Heiko Maas' Iran-Besuch am Montag war beschämend.

Vor 25 Jahren, am 11. Juni 1994, wurde der Paragraph 175 abgeschafft. Ein Gesetz, das Sex zwischen zwei Männern unter Strafe stellte. Gefängnis-, Geldstrafen und auch die Kastration wurden regelmäßig verhängt.

Die Opfer, die noch lebten, wurden 2017 rehabilitiert und – wenn auch nicht ausreichend – entschädigt.

25 Jahre später ist Homophobie in Deutschland immer noch ein Problem. Übergriffe gegenüber Homosexuellen nehmen zu. Allerdings gibt es Länder, in denen die Praktiken des Paragraphen 175 heute noch gängig sind, schlimmer sogar noch: Im Iran zum Beispiel steht auf Homosexualität die Todesstrafe.

Am Montag war Außenminister Heiko Maas zu Besuch im Iran, um dort den iranischen Außenminister Mohammed Sarif zu treffen. Der BILD-Journalist Paul Ronzheimer saß im Publikum, fragte Maas' iranischen Kollegen, wieso Homosexuelle in seinem Land immer noch getötet werden. Im Januar wurde zuletzt ein Schwuler öffentlich hingerichtet.

Die Antwort Sarifs: "Unsere Gesellschaft hat moralische Prinzipien. Und gemäß dieser Prinzipien leben wir. Das sind moralische Prinzipien in Bezug auf das Verhalten von Leuten im Allgemeinen. Und das besteht darin, dass das Recht eingehalten wird und dass man sich an Gesetze hält."

Prinzipien, die überholt und falsch sind. Prinzipien, die Menschen ausgrenzen, zu Morden und Hass anstiften. Und das im Jahr 2019. Trotzdem macht Deutschland mit dem Iran Geschäfte. BILD-Chef Julian Reichelt schrieb dazu am Mittwoch in seiner Zeitung: "Wir denken zwar darüber nach, wie unsere Autos sauberer werden können, haben aber keine Skrupel, sie an Regime zu verkaufen, die Menschen wegen ihrer Homosexualität aufhängen, wie der Iran." Jährlich werden Waren im Wert von 2,7 Milliarden Euro von Deutschland in den Iran exportiert.

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Heißt: Der deutschen Politik ist immer noch alles recht, so lange der Rubel rollt. Maas positionierte sich zu der Aussage Sarifs nicht klar, sprach sich nicht für Homosexuelle aus. Und das, obwohl wir uns als liberals Land verstehen. In Deutschland wurde der Paragraph 175 abgeschafft, weil wir endlich eingesehen haben, dass Homosexualität natürlich ist. Aber es reicht eben nicht nur aus, ein Gesetz aus dem Strafgesetzbuch zu streichen. Wie sagen die Amerikaner so schön? Practice what you preach – lebe vor, was du predigst.

Wir prangern Länder wie den Iran an, und das auch ganz zurecht, haben aber in unserem eigenen Land immer noch Probleme mit Homophobie. Da ist einmal die Politik, eben der Besuch im Iran. Eine AKK, die Homosexualität mit Inzest vergleicht. Und dann noch die Katholische Kirche, die Homosexualität immer wieder als "Mode", als Grund für den Missbrauch in den eigenen Reihen und als "Fehlentwicklung" bezeichnet.

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Ja, Maas hätte den Mund aufmachen müssen, sich klarer positionieren sollen. Wir Deutschen sollten aus unserer Vergangenheit gelernt haben. Maas hätten sagen sollen: Wir sind heute offener und klüger als damals. Dafür steht Deutschland: Entwicklung. Im NS-Regime wurden Homosexuelle getötet. Den Paragraphen 175 gab es noch viele weitere Jahre. Aber heute, heute sind wir klüger! Homosexuelle gehören zu unserer Gesellschaft und wir schützen sie – auch außenpolitisch.

Vielleicht wäre das aber auch scheinheilig gewesen. Immerhin leben wir immer noch in einem Land, in dem Songzeilen wie "Vincent kriegt kein' hoch, wenn er an Mädchen denkt" (Sarah Connor) nicht im Radio gespielt werden. Homosexualität ist mit Scham besetzt. In Deutschland. Sowie im Iran.

Quelle: NOIZZ-Redaktion