Dennis ist 26 und teilt sich mit seinem Freund Mathias eine hübsche Wohnung in Charlottenburg. Klingt erst mal total normal. Ist es auch. Das Drumherum aber nicht. Die Zwei leben in einem Mehrgenerationenhaus der etwas anderen Art. In dem Haus mit 25 Wohnungen und einer WG leben nämlich nur schwule Männer. Während die Älteren hier einen Schutzraum finden, hat Dennis sich aus ganz anderen Gründen für dieses besondere Haus entschieden ...

Die Niebuhrstraße 60 ist in einem zarten Rosa gestrichen. Der Eingang ist hübsch bewachsen, über ihm prangt der Name des Hauses: Lebensort Vielfalt. Hier leben vor allem schwule Männer über 55, aber auch junge homosexuelle Männer und Frauen. Die Schwulenberatung Berlin hat dieses Projekt vor neun Jahren ins Leben gerufen. Es ist das erste Wohnprojekt seiner Art in Europa. Das Besondere: Es beherbergt eine Wohngemeinschaft für demenzkranke und pflegebedürftige Männer.

So sieht der Lebensort Vielfalt von außen aus!

Dennis lebt seit eineinhalb Jahren hier, gemeinsam mit seinem Freund. "Ich hatte keine Schwierigkeiten, mich damals zu outen. Meine Mutter ist schon immer sehr liberal gewesen," erzählt er auf der großen Terrasse des Hauses. Mit dabei sind der 62-Jährige Dieter und der 33-jährige Praktikant Chia-Feng aus Taiwan. Dennis muss lachen und fügt hinzu, dass seine Schwester lesbisch ist und die beiden Kater seiner Mutter auch nicht die Pfoten voneinander lassen können. "Wir sagen immer, das muss etwas mit der Erziehung unserer Mutter zu tun haben, irgendwas ist falsch gelaufen." Der ironische Unterton ist dabei deutlich zu vernehmen, an Homosexualität sei natürlich nichts falsch. Chia-Feng studiert Soziale Arbeit und absolviert sein Praktikum hier im Rahmen seines Studiums.

Dennis hat diesen Ort zum Leben bewusst gewählt. "Das Besondere am Lebensort Vielfalt ist, dass wir aufeinander achtgeben und natürlich, dass hier nur schwule Männer leben. Homosexualität ist hier Normalität." Hier gäbe es einfach eine andere Art miteinander umzugehen. Ein Raum frei von Diskriminierung und dem Gefühl, Teil einer Minderheit zu sein. Für ihn hat es einen ganz klaren Reiz mit älteren Männern zusammenzuleben. "Es ist spannend, zu hören, wie es schwulen Männern vor 30 Jahren in Berlin ging. Bernd Geiser lebt hier im Haus, er hat damals den ersten CSD in Berlin mit organisiert, solche Geschichten finde ich spannend."

Dieter, Chia-Feng und Dennis auf der Terrasse

Der Lebensort Vielfalt ist Schutzraum und Entfaltungsort gleichzeitig

Dieter arbeitet für die Schwulenberatung Berlin, ist selbst schwul und unter anderem verantwortlich für die Wohngemeinschaft für die Männer, die Pflege benötigen. "Ich glaube schwule junge Männer und schwule alte Männer haben unterschiedliche Beweggründe, hier zu leben. Die Männer über 55 hatten meist kein einfaches Outing, mussten ihre Homosexualität verheimlichen und wurden diskriminiert." Für sie sei der Lebensraum Vielfalt ein Schutzraum. "Hier können sie sie selbst sein und müssen sich nicht erklären oder verstecken."

Während heterosexuelle Männer hier nicht einziehen dürfen, ist die sexuelle Orientierung der Frauen egal. Frauen hätten nämlich eine ganz andere Einstellung zu queeren Männern. "Über schwule Männer hält sich das Vorurteil eisern, dass sie allen Männern an die Wäsche wollen. Ich glaube, Männer haben tatsächlich Angst, dass wir einfach übergriffig werden." Er erzählt von einem Spruch, den er öfters bringt, wenn er Workshops veranstaltet. "Dann sage ich immer: Sehen Sie, ich bin schon zwei Stunde hier und das ganz ohne Sex!" Er lacht. Ganz bewusst hat sich der Lebensort Vielfalt dazu entschieden auch fünf Frauen bei sich aufzunehmen. Sie würden nochmal eine ganz eigene Energie hier reinbringen.

Einer der Bewohner organisierte diesen ersten CSD mit

Das Wort schwul verwendet Dieter übrigens ganz bewusst. "Schwul und lesbisch werden oft für Beleidigungen verwendet. Ich benutze sie aber extra, um sie als Schimpfwörter zu entkräften." Außerdem fände er das Wort homosexuell manchmal etwas schwierig, weil es das Wort Sex beinhaltet. "Dabei geht es beim schwul oder lesbisch sein nicht nur um Sex, wie es das bei Heteros auch nicht tut." Noch ein diskrimminierends Vorteil, das allen drei Männern am Tisch übel aufstößt: Neben der Tatsache, dass schwule Männer alle anderen Männer geil fänden, seien Pädophile auch immer schwul.

Zwei ganz besondere Bewohner haben sich hier sogar verliebt

Dieter erklärt, warum die hausinterne Wohngemeinschaft für demenzkranke und pflegebedürftige Männer so wichtig ist. "Das Problem bei alten schwulen Männern ist oft die Vereinsamung. In normalen Altersheimen werden sie diskriminiert und unterdrücken ihr wahres Ich." Folgen seien oft schwere Depressionen und Einsamkeit. Dennis, Dieter und Chia-Feng statten der Wohngemeinschaft einen Besuch ab. Es wurde soeben mittaggegessen, einer schleckt noch genüsslich sein Eis. Die Männer hier sind pflegebedürftig, weil sie sehr alt sind, im Rollstuhl sitzen, körperlich oder geistige Einschränkungen haben, oder demenzkrank sind. Bei einer Demenz kommt es zu einer Verschlechterung von mehreren geistigen und kognitiven Fähigkeiten. Die Männer haben hier eine Rundumbetreuung.

Die Küche ist rot, die Wände sind grün und die Räume lichtdurchflutet. Die Bewohner durften mitentscheiden, wie die Räumlichkeiten aussehen sollen. Jede Wohnung hat einen Balkon und alle dürfen den großen Garten nutzen. "Der Garten ist das beste hier," sagt ein Bewohner, er heißt auch Dieter. Dieter hat sich hier verliebt. In seinen Mitbewohner Lutz. Lutz sitzt im Rollstuhl und ist sieben Jahre älter als Dieter.

Dennis an seinem Lieblingsort des Hauses

Dennis möchte gerne den Garten zeigen und sein Lieblingsplätzchen dort. "Ich erinnere mich noch genau, als ich mich damals den Bewohnern vorstellen musste," erzählt er. Wenn eine Wohnung frei wird, wird darauf geachtet, dass ein Bewohner ähnlichen Alters einzieht, damit das Gleichgewicht bestehen bleibt. Die Mischung der Menschen ist hier nämlich bewusst gewählt: Etwa 60 Prozent der Bewohner sind schwule Männer über 55. Rund 20 Prozent sind Frauen. Weitere 20 Prozent sind jüngere schwule Männer. Die Männer, die infrage kommen, müssen sich den Bewohnern dann vorstellen.

Diskriminiert werden homosexuelle Menschen auch dort wo man es am wenigsten erwartet

Wie stehst du zu Frauen? Das sei die Frage, die Dennis direkt gestellt wurde. "Ich habe geantwortet, dass mir das Geschlecht eigentlich egal ist und dass ich nur zwischen Arschlöchern und Nicht-Arschlöchern unterscheide." Dennis macht eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger. "Ich bekomme mit, wie sehr immer noch diskriminiert wird. Selbst auf Stationen, wo geschlechtsangleichende OPs durchgeführt werden, äußert sich das Personal teils homophob."

In der Bibliothek findet man einiges an Literatur über die queere Gesellschaft

Dennis möchte alles zeigen, was der Lebensort Vielfalt zu bieten hat. Die Gemeinschaftsräume, die Bibliothek voll mit queerer Literatur und den Veranstaltungsraum "Wilder Oscar". Nur seine Wohnung möchte er nicht gerne zeigen, die sei so unordentlich. Er lässt sich breitschlagen und ruft seien Freund an. "Jetzt hat er die Chance, noch flott Klarschiff zu machen." Dann wird an die Tür von Klaus geklopft. Er ist Gynäkologe im Ruhestand und lebt seit fünf Jahren hier.

Klaus kann sich für seinen Ruhestand keinen schöneren Ort vorstellen

Seine Wohnung gehört zu den Größeren. Sie ist geschmackvoll eingerichtet und an den Wänden hängen Kunstwerke, die auch die Flure im ganzen Haus schmücken. "Man kann hier so schwul sein wie man möchte und muss sich dafür nicht erklären," sagt Klaus. Innerhalb des Hauses gibt es einen Solidaritätsausgleich. Die Leute, die finanziell besser aufgestellt sind, zahlen etwas mehr für den Quadratmeter als andere. "Klaus hat sein Leben lang als Arzt gearbeitet, ist klar, dass es ihm besser geht als jemandem, der Hartz IV bezieht," erklärt Dennis später.

Dennis und Mathias können es nicht lassen sich gegenseitig zu necken

In seiner Wohnung wartet sein Freund Mathias schon auf ihn. Er ist Koch und muss gleich aufbrechen zur Arbeit. Die Wohnung ist schlicht, es gibt eine große Zocker-Ecke. "Einen gemeinsamen Kaffee, das schaffen wir noch."

  • Quelle:
  • Noizz.de