In unserer normativ zweigeschlechtlichen Gesellschaft drücken wir uns immer wieder davor, geschlechtlicher Vielfalt mit mehr Akzeptanz entgegenzukommen. Daran könnte sich aber in Zukunft etwas ändern, denn der Innenausschuss des Bundestags will über das "Transsexuellengesetz" und "normanliegenden Operationen" bei intersex-Personen beraten. Obwohl der Ausschuss sich nicht direkt mit Sprache befassen wird, fällt dabei auf: Wir brauchen endlich ein geschlechtsneutrales Pronomen im Deutschen. Wie wir sprechen hat nämlich Einfluss darauf, wie wir andere Menschen wahrnehmen. Ein offener Brief.

Liebes Deutsch,

Wir müssen uns mal unterhalten, zwischen uns funktioniert es so nicht mehr. Dabei geht es nicht um du oder ich – es geht um das dritte Personalpronomen.

Bisher gaben wir uns bei der Beschreibung eines Menschen mit "er" und "sie" zufrieden; wir dachten, unsere zweigeschlechtliche Grammatik reicht aus. Sprache wächst historisch und aus der Geschichte wissen wir, dass andere Geschlechtsidentitäten von unserer Gesellschaft lange Zeit nicht mitgedacht wurden.

Aber nur weil andere Identitäten nicht mitgedacht wurden, heißt nicht, dass sie nicht existieren – ob intersex, nicht-binär, trans* oder vieles mehr. Außerdem sollten wir uns mittlerweile wirklich die Frage stellen, ob es zwingend notwendig ist, gleich bei der ersten Begegnung und jeder nachfolgenden Benennung einer Person diese nach einem von zwei vermeintlichen Geschlechtern zu kategorisieren.

>> Ein offener Brief an Sido und Cro: Über die Geschichte Amerikas und "Indianer" spielen

Gegen den Status quo: "Xier" als Beispiel eines geschlechtsneutralen Pronomens

Stellen wir uns zum Beispiel ein Kind vor. Nennen wir es Alex. Alex wächst in einer Kleinstadt auf und entscheidet im jungen Alter, xier will später in einer Tierarztpraxis arbeiten. Bis zum Ende der Schulzeit hat xier die erste Liebe erfahren und Herzschmerz verspürt. Später entscheidet Alex sich um und fängt ein Architekturstudium an. Xier freut sich, einen eigenen Weg im Leben einzuschreiten.

Was fällt dir hier auf, liebes Deutsch? Mithilfe eines neuen Pronomens (in diesem Fall "xier", abgewandelt zu "xies" und "xiesem") wird uns alles Wesentliche über Alex vermittelt, ohne auf Geschlecht zu schließen. Ist doch eigentlich ganz schön, oder?

Dem stimmt Judith Vogt zu. Zusammen mit Ehemann Christian schrieb die nicht-binäre Autorin (sie benutzt nach eigener Erklärung "wie viele andere nicht-binäre Menschen, ein binäres Pronomen") den ersten geschlechtsneutralen Science-Fiction-Roman in deutscher Sprache, "Wasteland". "Es ist gut, den Status quo der zwei möglichen Pronomen in der deutschen Sprache herauszufordern und aufzubrechen", verkündet sie.

An diesen Fortschritt schienen wir uns bisher aber noch nicht ganz zu wagen. Ein paar Versuche gab es bereits: 2014 plädierte jemand aus Niedersachsen vor Gericht für die Einführung eines dritten Geschlechts im Ausweis – vergeblich. 2018 wiederum diskutierte der Rat für deutsche Rechtschreibung die Verwendung des Gendersternchens und entschied sich gegen eine Gebrauchsempfehlung. Erst letzten Monat führte die grammatikalische Geschlechtertrennung zu einer neuen Debatte. Ein Gesetzesentwurf des Justizministeriums musste umformuliert werden, weil es im generischen Femininum geschrieben wurde – und damit angeblich Männer aus dem Gesetz ausschloss.

Neue Hoffnung weckt dafür der Innenausschuss des Bundestags, der jetzt Anfang November das "Transsexuellengesetz", das vor fast 40 Jahren verabschiedet wurde, sowie "normangleichende Operationen" bei intergeschlechtlichen Personen debattiert. Obwohl es bei den Beratungen des Innenausschusses nicht direkt um geschlechtsneutrale Sprache geht, könnte eine Änderung der Gesetzeslage bezüglich trans* und intersex Menschen mehr Anerkennung für geschlechtliche Vielfalt bedeuten.

Andere Sprachen verwenden bereits geschlechtsneutrale Pronomen

Warum tun wir uns, liebes Deutsch, denn mit einer möglichen Veränderung so schwer? Schließlich gibt es andere Sprachen, die den Weg zur Geschlechts-Neutralität bereits eingeschlagen haben.

Nehmen wir Englisch als klassisches Beispiel. Wie Judith erklärt, kann das Singular-They dann verwendet werden, "wenn man das Geschlecht einer Person nicht kennt oder nicht aufgrund von Äußerlichkeiten vermuten will." Ein Äquivalent dazu könnte sich die Autorin im Deutschen gut vorstellen: "Nichtbinäre könnten dann wählen, das als Pronomen anzunehmen. Dann stünden auch individuelle Pronomenentscheidungen weiterhin offen."

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Aus der Ecke vernehme ich Kritik: Im Englischen sei es aber auch einfacher, so etwas grammatikalisch durchzusetzen! Super – wenn der Widerstand nur darauf basiert, wenden wir uns doch einmal der schwedischen Sprache zu. Vor fünf Jahren führte die "Svenska Akademiens ordlista" (SAOL) – die schwedische Version des Dudens – das Wort "hen" ein. Als geschlechtsneutrales Personalpronomen sollte es die Begriffe "han" (er) und "hon" (sie) ergänzen.

"Hen" wurde bereits in den 60ern erfunden, verfiel aber in Vergessenheit, bis Trans*-Aktivist*innen in Skandinavien das Wort Anfang der 2000er wiederentdeckten. Seit seiner offiziellen Einweihung im Jahr 2015 wird "hen" immer mehr in Medientexten, Dokumenten und selbst Gerichtsurteilen verwendet, berichtet "Spiegel".

Aufgrund ihrer mehrgeschlechtlichen grammatikalischen Struktur kommt die skandinavische Sprache dir, liebes Deutsch, sehr nahe. Wenn es also im Schwedischen klappt, warum nicht auch in unserer Sprache?

Wie wir sprechen beeinflusst, wie wir denken

Ich verstehe dich doch, liebes Deutsch: Wandel ist immer schwer. Letztendlich gehört er aber fundamental zu einer Sprache dazu. Auch wenn die Einführung eines geschlechtsneutralen Pronomens für dich wie ein großes Heckmeck wirken mag, so verlange ich es nicht umsonst.

Eine Studie aus 2019 zeigt, dass die Verwendung geschlechtsneutraler Pronomen sich darauf auswirkt, wie Menschen Genderrollen und -normen wahrnehmen. In dem Experiment haben Teilnehmer*innen, die das weibliche oder das neutrale Pronomen nutzen sollten, viel öfter von Frauen und LGBTQ-Menschen erzählt und positivere Ansichten ihnen gegenüber vertreten als Teilnehmer*innen, die das männliche Pronomen verwenden sollten.

Wie wir sprechen beeinflusst demnach, wie wir denken. Da wir es gewohnt sind, mit dem generischen Maskulinum zu arbeiten, denken wir eher an Männer als an Frauen oder Personen mit anderen Geschlechts-Identitäten. Außerdem sind durch die männliche und weibliche Form jedem Begriff bestimmte Geschlechterrollen untergeordnet. Eine solche kognitive Verzerrung schildert unsere Science-Fiction-Autorin anhand eines Beispiels: "Bei der Nennung von 'Ärzten und Krankenschwestern' – wie häufig zum Beispiel im Corona-Kontext genannt, – sehen wir männliche Ärzte und untergeordnetes weibliches Pflegepersonal vor uns."

Die Debatte über männliche vs. weibliche Formen bringt uns nicht weiter

So, Deutsch, dann reden wir doch mal Tacheles. Dass es möglich ist, ein geschlechtsneutrales Pronomen zu verwenden, zeigen uns die Sprachen Englisch und Schwedisch. Dass es unseren Horizont erweitert und neue Perspektiven erlaubt, ist wissenschaftlich belegt. Woran hakt es also noch?

Vielleicht hat es weniger mit dir zu tun als mit uns Deutschen. In einem Interview gegenüber der "Frankfurter Allgemeine" sagte Prof. Dr. Lann Hornscheidt, "Es ist eine neue Herausforderung für die Gesellschaft, nicht nur von Zweigeschlechtlichkeit auszugehen." Hornscheidt forscht am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität zu Berlin und setzt sich dafür ein, sowohl männliche als auch weibliche Formen durch geschlechtsneutrale Begriffe zu ersetzen.

Der "Binary ist für Computer"-Sticker spielt die Idee einer "Gender-Binary" an

Im gleichen Rahmen argumentiert Judith, "dass das generische Femininum auch keine Lösung ist". Dies würde die Zweigeschlechtlichkeit in Deutschland bloß festigen und weiterhin intersex, nicht-binäre, trans* und weitere Menschen mit vielfältigen Geschlechts-Identitäten ausschließen.

Um eine sprachliche Gleichstellung aller Menschen zu erreichen, dürfen wir nicht ständig zwischen der männlichen und der weiblichen Form hin und her schwanken. Wir müssen außerhalb dieser Klassifizierungen denken. "Eine neutrale Nennung", so die Autorin, "umfasst alle Geschlechter und erweitert auch unsere anerzogenen und Jahrzehnte verfestigten Geschlechterbilder."

Sprachwandel ist ein aktiver Prozess

Gerade im Deutschen wird oft die Ausrede verwendet, dass es grammatikalisch und schreibtechnisch zu schwierig sei, genderneutrale Sprache anzuwenden. Das Buch "Wasteland" von Judith und Christian Vogt zeigt jedoch, wie einfach es tatsächlich sein kann.

Der Roman spielt im Jahr 2064 – in einer Zukunft, in der Heterosexualität und "Gender Binary" nicht mehr die Norm sind. Da es thematisch um geschlechtliche Vielfalt geht, wollte das kreative Duo diese Vielfalt auch sprachlich darstellen. Laut Judith sei es "ein Lernprozess mit steiler Lernkurve" gewesen. Dennoch habe es Spaß gemacht, "damit kreativ zu sein und gleichzeitig sprachliche Utopien zu schaffen".

>> Danke, Bibiana Steinhaus! Ein Abschiedsbrief an die erste Schiedsrichterin der Männer-Bundesliga

Zwar mag dieser Brief an die deutsche Sprache adressiert sein, mein Appell richtet sich aber an euch, meine lieben Deutschsprecher*innen. Lasst uns nicht bis zum Jahr 2064 warten, um eine "post-heteronormative" und "post-gender-binary" Sprache zu kreieren. Wir können nicht länger die "Er"-"Sie"-Dualität passiv annehmen, wir müssen uns aktiv am Sprachwandel beteiligen.

Das fängt mit Pronomen an. Es gibt zahlreiche Begriffe, die wir verwenden können, um "er" und "sie" zu vermeiden. Am meisten verbreitet ist das Pronomen "xier", alternativ benutzen manche Menschen auch "dey" (ähnlich dem Englischen "they"), "sier" oder "ser" (beide jeweils zusammengesetzt aus "sie" und "er"). Hierbei ist es immer wichtig, dass wir Menschen nach ihren präferierten Pronomen fragen und diese dann auch benutzen. Wenn uns die bevorzugten Begriffe einer Person mal nicht bekannt sein sollten oder die Person Pronomen eher vermeiden möchte, können wir die Person immer beim Namen nennen.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Außerdem müssen wir darauf achten, welche Nomen wir verwenden. Bei einigen Hauptbegriffen lassen sich die männliche und die weibliche Form mithilfe des Partizip Präsens – Verben, die durch die Endung -end gekennzeichnet sind, – umgehen. So wird beispielsweise aus Student*innen Studierende oder aus Mitarbeiter*innen Mitarbeitende.

Sobald es um eine Person im Singular geht, sind solche Varianten jedoch nicht immer zufriedenstellend: Viele machen aus "die Studierenden" wieder "ein Studierender" und "eine Studierende". Um solche Probleme komplett zu vermeiden, empfehlen einige die Verwendung des Buchstabens "x" am Ende von Wörtern. Im Englischen und im Spanischen wird diese Lösung zum Teil bereits benutzt, wie an der Bezeichnung "Latinx" anstelle von "Latino" oder "Latina" zu erkennen ist. Für die Einführung des "x" im Deutschen wirbt auch Dr. Lann Hornscheidt: Anstelle von Professor*innen wünscht sich Hornscheidt die Verwendung von Professx.

Ganz vermeiden lassen sich einige gegenderte Begriffe auch durch Umformulierungen. Blicken wir noch mal auf Judiths Beispiel von vorhin zurück, können wir zum Beispiel "Ärtzt*innen und Krankenschwestern" auch als "medizinisches Personal" beschreiben. Weitere Tipps und Erklärungen zur geschlechtsneutralen Sprache bietet auch die Tumblr-Seite "nonbinarytransgermany".

"Um geschlechtsneutrale Sprache einzuführen, hilft nur eins: Sie zu verwenden, gerade auch im Journalismus, in Schulen, im Alltag", beteuert Judith. "Ein neues Pronomen wird viele herausfordern, aber wir sind zuversichtlich, dass es auf Dauer gelingen kann."

  • Quelle:
  • NOIZZ