Papst Franziskus hat sich für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ausgesprochen. Und auch wenn das für das Jahr 2020 wie ein gerade zu lächerlich reaktionäres Statement wirkt, wird es als Revolution in der katholischen Kirche gesehen. Wir haben drei queere Menschen aus religiösen Familien gefragt, was sie von der ganzen Sache halten.

"Homosexuelle haben das Recht, in einer Familie zu sein. Sie sind Kinder Gottes, sie haben das Recht auf eine Familie", sagt der 83 Jahre alte Pontifex in einem Dokumentarfilm des russischen Regisseurs Jewgeni Afinejewski, der am Mittwoch in Rom uraufgeführt wurde. "Wir müssen ein Gesetz für zivile Partnerschaften schaffen. Sie haben das Recht, rechtlich abgesichert zu sein", fordert er.

Papst Franziskus

Dieses Statement des Papstes ging in den vergangenen Tagen ordentlich um die Welt. Denn was für uns in unserer liberalen, weltoffenen Großstadt-Bubble natürlich peinlich reaktionär klingt, sind aus katholischer Sicht revolutionäre Worte. Immerhin handelt es sich dabei um eine strukturkonservative Institution – mit grässlich konservativen Mitgliedern. Beispiel USA: Schon dass der Papst die Todesstrafe für illegitim erklärt hatte, hatte damals für ordentlich Schnappatmung gesorgt. Jetzt auch noch gleichgeschlechtliche Partnerschaften das Tabu nehmen? Holla die Waldfee, das hat für viele aufgebrachte Gläubige gesorgt.

Die ersten empörten Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: "Die Erklärung des Papstes widerspricht klar der lang etablierten Lehre der Kirche", wurde etwa der konservative Bischof von Providence, Thomas Tobin, in US-Medien zitiert. "Die Kirche kann die Akzeptanz objektiv unmoralischer Beziehungen nicht unterstützen."

Und es geht ja auch noch viel schlimmer: In unserem erzkatholischen Nachbarstaat Polen trägt der starke Katholizismus etwa dazu bei, dass Mitglieder der LGBTQIA+-Community auch heute, im Jahr 2020, gehasst, gejagt, verstoßen, eingesperrt und um ihr Leben bedroht werden. Mitten in Europa.

Wir haben drei Queers, die in religiösen Umfeldern aufgewachsen sind, gefragt, was sie von den Worten des Papstes halten – und ob sie glauben, dass diese wirklich etwas für homosexuelle Menschen verändern kann.

Jan: "Die katholische Kirche agiert immer noch weltfremd"

"Normalerweise würde ich sagen, jede Äußerung eines Kirchenvertreters Pro Akzeptanz für sexuelle Vielfalt ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Machen wir uns aber nichts vor – die Aussage von Papst Franziskus für eine zivilrechtliche Partnerschaft ist weitaus reaktionärer, als es unsere Verhältnisse in Deutschland mit der "Ehe für Alle" bereits heute glücklicherweise sind. Sie zeigt einmal mehr, wie weltfremd die katholische Kirche bei diesem Thema agiert. Zudem spricht er sich leider erneut deutlich gegen die kirchliche Eheschließung für gleichgeschlechtliche Paare aus, was wiederum einige Christ*innen in ihrer kranken Überzeugung bestätigen wird, dass Homosexualität Sünde ist.

Solange das geglaubt, gepredigt oder auch nur unterbewusst in den Gemeinden weitergetragen wird, werden dort homosexuelle beziehungsweise queere Jugendliche weiter unter Druck gesetzt, ihre Identität vor sich und anderen zu leugnen – mit allen bekannten negativen Folgen.

Ich selbst bin in einer konservativen protestantischen Gemeinde aufgewachsen, hatte aber das Glück, dass sich bereits viele in meiner Generation gegen die überzogene Sexualmoral der Älteren aufgelehnt haben, die auch für mich ohnehin so weltfremd war, dass ich homofeindliche Aussagen nicht ernst nehmen konnte. Den Mut, mich dort zu outen, hatte ich aber trotzdem leider erst, als ich weggezogen bin."

Malte: "Die Positionierung vom Papst kann Leben retten"

"Mein Vater ist Pastor, aber baptistisch, freikirchlich. Dass Thema Religion und Homosexualität, die ganzen Wunden, die bei queeren Kindern und Jugendlichen hinterlassen werden, damit habe ich mich auseinandergesetzt und die habe ich auch selbst erlebt.

Zur katholischen Kirche und zum Papst habe ich aber keinen Bezug – in meiner Familie war Katholizismus zwar kein Feinbild, aber es waren immer "die Anderen". Die, die konservativer und veraltet denken. Der Papst ist für mich eine sehr ominöse Figur, ich kann es in meinem Herzen nicht nachvollziehen, wie ein alter, weißer Mann so eine Autorität und Deutungshoheit hat, dass Leute wirklich ihre eigene Meinung davon abhängig machen, was er sagt.

Symbolbild: LGBTQ

Mich selbst hat seine aktuelle Rede deshalb zuerst auch nicht interessiert. Gestern bin ich dann aber wieder über eine Studie gestolpert, in der fundamentale Religion als eine der Hauptursachen für Diskriminierung genannt wurde – und weiterführend darauf hingewiesen wurde, dass bei homosexuellen Kindern und Jugendlichen eine dreifache Wahrscheinlichkeit für Selbstmord besteht.

Dadurch ist mir bewusst geworden, was für eine Wirkmacht die Worte des Papstes im schönsten Fall haben könnten: Wenn durch seine Positionierung eine Horizonterweiterung bei vielen, vielen Leuten stattfindet – und Kinder dieser Leute dadurch eher die Möglichkeit bekommen, die Person zu sein, die sie sein wollen oder die sie sind, kann das perspektivisch Leben retten."

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Franzi: "Das Leben als queere Person in einer religiösen Familie ist schlichtweg kompliziert"

"Ich kann mich noch an den Tag erinnern, an dem ich meine katholische Mutter angerufen habe, um mit ihr zu teilen, dass homosexuelle Paare in Deutschland ab sofort heiraten dürfen. Ich grinste über beide Ohren. Mein Herz hat ganz schnell geklopft. Feuchte Hände. Das Handy tutete. Sie ging ran. Ich trötete es voller Freude heraus: "Das geht jetzt, Mama!" Kein Wunder, dass ich mich so freute, schließlich habe ich mich mit 18 Jahren als lesbisch geoutet. Ihre Antwort traf mich damals deshalb voller Ernüchterung: "Ja. Und das finde ich nicht gut! Es ist ja keine richtige Familie!"

Jetzt, etliche Jahre später, erreicht mich die nächste Nachricht, die für die LGBTQIA-Community eigentlich eine gute sein sollte. Trotzdem ist heute einiges anders. Keine feuchten Hände, keine Freude. Ich habe die Antwort meiner Mutter von damals nicht vergessen – und außerdem habe ich mich natürlich weiterentwickelt. Ich sehe das Statement des Papstes reflektierter. Für mich bedeutet es das absolute Minimum von dem, was getan werden muss. Aus meiner Sicht ist es eigentlich keine Rede wert.

Und trotzdem melde ich mich bei meiner Mutter. Wir haben trotz unserer Differenzen eine tolle Beziehung. Natürlich möchte ich mich mit ihr zu dieser Neuigkeit austauschen. Allerdings folgt kein Anruf, ich schicke nur eine WhatsApp. Von ihr kommt ein Daumen hoch.

Danach ein Anruf, in dem sie zwar noch einmal unterstreicht, dass sie zu der Sache einen Daumen hoch geben würde – im gleichen Atemzug kommt dann aber erneut die Ernüchterung. Meine Mutter hofft, dass das Papst-Statement besonders junge heterosexuelle Menschen nicht dazu verleitet, ihre Sexualität zu hinterfragen.

Was soll ich sagen, das Leben als queere Person in einer religiösen Familie ist schlichtweg kompliziert."

  • Quelle:
  • Noizz.de