Wie ich mich auf schwulen Dating-Apps versuchte und scheiterte.

Samstagabend. Ich fühle mich ein bisschen einsam. Auf Ausgehen oder Freunde zu treffen habe ich aber keine Lust. Die einfachste Lösung, dieses Gefühl loszuwerden: Appstore, Dating-Sektion, GayRomeo.

Das erste Mal habe ich mir eine schwule Dating-App mit 16 runtergeladen, kurz nach meinem Coming-out. Ich wollte mit Jungs und Männern in Kontakt treten, die schwul sind. Erste Erfahrungen sammeln und so. Hat auch ganz gut geklappt. Eine feste Beziehung aus den Online-Bekanntschaften ist allerdings nie entstanden.

Nun bin ich zurück auf den blauen Seiten, wie GayRomeo in der Szene auch genannt wird. 16 bin ich nicht mehr, aber immer noch ein bisschen aufgeregt, wenn mein Handy vibriert und mir eine neue Nachricht signalisiert.

Brrbrr. "Bock mir einen zu lutschen?", schreibt Robert*, 51, und schickt gleich ein paar Bilder seines besten Stücks mit. Ich bin leicht angeekelt von der Indiskretion und lösche den Verlauf. Sofort kommen Bilder in meinem Kopf auf, wie er masturbierend vor seinem Computer hängt und auf einen lüsternen Bottom (den passiven Partner beim Sex) wartet, den er mal so richtig schön vernaschen kann. Nicht schön. Im realen Leben wäre so etwas nicht passiert.

Ich scrolle weiter durch den Feed. Die App zeigt mir Männer in meiner Umgebung an. 75 Prozent der Profile zieren nackte Oberkörper oder andere Körperteile. Hier geht’s ganz klar um Sex. Neben Alter, Wohnort und Größe können auch sexuelle Vorlieben, Gesundheitsstatus und die eigene körperlicher Ausstattung (Penisgröße) angegeben werden.

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Inzwischen schreibe ich mit Tobias*. Er wirkt nett, fragt nach meinen Hobbys, meinem Beruf und wofür ich mich sonst so interessiere. Dann kommt die Frage aller Fragen: "Worauf stehst du so? Top oder Bottom?"

Ich versuche, mich kurz darauf einzulassen, es fühlt sich jedoch falsch an. Vor fünf Jahren fand ich solche Chats noch lustig. Ich dachte, so funktionieren Beziehungen. So funktioniert die schwule Welt. Aber das tut sie eben nicht. Seit fünf Jahren spuken dieselben Gesichter auf GayRomeo rum, fragen nach Dick-Pics und entblößen ihre After, um schnellen Sex zu bekommen.

"Darf ich dir ein blasen für TG", fragt der nächste Nutzer. Übersetzt: Er möchte mich oral befriedigen und mir dafür auch noch Geld zahlen. Das ist ziemlich erniedrigend, vor allem für ihn selbst. Das Nutzen dieser App macht mich immer nervöser und auch traurig. Viele Männer bieten sich wie Ramschware an, als hätten sie Angst, niemanden mehr abzubekommen. Bei anderen Anbietern, wie Grindr oder Scruff, geht es noch schneller zu. GayRomeo ist nur der kleine versaute Bruder. Allerdings können über GR auch Escorts gebucht werden. Hier wird Geld mit Sex verdient, auf allen Seiten.

Das ist schade. Auf schwulen Dating-Apps wird größtenteils der Raum genommen, Nähe zu einem anderen Menschen herzustellen, ein gesundes Kennenlernen zu schaffen und dann zu erkunden, worauf der andere steht. Sowas nennt man Beziehungen. Stattdessen wird der Fokus auf Fetische, Nacktheit und schnellen Sex gesetzt.

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Mit Unsicherheiten kann die schwule Community nur schwer umgehen. Sei es der eigene Körper oder eben emotionale Unsicherheiten, die unweigerlich aufkommen, wenn man einem anderen Mann nahekommt – alles muss schmerzlos, perfekt und möglichst glatt sein. Wer ordentlich durchtrainiert ist, funktioniert auf solchen Seiten scheinbar am besten. Es sind auch diese Profile, die am auffälligsten mit Sex werben. Als würden sie sich etwas holen wollen, was sie in der realen Welt nicht bekommen. Sei es Aufmerksamkeit oder eine vorgegaukelte Nähe. Wenn ich nur perfekt genug bin, dann bekomme ich auch dieses oder jenes.

Kevin, 23, schreibt mir jetzt. Er fragt, was ich so machen würde, um 22 Uhr am Abend. Ich antworte ihm, dass ich zu Hause bin und nichts Besonderes mache. Er fragt nach Bildern von mir. Als Antwort bekomme ich ein Bild von ihm beim ungeschützten Sex mit einem anderen Mann. Es ist Zeit, die App wieder zu löschen.

Da sitze ich nun also. Fühle mich wieder ein bisschen allein und denke über das nach, was auf der App passiert ist. Ich versuche, mir zu verdeutlichen, wieso ich mich eigentlich auf GayRomeo angemeldet habe und was nun mein Problem ist.

Desto mehr ich darüber nachdenke, über mein Dating-Verhalten, desto mehr wird mir bewusst, dass die Angst davor, allein zu sein, übermäßig groß ist. Ich habe kein Vertrauen, dass ich jemanden im realen Leben, abseits der Apps, kennenlernen werde. Die meisten meiner Freunde haben ihre Partner über Dating-Apps kennengelernt. Die meisten meiner Freunde sind in offenen Beziehungen. Die meisten meiner Freunde sind nicht glücklich damit.

Wenn ich an meine eigene Dating-Vergangenheit denke, habe ich mich auch in Beziehungen wiedergefunden, in denen ich nicht glücklich war. In offenen Beziehungen zum Beispiel. Während meine heterosexuellen Freunde nach zwei Wochen des Datens in einer festen Beziehung sind, scheint das in der schwulen Welt anders zu sein. Sechs, sieben Monate und es ist immer noch ein "offenes Ding".

Damit war ich nie zufrieden. Allerdings war das zu dem Zeitpunkt die angenehmere Variante, als ganz allein mit mir selbst zu sein. Unweigerlich drängt sich dann nämlich folgende Frage auf: Was ist, wenn ich niemanden finde und allein bleibe? Und auch: Definiere ich meinen Wert etwa über einen anderen Menschen?

In den letzten Tagen habe ich über das Alleinsein nachgedacht. Wenn ich keinen Partner finde, ob kurz- oder langfristig, dann muss ich auf irgendeine Art und Weise mit mir selbst klarkommen. Vielleicht sind meine Erwartungen an Dating-Apps und Beziehungen auch verkehrt, zu hoch, zu was weiß ich. Was ich aber gewiss weiß, ist, dass ich nicht allein bin, mit der Angst vorm Alleinsein. Den meisten Menschen geht es so. Das ist etwas, was wir alle gemeinsam haben.

Nachdem ich die App gelöscht habe, fühle ich mich erst einmal befreit. Ich weiß, dass mir die Penisbilder von den Willis und Ralfs und Werners nicht fehlen werden, allerdings könnte mir die Aufmerksamkeit nach einiger Zeit fehlen. Aus der Angst vor dem Alleinsein resultiert oft eine Sucht nach Dating-Apps. Was bedeutet, dass es manchmal auch gar nicht so sehr um die Dates geht, sondern um das Gefühl, dass da einfach nur jemand ist. Eine kurze Erlösung der Situation. Ein kurzer Kick, der mir sagt, dass da jemand an mir interessiert ist. Mein Ego bekommt einen kleinen Boost. Ich fühle mich weniger allein.

Dating-Apps fungieren als Schaubühne. Schau an, wie hübsch ich bin. Hast du mein Sixpack gesehen? Übrigens, mein Schwanz ist XXL! Für diese Attribute gibt es Aufmerksamkeit. Ich persönlich habe mich dabei erwischt, wie ich genau danach gesucht habe – Bestätigung.

Ach, die guten Dating-Apps. Sie machen schnellen Sex möglich, auch für Taschengeld und zuvor darf man sich sogar den Schwanz des Typens anschauen, den man flachlegen möchte. Enttäuschungen werden größtenteils ausgeschlossen. Eine schöne Fantasie. Am Ende des Abends ist man dann aber doch wieder mit sich und seinen Gefühlen allein. Man wischt und tippt auf dem Handydisplay rum und merkt gar nicht, dass das alles nur eine Illusion ist. Auf der Suche nach … ja, was denn eigentlich?

Aber wer weiß, vielleicht belehrt mich das Leben eines Besseren und ich werde auf irgendeiner App mal jemanden kennenlernen, der mehr als Dick-Pics und einen Quickie zu bieten hat. Bis dahin werde ich mich sicher auch noch einige Male auf die blauen Seiten verlaufen. Denn so ganz kann ich mich von dem schönen Gefühl einer neuen Nachricht nicht freimachen – nur ist mir ein "Hallo" lieber als ein Geschlechtsteil.

*Name geändert

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Quelle: NOIZZ-Redaktion