Wir haben mit einer japanischen BDSM-Performerin über ihren Fetisch gesprochen.

In den angesagten Berliner Techno-Clubs gehört Fetisch-Fashion zu des Must-Haves derer, die gesehen werden wollen. Die Klamotte ist dabei meist stumpfe Fassade. Gerade mal aus der Pubertät entsprungene Teens tragen die ausgefallensten Leder-Latex-Kombinationen, die sonst nur im Hardcore-BDSM-Umfeld Ausdruck eines Begehrens darstellen. Der Mainstream bedient sich mal wieder einer Subkultur.

Dabei ist BDSM kein einfaches Lifestyle-Produkt. Was für viele nur Accessoire ist, ist für andere ein elementarer Bestandteil des eigenen Lebens und ein emanzipatorischer Kampf für eine selbstbestimmte Sexualität.

Wir haben mit Choco Erika gesprochen, einer Bondage-Performerin aus Japan, die regelmäßig im Berliner Kit-Kat-Club und in der Techno-Institution About Blank ihre Performances zeigt. Für ihre ihre Freiheit hat sie einen weiten Weg zurück gelegt, um endlich die zu sein, die sie ist – eine kinky, nonbinäre BDSM-Performerin. Auf Instagram findest du sie unter _girigiri_.

Choco Erika kam aus Tokio nach Berlin. Foto: Choco Erika / privat

NOIZZ: Warum bist du aus Japan weggegangen und nach Berlin gekommen?

Choco Erika: Ich bin nach Berlin geflohen, um mich selbst zu beschützen. In Japan musste ich mein BDSM-Leben verheimlichen, ich konnte nicht offen mein Begehren, meinen Fetisch leben.

Ich war eine gespaltene Persönlichkeit, weil ich gegenüber der Familie ganz normalen Jobs nachging, nebenbei aber heimlich in einer BDSM-Bar arbeitete – unter verschiedenen Namen und Identitäten. Ich habe mein BDSM-Leben perfekt von meinem „normalen“ Leben getrennt. Ich lebe immer noch in der digitalen Welt unter verschiedenen Namen für meine Familie.

Hier in Berlin kann ich ganz offen meinen Fetisch leben und auch zeigen. Wenn ich in den Clubs performe, will ich gesehen werden. Das wäre in Tokio so nicht möglich für mich. In Berlin kann ich die sein, die ich bin.

Was fasziniert dich besonders an Bondage?

Bondage ist meine Form der Kommunikation. Ich kann kommunizieren, auch wenn das Land, die Sprache, die Kultur oder der Sex ein anderer ist. Wir brauchen das alles nicht, wenn ich dominant bin oder jemand anders dominant zu mir ist. Die Seile sind in der Session das Medium der Kommunikation. Es ist für mich ein Spiel, und ich mag analoge, alte Spiele wie Tetris oder Brettspiele, nur dass mein Spiel eben BDSM ist.

Es geht mir darum, die Gedanken, den Körper des Gegenübers mit meinen Taktiken zu besetzen. Das ist meine dominante Seite.

Choco Erika tritt in Clubs wie dem KitKat und dem About Blank auf. Foto: Choco Erika / privat

Wie unterscheidet sich die Berliner BDSM-Szene von der japanischen?

Die japanische Szene ist sehr schüchtern und geheim. Wenn jemand eine Bondage-Performance zeigt, dann geht es darum, die Schönheit auszudrücken durch den Schmerz, der erlebt wird und durch den Kampf mit den Emotionen. Die Denkweise ist dabei folgende: Ich habe mein Bestes versucht, ich brauche die Bestätigung, dass ich gute Ergebnisse erzielt habe. Selbst im Bondage geht es darum, das Beste aus sich rauszuholen, möglichst hart und schlimm zu leiden.

Die Berliner zeigen stattdessen positive Emotionen wie Glück und Geilheit. Es geht mehr darum, zu genießen und darum, glücklich zu sein. Die Leute hier nehmen das Leben leichter. In Japan, wenn ich dort glücklich erscheine ohne jegliche Anstrengung, bekomme ich jede Menge eifersüchtige und bösartige Dinge zu hören. Aber glückliches und freies Leben ist nichts Schlechtes.

Ich denke nicht, dass ein glückliches Leben Anstrengung erfordert. Auf Bondage bezogen, ist der Unterschied ganz einfach zu veranschaulichen: In Japan siehst du schmerzverzerrte Gesichter, in Deutschland ist Schmerz etwas Gutes, du siehst glückliche Gesichter.

Bei solchen Schmerzerfahrungen geht es ja auch immer um ekstatische Grenzüberschreitungen. Welche Grenz- oder Rauscherfahrungen hast du während deiner Performances und Sessions bereits erlebt?

BDSM und Drogen sind sich sehr ähnlich. Die Hormone, die durch Schmerz ausgeschüttet werden, sind Adrenalin und Dopamin. Die Ausschüttung variiert, je nachdem, wie sehr sie von Schmerz und Hitze stimuliert werden.

Je nachdem, durch welche Methode ich Schmerz erhalte, ist auch der Schmerz und der „Geschmack“ ein anderer. Damit meine ich, wenn ich zum Beispiel 100 Peitschenschläge erhalte, dann erscheinen mir Blumen und Blüten. Mithilfe des Schmerzes spiele ich mit meinem Gehirn, sodass mir Visionen kommen.

Bei heißem Wachs fühle ich mich sehr wohl und fliege davon. In diesen Momenten lebe ich meine Sub-Seite, meine unterwürfige Seite, aus und genieße einfach nur.

„Es geht darum, zu genießen und glücklich zu sein.“ Foto: Choco Erika / privat

Es ist sehr mutig, seine Sexualität in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen, gerade als Frau. Wie sind bislang deiner Erfahrungen damit?

Ja, das ist es gerade, weil ich in Japan es mir nicht konnte aus Angst – vor meiner Familie und meinem Ex-Liebhaber. In Deutschland ist das alles sehr weit weg, und niemand kontrolliert mich, überwacht mich oder schwärzt mich hier an. Das ist eine richtige Befreiung für mich, mein neues Leben in Berlin.

Ich will hier gesehen werden, ich mag es, wenn ich angesehen werde. Ich denke, dass Menschen einfach nur lebendige Kunst sind, und Nacktsein ist die schönste Form davon. Es ist eine Art von Selbstausdruck, Sex zu haben oder Seile zu benutzen, und es ist mein Stolz, in einer Performance oder als Fotografie das zu zeigen oder zu publizieren.

Quelle: Noizz.de