben Wishaw (der Grenouille aus „Das Parfum“), am Ende wurde Rami Malek („Mr. Robot“) ausgewählt. Bereits bevor überhaupt eine Szene gedreht wurde, fragte sich die Kritiker-Elite: Kann das gut gehen?

Ausgangspunkt und Klimax des Films ist der mittlerweile legendäre Live-Aid-Auftritt der Band im Jahr 1985. Rami Malek wächst in die Rolle hinein. Mimik, Körperhaltung, die Blicke, man erstarrt fast vor Ehrfurcht. Richtig groß wird Maleks Schauspiel erst, wenn die Band im Film auch ihren Durchbruch hat, es geschafft hat, sich von den scheinbaren Zwängen des Business zu befreien. Dass seine Darbietung des 70er-Jahre Freddies etwas befremdlich, fast plump wirkt, ist vielleicht der Zeit geschuldet. Und dass Mercury zu dieser Zeit eben auch noch nicht ganz frei war.

>> Hier könnt ihr im Video sehen, wie Rami Malek zu Freddie Mercury wurde

Die großartigen Darsteller, nicht nur Malek, sondern alle, die die Film-Queen-Band verkörpern, ist auch der Grund, wieso der Film unterhält. Er weckt die Lust, einzutauchen in das Werk dieser lange als uncool verkannten Band. Danach möchte man alles um und über Mercury und seine Kollegen wissen, alle ihre Songs noch einmal hören.

Die gewaltige Bilderflut bei den Konzerten ist überwältigend. Man erfährt sogar als Fan ein paar Behind-the-Scenes: Etwa, dass May hinter dem Intro von „We Will Rock You“ steckt – hier merkt man, dass eben Brian May und Roger Taylor am Film mitgewirkt haben.

Aber dieser Film hat einige Makel, die ein bisschen zu aufgesetzt wirken

Gut, dramatisch, das waren Queen auch gerne einmal, aber „Boehmian Rhapsody“ übertreibt hier und da. Da wäre zum einen die „Liebesgeschichte“ zwischen der Verkäuferin Mary Austin und dem jungen Freddie Mercury. Für sie schrieb er nachweislich „Love of My Life“, der Song, der zum Credo des Films wird.

Herzzerreißend, wie Mercury sie im Film anruft, das Licht in seinem Wohnzimmer an und ausmacht, weil er weiß, dass sie es von ihrem Schlafzimmer aus sehen kann. Dass Mary Austin für Mercury sein gesamtes Leben über eine wichtige Bezugsperson war, ist richtig.

Irgendwie suggeriert der Film aber auf seltsame Art und Weise, dass Freddie mit ihr immer auch ein Liebespaar sein wollte. Seine Homosexualität gerät im Film in den Hintergrund, sie ist ein Omen, das über allen schwebt. Jeder weiß es, aber es wird nicht richtig thematisiert.

Es gibt eine schnell zusammengeschnittene Szene im Film, die eine Pressekonferenz zeigt, bei der Mercury mit Fragen über sein Privatleben bombardiert wird. Er kann nicht antworten. Das ist so ziemlich die einzige Stelle im ganzen Film, die das schwere Ringen mit seiner Identität und Sexualität zeigt, was in den 80ern in Großbritannien, aber auch überall sonst wo auf der Welt, eine moralische Frage war.

An so ziemlich jeder Stelle des Films wirkt das Faktum Zufall überstrapaziert:

Wohl aus filmdramatischen Gründen fallen alle einschneidenden Lebensereignisse der Band und in Mercurys Privatleben zusammen, jeder Moment, in dem ein Song entscheidet, ist über-magisch. Sein Coming-out, zumindest bisexuell zu sein an seine Verlobte Mary Austin, die ihn als enge Vertraute bis zu seinem Tod 1991 begleitete, folgt nahtlos an die Durchbruchstour von Queen in den USA. Von seiner AIDS-Erkrankung erzählt Mercury seinen Bandkollegen im Film kurz vor dem Live-Aid-Konzert. Man ertappt sich in seinem Kinosessel zu denken: „So kann das einfach nicht gewesen sein“ – und vieles ist auch so nicht passiert.

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Wahrscheinlich für den Hollywood-gewohnten Filmmarkt, gibt es auch die merkwürdige moralisierend-emotianoliserte Elternszene, kurz vor dem Live-Aid-Gig. Mercury stellt seinen Eltern da seinen Freund, Jim Hutton, vor. Ausgerechnet der strenge Vater steht auf und umarmt seinen Sohn als Zeichen der Versöhnung. Das hätte man sich sparen können.

Gwilym Lee, der die Rolle von Brian May in „Bohemian Rhapsody“ spielt, sagt:

„Es ist schwer diese Musiklegenden zu verkörpern, die so viele Menschen lieben. Die Angst zu scheitern, ist immer da.“

Wer die 135 Minuten in voller Länge genossen hat, weiß genau, was er meint. „Bohemian Rhapsody“ hinterlässt ein Gefühl von Melancholie und Schwermut. Rock’n’Roll ist nicht mehr. Freddie ist nicht mehr. Queen touren mit Adam Lambert durch die Welt.

„But life still goes on“, singt Mercury in „I Want To Break Free“. Am Ende ist diese Künstlerbiografie in bewegten Bildern eben doch eine für den Massenmarkt, die ein möglichst großes Publikum sehen soll. Die vielleicht nicht so plakativ sein darf, wie sie es gerne gewesen wäre. Die nicht alles gezeigt hat, was an Rätsel bleibt. Vielleicht aber auch, um den Mythos nicht zu zerstören.

„Bohemian Rhapsody“ läuft ab dem 31. Oktober 2018 deutschlandweit in den Kinos.

Quelle: Noizz.de