Wie oft werden schwule Flüchtlinge angegriffen?

Julia Beil

Politik, Lifestyle & Mode
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Proteste gegen LGBTI-Diskriminierung Foto: flickr / flickr

Und von wem geht die Gewalt gegen sie aus?

Trotz „Ehe für alle“ und steigender Toleranz gegenüber Homo- und Transsexuellen gibt es immer noch viele Fälle von Gewalt gegen die LGBTI-Community – besonders unter Flüchtlingen. Das berichtete zuletzt die Berliner Zeitung.

Trotz Toleranz gibt es Gewalt Foto: dpa / dpa picture alliance

Grund für NOIZZ, nachzuhaken: Wie oft werden homo- oder transsexuelle Geflüchtete Opfer von Übergriffen, was genau passiert ihnen – und wo bekommen sie Hilfe, wenn sie diskriminiert werden?

Wie viele Fälle sind bekannt?

Der Berliner SPD-Abgeordnete Tom Schreiber hat im April eine Anfrage zum Thema „Gewalt gegen LGBTI-Geflüchtete“ an den Senat gestellt. In der Antwort der Justizverwaltung ist die Rede von 355 Übergriffen gegen homo- oder transsexuelle Geflüchtete im Jahr 2016.

Beim BAMF gab's unangenehme Sex-Fragen Foto: Armin Weigel / dpa picture alliance

Um was für Übergriffe handelt es sich?

Jörg Sträter ist Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD). Seine Erfahrung: „Das geht von Beleidigung über Nötigung bis hin zu Messerattacken und Armbrüchen.“

Wo finden die Übergriffe statt? „Meistens geschehen solche Taten dort, wo viele Geflüchtete zusammen sind – an Orten, wo sie sich nicht aus dem Weg gehen können“, sagt Steinert. Heißt: vor allem in Unterkünften für Asylbewerber gibt es Gewalt.

Wer übt die Gewalt aus – und warum?

Die Übergriffe finden meistens unter den Geflüchteten selbst statt. Homo- und Transphobie seien unter Flüchtlingen sehr verbreitet, erklärt Jörg Sträter. In den meisten Fällen seien es heterosexuelle Männer, die eine Abneigung gegen sexuell anders Orientierte haben. „Besonders Trans-Frauen sind häufig von solchen Angriffen betroffen“, sagt Sträter.

Schockierend: Auch Wachpersonal ist manchmal an Übergriffen beteiligt. „So was wie dich lassen wir hier nicht rein“ – mit diesem Worten wurde im vergangenen Jahr ein Flüchtling am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) abgewiesen.

Jörg Steinert: „Es handelte sich bei dem Flüchtling um einen sehr femininen, offensichtlich schwulen Mann.“ Er hatte von der Caritas einen Direkttermin bekommen. Denn: Man habe dem Mann nicht zumuten können, in der extrem langen Schlange vor dem Amt zu warten – dort wäre er hächstwahrscheinlich Opfer von Diskriminierungen geworden.

Proteste gegen LGBTI-Diskriminierung Foto: flickr / flickr

Welche Hilfsangebote gibt es für die betroffenen Flüchtlinge?

Im Berliner Stadtteil Treptow-Köpenick beispielsweise gibt es seit 2016 eine Unterkunft für besonders Schutzbedürftige. Auch an den Lesben- und Schwulenverband können sich betroffene Flüchtlinge wenden.

Das klappe mittlerweile immer besser, sagt Jörg Steinert. Es habe sich unter den Geflüchteten herumgesprochen, dass sie sich dort Beratung einholen können. Auch die Caritas und andere Verbände schicken betroffene Flüchtlinge immer häufiger zum LSVD.

Wie oft kommt es zur Anzeige?

Viele homo- oder transsexuelle Flüchtlinge bringen die Angriffe nicht zur Anzeige. „Viele haben Angst, dass sich eine solche Anzeige negativ auf ihre Asylverfahren auswirkt. Das ist aber ein Mythos“, sagt Jörg Steinert.

Ein weiteres Problem: Viele der homo- und transsexuellen Geflüchteten sind gerade wegen ihrer Sexualität aus ihrem Heimatland geflüchtet. Deswegen haben sie wenig Vertrauen in staatliche Institutionen, was so intime Dinge betrifft.

Solche Dinge müssen aber auf den Tisch kommen“, sagt Jörg Steinert. Viele Flüchtlinge verschweigen ihre Sexualität – kommt sie erst später heraus, ist es oft zu spät. Dann steht ihre Glaubwürdigkeit infrage.

Quelle: Noizz.de

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