Der Autor veröffentlichte kürzlich sein zweites Buch "Lass uns von hier verschwinden".

Schwule Literatur wird immer populärer. Das belegen Autoren wie Édouard Louis, Didier Eribon und Wolfang Herrndorf, die mit Büchern wie "Das Ende von Eddy", "Rückkehr nach Reims" und "Tschick" auch noch nach Jahren in den Bestsellerlisten auftauchen.

Der deutsche Autor Julian Mars hat kürzlich erst seinen zweiten Roman "Lass uns von hier verschwinden" vorgestellt, der im Albino-Verlag erschienen ist. Mit den zuvor genannten Autoren kann er sich erfolgstechnisch noch nicht messen, er behandelt jedoch ähnliche Themen.

Und heute sitzt mir Mars gegenüber, rührt noch einmal in seinem Cappuccino und ist bereit für meine Fragen. Wir wollen uns über die Grundthemen seines Buches unterhalten: Beziehungen und Homosexualität.

Kurz zur Erklärung: In "Lass uns von hier verschwinden" geht es um Felix, der nach Berlin gezogen ist, um sich neu zu orientieren. Ex-Freund Martin und seine besten Freunde lässt er in Hamburg zurück. Für Felix beginnt eine Reise, die ihn mal in die Keller von Sexclubs führt, dann wieder in Romanzen mit attraktiven Intellektuellen. Irgendwo dazwischen finden seine neurotische Schwester und das Baby seiner besten Freundin statt. Obendrein will ihn sein Ex nicht ganz loslassen.

"Lass uns von hier verschwinden" Foto: Albino Verlag

Die Themen zeigen, dass Julian Mars in seinem Buch ein Bild von einem Schwulen zeichnet, das geprägt von Zerrissenheit, Unentschlossenheit und auch ein paar Klischees ist. Mars selbst sagt, dass der Charakter nichts mit ihm als Privatperson zu tun habe. Er schreibt unter Pseudonym. So oder so lässt "Lass uns von hier verschwinden" einige Fragen offen.

Da wäre zum Beispiel die Homophobie, die Felix in sich trägt. Er verurteilt andere Schwule für ihr Benehmen, ihr Aussehen und eben ihre Sexualität. Das ist etwas, das viele schwule Männer kennen. Woher kommt's? "Felix ist ein Charakter, der seine Sexualität offen auslebt. Er geht seit seinem Coming-out offen damit um. Er findet die meisten Schwulen aber anstrengend."

Um das Buch nicht nach einer persönlichen Abrechnung mit der schwulen Szene klingen zu lassen, stellt Mars seinem Protagonisten einen Ex-Freund gegenüber, der offen schwul ist und sich in seiner Rolle als homosexueller Mann auch sehr wohl fühlt. Martin, ebendieser Ex-Freund, arbeitet für die Aidshilfe, setzt sich für die Community ein und wird irgendwann zum Vorbild für Felix, der immer mehr beginnt, sich in der schwulen Welt zu akzeptieren. Der Weg, die Scham abzulegen, führt Felix an Schulen, an denen er das Thema "Homosexualität" erklärt und sich Fragen von Jugendlichen stellt – ganz schön mutig für jemanden, der Schwule eigentlich selbst verurteilt.

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Die internalisierte Homonegativität, die Felix in sich trägt, kennen viele homosexuelle Männer – auch Julian Mars, der an dieser Stelle doch nicht so weit von seiner Figur entfernt ist. "Von kleinauf bekommt man eingeimpft, dass man anders ist. Anders zu sein ist in diesem Kontext erst mal nichts Gutes, denn es bedeutet, weniger wert zu sein als heterosexuelle Männer." Das sind Gedanken, die einen das ganze Leben lang plagen können, erklärt Mars. Diese negative Einstellung führt dazu, dass man sich selbst in einem sehr negativen, sehr kritischen Licht betrachtetet.

Im Buch bekommt Felix einen Mitbewohner, der heterosexueller nicht sein könnte. Felix fragt sich unweigerlich, wie er sich jetzt geben muss, ob er sich anpassen muss, ob seine Homosexualität abschreckend auf seinen Mitbewohner wirkt. Damit kommen wir zur eigentlichen Frage des Buches: Darf ich so sein, wie ich bin?

Ob Felix nun in Cruising-Areas abhängt, sich im Club nehmen lässt, schwulen Fantasien hinterherhängt, seine Sneakersammlung bestaunt oder mit seinen schwulen Freunden abhängt – immer wieder kommt er mit der Scham in Kontakt, die mit seiner Sexualität gekoppelt ist.

Mars weiß, dass sich selbst zu akzeptieren sehr schwer ist. "Dafür braucht es noch mehr Vorbilder. Jugendliche, die sich gerade erst bewusst werden, dass sie schwul sind, brauchen Homosexuelle, die in ihrem Leben stattfinden." Wichtig sei, dass diese Vorbilder eine Bandbreite abbilden, wie sie auch im echten Leben existiert. Es gibt nicht nur den einen Typus des schwulen Mannes. "Da ist eine Olivia Jones, die natürlich ihre Daseinsberechtigung hat. Aber da sind auch Leute wie Jens Spahn, mit dem ich politisch nicht ganz übereinstimme, für den ich aber dankbar bin. Mit seiner konservativen Weltsicht ist er ein ziemlicher Gegenentwurf zu dem, was man sich unter einem schwulen Mann vorstellt."

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Mit genau diesen Gegenentwürfen spielt Mars in seinem Buch. Er greift sich ein Klischee und bringt den Gegenentwurf dazu ein, wie bei Felix und Martin. Doch wie weit ist der Autor selbst ein Vorbild? "Ich bin weit davon entfernt, berühmt zu sein. Ich habe ein fiktionales Werk geschrieben. Ich versuche dahinter zu verschwimmen." Zwar fordert Mars mehr Vorbilder, möchte sich gleichzeitig jedoch nicht anmaßen, sich zum Repräsentant der queeren Community zu erklären. Er möchte, dass das Buch für sich selbst spricht. Der Leser darf entscheiden, was er daraus macht.

Das reicht erst einmal auch aus. "Lass uns von hier verschwinden" leistet seinen Beitrag für die queere Community. Viele schwule Männer und auch Jugendliche werden sich in Felix, Martin und stellenweise auch in Julian Mars wiederfinden. Denn Mars besticht nicht nur durch die vielen Kontraste, die er zeichnet, sondern vor allem durch seinen Humor. Dieser macht nicht nur sein Buch lesenswert, sondern er hilft, das Leben leichter zu nehmen – dazu gehört eben auch die eigene Sexualität.

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Quelle: NOIZZ-Redaktion