Es ist legendär schwer, ins Berghain zu kommen. Jetzt öffnet der berühmt-berüchtigte Berliner Techno-Club seine heilige Pforte zum ersten Mal für jede*n – im Rahmen einer Ausstellung mit Künstler*innen wie Olafur Eliasson und Wolfgang Tillmans.

Nervosität, Angstschweiß. Der Versuch, sich richtig zu verhalten, nicht aufzufallen, aber auch nicht auffällig unauffällig zu wirken. An einem Freitag- oder Samstagabend in der hunderte Meter langen Berghain-Schlange zu stehen, fühlt sich für viele an wie der Augenblick vor einer Polizeikontrolle. Man hat nichts zu verbergen, befürchtet aber, dass doch etwas rauskommt, wenn der legendäre Türsteher Sven Marquardt seinen Röntgenblick auf einen richtet. (Wer ihn besser kennenlernen will, sollte sich unbedingt die Doku "Berlin Bouncer" von 2019 angucken.)

Die Berliner Türsteher-Legende Sven Marquardt

Zig Artikel und Forumsbeiträge sind schon dazu geschrieben worden, wie man sich zu verhalten hat, damit man in den berühmt-berüchtigten Berliner Techno-Club reinkommt. Es gibt sogar Fotogalerien mit Abgewiesenen.

>> So kommst du garantiert ins Berghain – die besten Tipps und Tricks

Damit ist jetzt erst mal Schluss. Denn nicht nur musste das Berghain seinen Partybetrieb wegen der Corona-Pandemie schließen und seine über 200 Mitarbeiter*innen in Kurzarbeit schicken, sondern gleichzeitig öffnet es seine Pforte ab dem 9. September für ein allgemeines Publikum. Sogar die "New York Times" berichtet darüber. Im Rahmen der Ausstellung "Studio Berlin" kann sich jede*r – wirklich jede*r! – die kompletten 3.500 Quadratmeter des Feier-Tempels anschauen – inklusive Dancefloors, Bar und Darkrooms. "Zum ersten Mal werden auch Großmütter mit Rollator und Kinder reinkommen", sagte Ausstellungsmacher und Kunstmäzen Christian Boros dem "Art Newspaper".

Wir können uns nicht daran erinnern, dass das Berghain sein Allerheiligstes jemals so entblößt hat. Die "Halle" genannte ehemalige Kesselhalle des Ex-Fernheizwerks konnte man schon vorher betreten, ohne Partygast zu sein. Sie wird immer mal wieder für Konzerte und Ausstellungen geöffnet – zuletzt für die Klanginstallation "Eleven songs" des Künstlerduos Tamtam. Aber die Panorama-Bar? Der Berghain-Floor? Die Darkrooms? Dazu musste man bislang die schmale Tür passieren. Corona hat diese eiserne Regel aufgeweicht. Jetzt gilt es, zu überleben.

Ab dem 9. September zeigt das Berghain die Ausstellung "Studio Berlin"

Die offizielle Attraktion ist aber natürlich die Ausstellung, die in jenen Räumlichkeiten gezeigt werden wird. Christian Boros, der seine eigene Sammlung seit 2003 im ebenfalls spektakulären Ex-Reichsbahnbunker in Berlin-Mitte zeigt (inklusive echtem Banksy), hat dafür mehr als 80 Künstler*innen zusammengebracht – darunter große Namen wie Olafur Eliasson, Wolfgang Tillmans und Isa Genzken sowie in Berlin lebende und arbeitende Künstler*innen wie Tacita Dean, Anne Imhof, und Cyprien Gaillard. Sie zeigen Fotografien, Skulpturen, Gemälde, Videos, Klangkunst, Performances und Installationen. Thema wird das Atelier als Produktionsstätte, Künstlerstudios als Orte der Auseinandersetzung, der Reflexion, der Übersetzung, der Analyse und des konzeptionellen Denkens.

Die Sammlung Boros

Die Sammlung Boros – hier findet jedes Jahr die Berghain-Geburtstagsparty statt

"Drei Monate lang, während des Lockdowns, haben wir jeden Tag mit Künstler*innen telefoniert", sagte Christian Boros im "Art Newspaper". "Plötzlich hatte jeder Zeit. Ich sprach drei Stunden lang per Facetime mit Olafur Eliasson. Das einzige Limit war, dass der Handy-Akku irgendwann alle war." Die Künstler*innen seien alle in ihrem Studios gewesen anstatt im Flugzeug. "Wir wollten dieses unglaubliche künstlerische Schaffen zeigen."

Dass gerade Boros die Ausstellung im Berghain verantwortet, ist übrigens kein Zufall. Er und das Berghain kennen sich seit den 90ern. Damals veranstalteten die Berghain-Macher ihre ersten schwulen Fetisch- und Sexpartys – in genau dem Bunker, den Boros später für seine Sammlung kaufte. Noch heute feiert dort deshalb das Berghain jedes Jahr seinen Geburtstag.

Wer sich die Ausstellung im Berghain ab dem 9. September 2020 anschauen will, kann (bald) auf der "Studio Berlin"-Website Tickets dafür buchen. Wer sich die Sammlung Boros im ehemaligen "Bunker" anschauen will, kann sich dafür hier anmelden.

ml

  • Quelle:
  • Noizz.de