Gender – was soll das eigentlich sein?

Gerade in Deutschland ist das vielen Menschen nicht klar. Sexuelle Identität, eigene Geschlechtswahrnehmung, eigene Rolle in der Gesellschaft, irgendwie sowas eben. Eigentlich kommt der Begriff aus dem Englischen und beschreibt eben nicht das Geschlecht, mit dem man geboren ist, sondern das soziale Geschlecht also das, in dem man sich selbst sieht. Das kann weiblich, männlich, aber auch etwas dazwischen oder geschlechtsneutral sein.

Bereits in den 80er Jahren stieß Philosophin Judith Butler die Diskussion darüber an. Traurig genug, dass die Debatte erst vor wenigen Jahren so richtig in Deutschland Einzug gehalten hat. Umso schöner, dass auch Parteien, die in der Mitte der Bevölkerung zu verorten sind – wie die SPD – „Gender” auf die Lehrpläne der Schulen setzen oder mit der Ehe für alle auch die Gleichstellung vor dem Gesetz forderten.

Auf der anderen Seite gibt es rechtpopulistische Parteien und Vereinigungen, die völkische Werte predigen. Sie stellen sich gegen die Feminismus-Debatte und tadeln auch den „Gender”-Begriff. Und warnen vor Frühsexualisierung und bewusster Ver-Homosexualisierung.

Die Broschüre erschien im Juli 2017 und soll aufklären Foto: Heinrich-Böll-Stiftung/ Rosa-Luxemburg-Stiftung

Klar ist es wichtig, etwas dagegen zu setzen. Diese Absicht hatte auch die Heinrich-Böll-Stiftung. Zusammen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung haben sie eine Broschüre erstellt: „Gender raus” heißt sie. Der Titel ist leider alles andere als gelungen, denn er wirkt wie eine Kampagne GEGEN „Gender” und nicht dafür. Dass die Broschüre gegen „Gender-raus”-Klischees aufklären soll, wird leider erst klar, wenn man das Heft aufklappt.

Das Anti-Klischee-Wiki ist wirklich zweifelhaft und erreicht leider so gar nicht das, was es eigentlich soll: Aufklärung. Stattdessen wird darin mit Klischees herumgeworfen, die dann vermeintlich „richtig gestellt“ werden. Aber was soll das?

Und vor allem: Wenn das Schüler lesen, dann wissen sie ja gar nicht mehr, wo vorne und hinten ist oder was richtig und falsch ist. Dreist auch, einfach von dem einen als „richtig” zu schreiben. Jeder hat doch eine andere Sicht.

Eines von zwölf „Gender”-Klischees, die „richtig” gestellt werden sollen Foto: Heinrich-Böll-Stiftung/ Rosa-Luxemburg-Stiftung

Die Autoren wollen zwölf Thesen „richtigstellen“:

- „Die Gender-Ideologie will die Ehe und die Kernfamilie abschaffen.”

- „Die Gender-Ideologie will unsere Kinder in ihrer sexuellen Identität verunsichern und frühsexualisieren oder sogar homosexualisieren.”

- „Gender Mainstreaming will Männer und Frauen gleichmachen.”

...

An dieser Stelle höre ich auf und spare mir das weitere Zitieren dieser Klischees. Denn das Schlimme ist: Stehen sie ein mal so geschrieben und sind gedruckt, dann sind sie beim Lesen in den Köpfen derer, die von diesen Ideologien verschont bleiben wollen und sollen.

Schon in der Schule lernte ich im Englischunterricht beim Fehler Korrigieren: Schreibe nie den Fehler noch einmal groß an die Tafel, sondern gleich die Richtigstellung. Was macht die linksorientierte Böll-Stiftung? Sie klatscht ein Klischee in die Broschüre und widerlegt es dann mit einer schlauen Antwort. Sorry, aber das geht nicht.

Viel hilfreicher für Orientierungslose wäre es doch, wenn die Autoren einfach erklärten, was „Gender” genau ist und welche Positionen dazu heutzutage wichtig sind. Dass AfD oder erzkatholische Vereine Hetze betreiben, werden sie damit jedenfalls nicht unterbinden können.

Quelle: Noizz.de