Tinder meets Pride – und mich.

Zugegeben: Es war schon eine kleine Überraschung, dass eine globale Marke wie Tinder sich mit einer lokalen PRIDE Organisation zusammensetzt, um im Rahmen des CSD für etwas mehr Aufklärung zu sorgen. Nach dem Motto „Mein Körper, meine Identität, mein Leben“ sollen Influencer aus der LGBTQIA*-Community über Bodypositivity miteinander reden. Liest sich doch ganz nett.

Sind Tinder und Instagram nicht rein oberflächliche Plattformen?

Da meine Tinder-Zeiten nun schon recht lange her sind (immerhin gab es dort weniger Schwanz-Schnappschüsse als bei Grindr) und mich der Hype um Influencer absolut kalt lässt, blieb mir eine leichte Skepsis nicht erspart. Vor allem, da es sich sowohl bei Dating-Apps als auch bei Sozialen Medien um zwei Plattformen handelt, in der Oberflächlichkeit und gutes Aussehen die dominierenden Aspekte bilden. Übrigens genauso wie in einem Großteil der Gay-Community. Wen belüge ich hier?! – Der gesamten Gay-Community. Dementsprechend umso bemerkenswerter, dass Körpervielfalt und -liebe die Kernthemen des Gespräches bilden sollten.

Eingeladen als Expert*innen wurden hierzu der ewig bunte Jack Strify, Ex-GNTM Kandidatin Kim Nala, Super-Pärchen Lisbia und das Trans-Model Benjamin Melzer. Die Moderation übernahm Melanie-Jasmin Jeske aka Melodie Michelberger, welche sich aktiv für Bodypositivity einsetzt.

Magersucht, Sport und ängstliche Gesellschaft

Inhaltlich werden vor allem persönliche Erfahrungen geteilt bezüglich des Verhältnisses zum eigenen Körper. Da wird es tatsächlich an der einen oder anderen Stelle durchaus intim. So erzählt Kim von ihrer Zeit, in der sie stark an Magersucht litt, gefördert von dem Druck, einem gesellschaftlichen Schönheitsideal zu entsprechen. Auch Melodie gibt an der Stelle zu, dass sie mit Essstörungen zu kämpfen hatte. Bei Jack war es vor allem die Pubertät, die für Aufregung bei den Menschen sorgte. Denn aus dem zierlichen Jungen wurde plötzlich ein junger Mann, der trotz breiteren Schultern und Körperbehaarung lange Haare trug und seine feminine Seite öffentlich zelebrierte. Sein Umfeld musste das erstmal verstehen lernen. „Wenn du anders bist, möchten dich die Leute immer mit etwas vergleichen“, erklärt er und verdeutlicht damit mit einem Satz das allgemeine Problem in der Gesellschaft: Wenn du dem männlichen oder weiblichen Ideal eines Menschen nicht entsprichst, solltest du dir am besten gleich auf die Stirn tätowieren, was du denn bist, damit man niemandem auf der Straße Angst einjagt.

Rasierte Frauen, haarige Männer?

Für viel Gesprächsstoff sorgt das Thema Körperbehaarung. Während Kim immer wieder im Zwiespalt mit ihrer Natur ist und sich mit unrasierten Beinen dann doch unwohl fühlt, lernt Benjamin jetzt mit 31 Jahren seine immer mehr zu schätzen. Bei Frauen steht er jedoch nicht drauf, was sowohl die Talk-Runde als auch das Publikum dann nicht so richtig gut finden. Jack sieht das Ganze eher locker und ist der Meinung, dass man nicht auf jeden Typen Mensch stehen kann oder muss, werten sollte man aber nicht. Sehr schön gesagt!

Zum Abschluss stellt man sich dann die Frage, wie man Tage überwindet, in denen man nicht eins ist mit seinem Körper. Melodie selbst lässt diese einfach auf sich wirken, inklusive Tränen, und spricht sich dann vor dem Spiegel selbst Mut zu, was zumindest etwas helfen soll. Benjamin hingegen weint nicht. „Ich mache Sport oder rufe dann bei meinem größten Fan an – meiner Mutti“, erzählt er fröhlich.

Und was hat das alles mit Tinder zu tun?

Nach einer kurzen Runde Publikumsfragen war der Talk dann auch schon vorbei und eine Frage blieb mir dann doch: wo ist jetzt eigentlich Tinder abgeblieben? Als ich Benjamin darauf anspreche, meint er, er habe Tinder noch nie benutzt, wenn dann war Instagram seine Plattform, um Frauen kennenzulernen. Doch persönliches Interagieren von Angesicht zu Angesicht sei ihm dann doch lieber.

Anders sieht es bei Melodie aus: Sie tindert, aber hat nicht allzu viele Treffer oder der Kontakt zu einem Match bricht schnell ab. Ich schaue sie unglaubwürdig an, da ich sie als schöne und herzliche Frau wahrnehme. Letztendlich kommen wir beide zu dem Punkt, dass ihr öffentliches Auftreten zu Selbstakzeptanz ein Grund sein könnte. Denn vergesst bloß nicht, liebe Frauen da draußen: habt Kurven und seid glücklich, aber dann doch bitte nicht zu selbstbewusst, da dies die sowieso schon zerbrechliche Männlichkeit vieler Männer noch mehr angreifen könnte. Vielen Dank an dieser Stelle für das schöne Gespräch, liebe Melodie!

Hätte ruhig ein bisschen mehr sein können!

Und so befindet man sich im WeWork Office am Kudamm, schlürft einen Grapefruit-Drink und hört schöne Konversationen zwischen den Expert*innen und deren Fans. Achja, das war dann auch eine Überraschung: der Tindertalk besteht aus nicht mehr als 30 Teilnehmer*innen. Die meisten haben den Zugang über eine direkte Verlosung der Influencer über ihre Accounts bekommen.

Eventuell hätte man den Talk dann doch etwas weiter öffnen können – mehr Menschen einladen, die an qualitativen Gesprächen teilnehmen können. Im Grunde genommen sollte es ja das Ziel der Organisator*innen sein, eine positive Message wie diese weitestgehend zu verbreiten. Entschieden hat man sich dann für Exklusivität zu einem leider immer noch exklusiven Thema. Natürlich handelt es sich hierbei um die erste Ausgabe, dann ist ja auch immer noch Raum für Veränderungen.

Döner vs. Fitnessstudio

Events wie diese zeigen jedoch gleichzeitig, dass die Bodypositivity Bewegung existiert und man einfach mal stolz auf sich selbst sein soll, mit allen Makeln. Mit dieser Einstellung verlasse ich unseren Safe-Space und mache mich auf in die reale Welt. Am Kottbusser Damm laufe ich dann hinter einem braungebräunten Typen, laut Men’s Health sicherlich perfekt gebaut und auf dem Weg ins Fitnessstudio. Es läuft uns ein weiterer Mann entgegen, mit Döner in der Hand. Er sieht die Sportskanone, verkrampft sein Gesicht und beißt mit schlechtem Gewissen in sein Essen. Und ich? Mir fällt ein, dass ich selbst schon seit drei Wochen nicht mehr im Gym war und mein Spiegelbild mich dafür jeden Morgen eine ins Gesicht schlägt. Darauf erstmal einen Proteinriegel!

Quelle: Noizz.de