Frauen lieben Männer und Männer lieben Frauen. Wenn du dich an diesem Satz störst, bist du ein Problem und musst um dein Leben fürchten – jedenfalls in Polen. Unser erzkonservatives Nachbarland marginalisiert queere Minderheiten. Wer hier nicht der heteronormativen Norm entspricht, wird gehasst, angegriffen, verhaftet, als Ideologie verschrien. Seitdem die rechts-konservative PiS an der Macht ist, spitzt sich die Lage für die LGBTQ-Community immer weiter zu. Wir haben drei queere polnische Aktivistinnen gefragt, wie sie mit der ständigen Angst leben.

Du bist schwul, lesbisch, bi, inter- oder pansexuell? Du identifizierst dich als queer, non-binär oder bist trans*? Das ist toll, du bist toll – und alle Menschen, jedes Land und jede Regierung sollte das respektieren. In Polen ist das leider nicht so – dort kämpft die Politik, aber auch die Kirche und die Mehrzahl der Bürger*innen vehement gegen alle Menschen, die nicht in das traditionelle Vater-Mutter-Kind-Familienbild passen. Mittlerweile besteht schon ein Drittel des Landes aus sogenannten "LGBT-Ideologie-freien Zonen" –– Gebiete, in denen queere Menschen einfach nicht toleriert werden – und unsichtbar gemacht werden sollen.

Weil Magdalena, Justyna und Marta zu genau diesen Menschen gehören, kämpfen sie jeden Tag gegen die queer-feindliche Unterdrückung ihres Heimatlandes. Uns haben sie erzählt, wie sich ihr Alltag verändert hat, was sie sich wünschen und vor was sie sich am meisten fürchten.

LGBTQ-Demo im August 2020 in Warschau, Polen

Magdalena: "Mir hat ein Mann gedroht, meine Kehle durchzuschneiden"

Magdalena Korpas hat an der Sorbonne-Universität in Paris studiert, ist Schauspielerin, Filmemacherin, visuelle Aktivistin und identifiziert sich als Teil der LGBTQ-Community.

Magdalena Korpas

NOIZZ: Magdalena, was fühlst du im Moment?

Magdalena: Wut.

Wie hat sich dein Alltag in den letzten Monaten verändert?

Magdalena: Ich bin unterdrückt. Von der Regierung, von national verbreitetem Hass und Homophobie. Das Atmen fällt schwer.

Kannst du die aktuelle Situation aus deiner Sicht beschreiben?

Magdalena: Ich habe die letzten sechzehn Jahre im Ausland gelebt, in Paris, London und Los Angeles. Seit März dieses Jahres bin ich zurück in Polen. Ich bin bestürzt, wie schlimm die Situation hier ist. Mir hat ein Mann gedroht, meine Kehle durchzuschneiden. Ein anderer hat mich beschimpft, als ich zum Sport ein T-Shirt mit einem Regenbogen getragen habe – es war ein "My Little Pony"-Shirt, das nicht mal was mit der LGBTQ-Flagge oder Community zu tun hatte. Homophobe Gewalttaten und Verbrechen sind in Polen gesetzlich nicht verboten. Die Menschen, die uns unterdrücken, haben die juristische Freiheit, uns zu verletzen.

Aktuell versucht die polnische Regierung, querfeindliche Verbrechen zu ignorieren. Es gibt keine News dazu, die Radiosender berichten nicht mal über unsere Proteste. Denn das polnische Fernsehen und Radio gehört zum größten Teil dem Staat. Aber wir haben euch – Homophobie ist ein globales Problem, nicht nur ein Polnisches. Wir alle sollten daran interessiert sein, es zu lösen.

Was ist aktuell deine größte Angst?

Magdalena: Am 30. August gehe ich zu einem LGBTQ-Protest in Warschau. Ich habe Angst vor gewaltsamen Übergriffen der Polizei. Aber, das muss ich auch sagen: Angst erregt mich. Wenn die polnische Regierung glaubt, dass die Angst mich als Demonstrantin dazu bringt, mich zu verstecken, meine Tür von innen zu verriegeln, liegt sie falsch. Ich mag das, das Gefühl von Adrenalin, das Ungewisse, mein Leben für eine gute Sache riskieren. Und was wäre ein besserer Grund, sein Leben zu riskieren, als gegen ein repressives System und für Veränderungen zu kämpfen?

Und deine größte Hoffnung?

Magdalena: Ich bin kein allzugroßer Hoffnungsmensch. Ich handle und erwarte unmittelbare Ergebnisse. Ich weiß – zu meinem Leidwesen – dass "hoffen" in den meisten Situationen nicht weiterhilft. Deswegen hoffe ich nicht, sondern will und erwarte von der Europäischen Union Unterstützung. Ich erwarte, dass die EU mich schützt und Homophobie verbietet – sie in Polen einfach illegal macht.

Wie geht dein queeres Umfeld mit der aktuellen Lage um?

Magdalena: Ich glaube, die Menschen befürchten, dass Polen wegen der aktuellen Situation aus der EU geworfen wird. Die EU hat den "LGBTQ-freien"-Städten Gelder entzogen, was an sich eine gute Sache ist. Aber der polnische Justizminister hat diese Städte mit jeweils 250.000 Polnischer Zloty (umgerechnet knapp 57.000 Euro, Anm. d. Red.) unterstützt. Du siehst, es ist ein Teufelskreis. Meine Sorge ist, dass die EU den Konflikt mit der polnischen Regierung nicht handhabt, sondern das Land einfach loswerden will.

Bleiben deine queeren Freund*innen? Verlassen sie das Land?

Magdalena: Einige meiner Freund*innen wollen nicht – oder können einfach nicht – weggehen. Andere haben vor Monaten gepackt und Polen verlassen. Wenn sich die Situation verschlechtert, können polnische Menschen, die sich als queer identifizieren, in anderen Ländern um Asyl bitten. Eigentlich können sie das sogar jetzt schon, weil die Situation so schlimm ist.

Wie kann jede*r von uns die polnische LGBTQ-Community unterstützen?

Magdalena: Kommt zu den Protesten. Von Berlin, London oder Paris fliegt man bereits für 15 bis 60 Euro nach Warschau und wieder zurück.

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Justyna: "Als Lesbe, die in einer 'LGBTQ-freien Zone' lebt, werde ich es mir nicht erlauben, ständig in Angst um meine Zukunft zu leben"

Justyna Bołoz arbeitet auf Lokalebene für die polnische Regierung, hat Sozialpolitik an der Jagiellonen-Universität studiert, ist LGBTQ-Aktivistin, Vorstandsmitglied der Queerowy-Maj-Vereinigung (eine LGBTQ-Organisation aus Krakau) und Lesbe.

Justyna Bołoz

NOIZZ: Justyna, mit was ist die polnische LGBTQ-Community aktuell konfrontiert?

Justyna: Die Lage der LGBTQ-Bevölkerung in Polen hat sich seit der Machtübernahme der PiS erheblich verschlechtert, unsere Gemeinschaft war Ziel brutaler Angriffe, wurde in einer ekelhaften Wahlkampagne benutzt, ganze Gebiete wurden von uns "befreit", wir wurden wiederholt geschlagen und auf den Straßen polnischer Städte angegriffen, nicht nur während der Demos, sondern auch immer wieder in Alltagssituationen.

Du bist schon lange aktivistisch tätig, wie hat sich dein Leben in den letzten Monaten verändert?

Justyna: Ich kämpfe seit 2015 für die Rechte der LGBTQ-Community. Ich habe viel erlebt und gesehen. Aber noch nie hatte ich so viel Angst wie heute. Der Hass, der uns entgegenschlägt, hat alle Grenzen überschritten. Ich traue mich nicht mehr, die Hand meiner Freundin zu halten, nicht einmal in Krakau, wo ich noch nie Angst hatte. Im vergangenen Herbst habe ich den ersten Gleichstellungs-Marsch in meiner Heimatstadt in Südpolen organisiert – das Ausmaß der Homophobie, die mir entgegenschlug, übertraf meine kühnsten Erwartungen. Ich hatte erwartet, dass es schlimm werden würde, aber nicht so schlimm. Nicht nur mir gegenüber, sondern auch meine Familie gegenüber. Homophobe Propaganda fällt in Polen auf einen sehr fruchtbaren Boden, wir sind zum Feind und zur Bedrohung für unser Heimatland, für polnische Familien geworden.

In all den Jahren meines Aktivismus habe ich Steine, Flaschen und Knallkörper auf uns zufliegen sehen. Ich habe hasserfüllte Rufe, Drohungen und Todeswünsche gehört. Ich sah Blut, Schreie und Menschen, die von homophoben Eltern aus ihren Häusern geworfen wurden. Immer öfter hören wir von Selbstmorden junger LGBTQ-Menschen in unserem Land. Schuld ist diese systemische Kampagne gegen uns.

Jahrelang hat die privilegierte Mehrheit versucht, uns davon zu überzeugen, dass sie uns mögen, wenn wir ruhig und höflich sind, uns nicht auflehnen und unsichtbar bleiben. Aber das ist nicht wahr. Sie werden unsere Rechte und Freiheiten niemals anerkennen, wir werden für sie immer schlechter sein. Wir können das nicht länger zulassen.

Wie konnte sich Homophobie so stark in Polen verbreiten?

Justyna: Homophobie ist überall, sie wird im öffentlichen Fernsehen und von Kirchenkanzeln aus gepredigt, steht auf Lieferwagen, die durch die Straßen polnischer Städte fahren. Diese Menschen verbreiten die Botschaft, dass homosexuelle Pädophile sind, die Kinder vergewaltigen und Geschlechtskrankheiten verbreiten. Der polnische Präsident behauptet, dass wir keine Menschen sind, sondern eine Ideologie.

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Aber ihr habt den Mut, gegen die Unterdrückung und Diskriminierung auf die Straße zu gehen.

Justyna: Ja, die aktuellen Ereignisse zeigen, wie stark wir sind, wir haben die Entschlossenheit und den Mut, diesem kranken Zustand die Stirn zu bieten. Jetzt zeigt sich, ob wir solidarisch sein können, vereint, bereit, uns dem Ganzen zu stellen. Hilflosigkeit wird zu Stärke. Die Aktionen der Polizei sind für uns erschreckend, aber auch mobilisierend – sie ermutigt uns zu kämpfen. Wir werden jetzt nicht aufhören, wir werden uns nicht zum Schweigen bringen lassen. Sie können uns nicht alle verhaften.

Sie wollen uns Angst machen, aber wir werden nicht aufgeben. Wir haben nichts mehr zu verlieren. Hier geht es um unser Leben!

Wie gehst du mit der Angst um?

Justyna: Als Aktivistin, als Lesbe, die in einer "LGBTQ-freien Zone" lebt, werde ich es mir nicht erlauben, ständig in Angst um meine Zukunft zu leben. Ich werde nicht aufgeben, ich werde bis zum Ende kämpfen. Ich vertraue darauf, dass es eines Tages normal sein wird, queer zu sein – in diesem Land, das sich mehr um die Toten, Denkmäler und um Embryos kümmert als um seine Menschen.

Marta: "Ich habe Tränen der Rührung in den Augen, wenn ich zu Demos gehe und diese schönen jungen Mädchen sehe – sie werden nicht zulassen, dass ihnen jemand ihre Rechte wegnimmt."

Marta Konarzewska ist Drehbuchautorin, Schriftstellerin und Kulturforscherin. Sie ist Gymnasial- und Universitätslehrerin. 2010 outete sie sich in der polnische Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" und schrieb einen großen Text über Homophobie an polnischen Schulen.

Marta Konarzewska

NOIZZ: Marta, wie würdest du die politische Lage Polens einer außenstehenden Person beschreiben?

Marta: Was gerade geschieht, erinnert an die 20er- und 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Der Faschismus wird wiedergeboren. Faschistisches Denken. National. Nationalistisch. Der Hass, der auf einer gemeinsamen Erfahrung von Emotionen beruht, nimmt zu und eskaliert. Etwas zementiert sich, etwas sehr Gefährliches.

Erst vor wenigen Wochen ist die LGBTQ-Aktivistin Margot zu zwei Monaten Haft verurteilt worden, ihr wird Vandalismus vorgeworfen. Daraufhin kam es zu tumultartigen Protesten in Warschau – bei denen nochmal rund 50 LGBTQ-Unterstützer*innen festgenommen wurden ...

Marta: Die Verhaftung von Margot ist eine politische Angelegenheit. Sie ist die erste politische Gefangene nach 1989, als Polen seine Freiheit wiedererlangte, also ein demokratisches Land wurde. In queeren Kreisen wird von einer polnischen Stonewall-Bewegung gesprochen – in dem Sinne, dass es kein systemischer, sanfter Kampf mehr für LGBTQ-Rechte ist. Nein, der Fall von Margot zeigt, dass es eine kompromisslose Bewegung ist. Margot ist eine queere, nicht-binäre Person, was sehr wichtig ist. Und eine sehr junge Person. Diese Menschen, die jetzt in Polen für Freiheit und Autonomie kämpfen, sind sehr junge Menschen, teils Kinder. Sie sind es, die vor dem Präsidentenpalast im Namen der Freiheit tanzen. Sie werden von der Polizei gefangen genommen, verhaftet und bestraft.

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Wie fühlt es sich für dich an, als LGBTQ-Person unter einer Anti-LGBTQ-Regierung zu leben?

Marta: Beängstigend. Ich bin sehr traurig und müde von diesem langen Kampf. Es ist erschöpfend, auch, sich an die Abhängigkeit und Ohnmacht zu gewöhnen. Sich zu verteidigen. Aber ich gehöre der vorherigen Generation an, die neue Generation ist zahlreicher und stärker.

Ich habe Tränen der Rührung in den Augen, wenn ich zu Demos gehe und diese schönen jungen Mädchen sehe – Prinzessinnen mit blauen und rosa Haaren, die Diademe tragen. Das sind heute die Gesichter der Freiheit. Die Mädchen. Und wütende junge Männer. Sie werden nicht zulassen, dass ihnen jemand ihre Rechte wegnimmt. Es ist sehr bewegend, sie zu sehen.

Du kämpfst seit zehn Jahren für LGBTQ-Rechte in Polen, wie sieht dein Aktivismus heute aus?

Marta: Mein jetziger Aktivismus ist das Schreiben. Ein Beitrag zur Kultur. Mit der gegenwärtigen Regierung weiß ich nicht, wie lange es möglich ist, Filme über die LGBTQ-Community zu machen. Der Kultursektor wird zensiert und von einer homophoben Regierung kontrolliert.

Was passiert, wenn sich in Polen nichts ändert?

Marta: Wenn wir die querfeindliche, polnische Regierung nicht stoppen, wird es wie vor hundert Jahren sein. Wir alle wissen, was vor 100 Jahren geschah – mit Homosexuellen, mit Juden. Wir wissen, wie Totalitarismen funktionieren und wir wissen, dass sich die Geschichte immer wiederholt. Ich hoffe nur, dass die Unvorhersehbarkeit des Lebens stärker ist – die Pandemie zeigt, dass man nichts vorhersagen kann.

Du wollt die LGBTQ-Community in Polen unterstützen? Das kannst du jetzt tun:

Unterzeichne Petitionen

  • Diese Petition fordert die EU zur Unterstützung auf
  • Diese Petition fordert Partnerstädte polnischer Städte dazu auf, sich zusammenzutun und die LGBTQ-Community in den betroffenen Zonen zu unterstützen.
  • Die Initiatoren dieser Petition wollen, dass die Rechte der LGBTQs in Polen gestärkt werden. Sie hat bereits über 600.000 Unterschriften. (Stand 11. August)
  • Diese Petition fordert, allen Unternehmen finanzielle Förderung zu sperren, die in LGBTQ-freien Zonen angesiedelt sind.

Spende für die LGBTQ-Community

Diese Spendenaktion des Portals "All Out" soll laut eigener Aussage lebensrettende Kampagnen für LGBTQ-Rechte realisieren. "Jeden Tag sind Menschen Gewalt, Haft, Todesdrohungen und Schlimmerem ausgesetzt, nur weil sie sind wer sie sind oder die Person ihrer Wahl lieben. Doch gemeinsam können wir helfen, das zu ändern", heißt es auf der Seite. Du kannst ganz einfach via PayPal tätig werden.

>> Warum es völlig okay ist, als Hetero-Mann homosexuelle Fantasien zu haben

Quelle: Noizz.de