Nein, eine Marmelade wird NICHT gegen Homophobie helfen.

Die Pride-Season ist im vollen Gange. Im Juli erwarten uns Christopher Street Days (CSDs) in München und Berlin, im August auch in Hamburg und zuvor feiern Städte wie Hamm und Wuppertal. Fast jede Stadt zelebriert ihren eigenen CSD, und das ist auch gut so. Denn Menschen gehen auf die Straße, um zu demonstrieren und zu feiern, Spaß zu haben und, haha, Farbe zu bekennen.

Der CSD findet seinen Ursprung im New Yorker Lokal "Stonewall" in der Christopher Street. Dort lehnten sich Schwule damals gegen Polizisten auf. Die Geburt der sogenannten Pride, in zwei Sätzen abgehandelt.

Passend zu all den CSDs und zum Tag gegen Homophobie am 17. Mai bringen verschiedene Hersteller mittlerweile Produkte auf den Markt. Converse zum Beispiel releast jährlich eine Pride-Kollketion mit Sneakern und Shirts, die die Regenbogen-Flagge zieren. Dieses Jahr gibt es erstmals auch die Trans-Flagge auf Schuhen. Die Kollektionen sind gut, da Menschen damit ein kleines Statement setzen und so einen Protest feiern. Quasi ein Mini-CSD, jedes Mal, wenn du auf die Straße gehst.

Kommen wir zum Problem: Die LGBTQ-Flaggen werden mittlerweile so sehr kommerzialisiert, dass sie für jeden Scheiß herhalten müssen. Es gibt jetzt sogar Marmelade mit Regenbogenflaggen darauf. Marmelade. Und dann noch die Regenbogen-Tasche aus Plastik von Ikea. Selbst Donald Trump, der mit seiner Regierung nicht einmal den "Pride Month" anerkennt, verkauft Pride-T-Shirts. Was in Gottes Namen?

Wenn du dir ein Glas dieser Marmelade kaufst, es in deinen Kühlschrank stellst und hin und wieder davon etwas auf dein Brot streichst, wem ist damit geholfen? Du magst jetzt sagen: Aber 50 Prozent der Einnahmen werden doch gespendet! Ja ja, mag sein. Aber werden die Schlagwörter "LGBTQ" und "Pride" und "Regenbogen" samt Charity-Stempel als Verkaufsargument genutzt. Diese sollen dem Konsumenten ein gutes Gefühl geben.

Wir von NOIZZ berichten über solche Themen auch, das stimmt. Es ist, wie erwähnt, ein zweischneidiges Schwert. Dabei geht es primär nicht allein um Marmelade, sondern all die anderen Produkte: Kleidung, Pflege, Nahrung, Ikea-Taschen und so weiter.

Es ist ähnlich wie bei Mandy Capristo, die für Waschmittel wirbt. Oder Justin Bieber für sein Deo. Oder eine der Jenner-Kardashian-Schwestern für Diättee. Das Produkt soll vom Image des Stars leben. Ähnlich ist es eben mit der Regenbogenflagge. Sie macht die Artikel cooler, lässt die Firmen liberal und modern wirken. Guck mal, wir setzen uns für dich ein, eine Minderheit, machen aber verdammt noch mal viel Kohle mit euch.

Mandy Capristo wirbt für das Waschmittel allerdings nicht, weil sie Coral so wahnsinnig geil findet und ihr einer abgeht, wenn ihre Wäsche nach Chemie-Blüten stinkt (ich wasche übrigens auch mit Coral). Sie verdient Cash damit. Und Coral gewinnt, indem sie eben ihr Gesicht nutzen dürfen.

Nur von manchen Produkten hat die LGBTQ-Community nichts. Wie von Kartoffelchips, die einen Regenbogen auf der Verpackung tragen. Oder eben dem Trump-Shirt. Diese Dinge tun nichts für Menschen, die homophob angefeindet werden. Es klärt nicht auf, adressiert keine Missstände. Es ist einfach ein Zeichen des Kapitalismus. Wenn mir ein Typ auf die Fresse hauen will, weil ich schwul bin, dann hilft auch keine Marmelade oder ein Regenbogen-Pullover. Es braucht Aufklärung.

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Es gibt allerdings auch gute Beispiele. Ben & Jerry's forderte in Australien vor einigen Jahren die Öffnung der Ehe. Als Protest konnten in den Eisdielen des Herstellers keine zwei Kugeln derselben Sorte gekauft werden. Natürlich ist das Marketing, hier wird aber ein tatsächliches Statement gesetzt. Das Unternehmen hatte keine Angst vor Verlusten.

Im Fall des Kommerz' und der Regenbogenflagge gibt es zwei Seiten. LGBTQ-Menschen finden sich vermehrt in unserer Gesellschaft wieder. Es gibt Produkte, die auf diese Zielgruppe zugeschnitten wurden. Da, wo Geld verdient wird, werden Gesetze geschaffen. So funktioniert die Politik. Dank des Geldes wird LGBTQ zum Mainstream. Auf der anderen Seite grenzt sich die Community damit wieder ab. Es gibt "normale" Produkte und dann gibt es "queere" Produkte.

Der gute Zweck in allen Ehren. Nur bitte hört auf, diesen als Vorwand zu nehmen und zu zweckentfremden für eure Lifestyle-Produkte! All die Mädels da draußen, die LGBTQ "cool" finden und Troye Sivan feiern, dann aber mit ihren homophoben Boyfriends abhängen, die "schwul" als Schimpfwort benutzen. Statt Regenbogen-Marmeladen zu kaufen, spendet lieber direkt Geld. An die Aids-Hilfe zum Beispiel. Oder an die Organisation "Enough is enoug", die übrigens am Marmeladen-Deal beteiligt ist.

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Noch besser: Wenn das nächste Mal jemand "Schwuchtel" sagt, "schwul" als abwertendes Adjektiv verwendet, dann mach den Mund auf und sag, dass das nicht okay ist. Das ist Courage und hilft der Community mehr als ein Regenbogen auf diesem gottverdammten Konsumartikel. Danke.

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Quelle: NOIZZ-Redaktion