Bei Pride-Paraden wie dem Christopher Street Day wird sich für Gleichheit von homosexuellen und trans* Personen eingesetzt. Tausende von Menschen schlüpfen in bunte Kleider und stehen für die Anerkennung der LGBTG-Community ein. Demonstration für die Rechte von Menschen abseits des binären Geschlechtersystems fallen hingegen aus. Höchste Zeit, das zu ändern – heute ist Intersex Awareness Day!

Der heutige Intersex Awareness Day soll auf Menschenrechtsfragen aufmerksam machen, mit denen intersexuelle Menschen konfrontiert sind. Intersexuelle Menschen können innerhalb des binären Geschlechtersystems nicht eindeutig zugeordnet werden. Sie sind aus medizinischer Sicht nicht "nur weiblich" oder "nur männlich", sie weisen zu Teilen beide Merkmale auf. Dabei sind Genitalien, Chromosome, Hormone, Hoden oder Eierstöcke nicht klar voneinander getrennt. Eine intersexuelle Person kann demnach sowohl eine Vagina und gleichzeitig nach innen liegende Hoden haben.

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Symbolbild

Am 26. Oktober ist Intersex Awareness Day – wo bleibt die Parade?

Das Problem: Bei LGBTQ-Veranstaltungen hat, wie die Abkürzung schon verrät, Intersexualität meist nur eine kleine Präsenz. Tausende Menschen setzen sich auf Prides wie dem Christopher Street Day für die Gleichheit von homosexuellen und trans* Personen ein. Dabei wissen vermutlich viele, für was "LGBTQ" steht (lesbian, gay, bisexuel, transexual, queer), können mit dem Begriff Intersexualität und den damit einhergehenden Themen und Problemen aber wahrscheinlich nur wenig anfangen.

Vor dem Bundestag in Berlin soll deswegen am heutigen Montag für die Rechte von Menschen außerhalb des binären Geschlechtersystems demonstriert werden. Wie der "Tagesspiegel" berichtet, haben LGBTIQ*-Organisationen (Intersexualität und andere Definitionen durch das Sternchen mit eingeschlossen) einen Protest angemeldet und eine Kundgebung organisiert.

Madonna singt, lob-redet und feiert die LGBTQ_Community an Silvester im Stonewall Inn

Auf welche Probleme soll der Intersex Awareness Day aufmerksam machen?

Zum einen ist Intersexualität im Vergleich zu Homo- oder Transsexualität nur wenigen ein Begriff. Dabei beträgt die Zahl der intergeschlechtlichen Personen in Deutschland laut dem Bundesverfassungsgericht etwa 0,2 Prozent. Das sind bei 80 Millionen etwa 160.00 Menschen. Die Vereinten Nationen gehen laut "Tagesspiegel" sogar davon aus, dass 1,7 Prozent der Bevölkerung intergeschlechtliche Merkmale aufweisen. Viele wissen über ihre Intersexualität gar nicht Bescheid. Der Grund: Die Medizin und die Gesellschaft schließen Intersexuelle häufig aus.

Seit dem 22. Dezember 2018 gibt es deswegen offiziell das dritte Geschlecht: Intersexuelle Menschen müssen sich nicht mehr zwischen "männlich" und "weiblich" entscheiden, sie können sich auch als "divers" bezeichnen. Bisher war es nur möglich, bei der Geburt eines intersexuellen Babys gar kein Geschlecht in den Pass einzutragen.

Das ist eine wichtige Veränderung rund um die Anerkennung von Intersexualität. Doch gibt eine Bezeichnung vielen keine zufriedene Antwort auf die Frage: Wer oder was bin ich eigentlich? Die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und die damit einhergehenden Probleme werden unterschätzt.

Christopher Street Day 2005 in Berlin

Genitaloperationen an Kindern

Ein weiteres Problem ist der Umgang mit Genitaloperationen an Kindern. Wie bereits geschrieben, können Eltern nun ihrem intersexuellen Baby das dritte Geschlecht zuweisen. Allerdings kann das "divers"-Gesetz nicht verhindern, dass an kleinen Kindern Genitaloperationen durchgeführt werden. Mithilfe einer Angleichung sollen sie eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugeordnet werden.

Der Bundesverband intersexueller Menschen möchte diese geschlechtsverändernden Operationen an Kindern verbieten. Warum? Die Problematik lässt sich wie folgt erklären: Divers ist nun gleichermaßen eine Geschlechtsbezeichnung wie männlich oder weiblich. Es scheint abstrus, aus einem männlichen oder weiblichen Baby ein intersexuelles zu machen. So sollte es aber ebenfalls verboten sein, ein intersexuelles Kleinkind zu einem weiblichen oder männlichen Kind zu operieren.

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Der Intersex Awareness Day sollte gleichermaßen zelebriert werden wie der Christopher Street Day

Laut "Tagesspiegel" wurde nach Angaben einer Studie allein im Zeitraum zwischen 2005 und 2016 bei Personen unter zehn Jahren jährlich rund 1.871 Operationen durchgeführt. Das soll nun verboten werden. Wegen all dieser Gründe ist es wichtig, für die Rechte von Intersexuellen zu demonstrieren.

Der Intersex Awareness Day sollte gleichermaßen zelebriert werden wie der Christopher Street Day. Werft euch in eure Pride-Kostüme und geht auf die Straße – oder auf Social Media. Selbst in Zeiten der Pandemie kann man für Intersexualität demonstrieren, online.

  • Quelle:
  • Noizz.de (Collage)