Ja, man spricht es tatsächlich "Müll" aus ...

Mode und Politik scheinen sich zu widersprechen. Während man Letzteres rein optisch mit schlecht sitzenden Anzügen und viel zu vielen weißen Männern assoziiert, versucht Ersteres immer wieder mittels Provokation und Laufsteg ein lautes Statement zu setzen. Aktuelles Beispiel: Während der diesjährigen Fashion Week in London widmete sich die Kollektion der britischen Designerin und lebenden Punk-Legende Vivienne Westwood dem Klimawandel – inklusive eines Gastauftrittes der #MeToo-Aktivistin Rose McGowan.

Für alle unter uns, die sich leider keine Designer-Teile leisten können, finden abseits vom Catwalk auch in den sozialen Netzwerken Politik zum Anziehen statt: Schon seit Längerem sorgt die US-amerikanische Organisation CHNGE mit ihren feministischen Parolen auf Shirts und Pullovern auf Instagram für Furore, mit direktem Link zum Online-Shop.

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Und auch hierzulande tasten sich Modemacher gerade an ernsthaften Tiefgang heran – so zum Beispiel das Berliner Label MYL. Seit dem Launch im September 2018 präsentiert es funkelnde Accessoires mit politischen Absichten: schlicht, hip und supersexy. Der Name ist dabei das Fundament des Konzepts. MYL – sprich "Müll" – soll genau das verlauten: Trash.

"Viele meiner Freund*innen sind queer, genderfluid oder Drag Queens. Sie alle wurden schon von Leuten auf der Straße als Müll bezeichnet", erklärt Sebastian Pladwig gegenüber NOIZZ. Der gelernte Produktdesign-Techniker ist Gründer, Designer und Creative Director der noch sehr kleinen Mode-Linie.

Queer Culture und "Club Trash", wie Sebastian es nennt, waren die Inspiration hinter der Marke. Sie soll negativ konnotierten Subkulturen eine Plattform geben – mit Stil und weit weg vom trashigen Image. Ein hohes Ziel. Da Mode glücklicherweise mehr auf äußere als innere Werte zielt, wird kein Geheimnis daraus gemacht, dass es sich vordergründig dann doch um schicke Accessoires handelt. "An erster Stelle geht es um attraktive Produkte", sagt Sebastian. "Die Designs sollen auffallen und somit Aufmerksamkeit auf sich bringen. Dann kommt es erst zu den Inhalten dahinter."

Dabei wird bei den Designs eine konkrete Grenze gesetzt zwischen gekonntem Eye-Catching und Aufdringlichkeit: "Die Strukturen und Formen sind nicht zu provokativ. Schließlich sollen sich auch Menschen außerhalb der Subkulturen in den Designs finden und somit für queere Kultur öffnen undmit der Thematik auseinandersetzen."

Schaut man sich bestimme Stücke der bisherigen Kollektion an, geht diese Idee auch auf. Egal ob Cap, Halskette oder Brusttasche – es passt sowohl zu sassy Queens als auch zu trainierten Sporties aus dem Gym. Zum Hip-Hop-Fan wie Techno-Lover. Gender ist dabei vollkommen egal.

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Für die Mundstücke muss sich das ein oder andere Fashion-Victim dann vermutlich doch überwinden. Spätestens hier erkennt man den direkten Einfluss der Berliner Clubkultur bei MYL. Leger und eben nicht zu dick aufgetragen, doch mit einer gewissen Portion Sex. So wie eine Brusttasche in Form eines Harness – Hingucker auf der Straße über der Kleidung, im Club auch mal ohne was drunter. Denn queere Clubkultur heißt neben nächtelangen Partys auch mal mehr Haut und wenig Stoff.

Individualität steht dabei ganz oben auf der Liste, erläutert Sebastian weiter. "Bevor ich ein neues Stück designe, wird erst mal durch langes und genaues Recherchieren sichergestellt, dass es nicht bereits irgendwo in der Art existiert. MYL soll einzigartig sein."

Sogar jede einzelne Brusttasche soll sich aufgrund des Materials an den*die Träger*in anpassen. "Die Taschen bestehen aus einer ganz bestimmten Form von Leder. Einer dritten Lage, die oft bei anderen Textilproduktionen einfach weggeschmissen wird", so der Designer. "Es wird als 'Crazy Horse Leather' bezeichnet. Das ist ein natürliches Material, in dem Falle sehr robustes Leder, das mit speziellem Wachs behandelt wird, sodass es einen schönen Glanz erhält und gleichzeitig gegen äußere Einflüsse resistent ist. Es altert schnell und passt sich somit der individuellen Körperform an."

Daneben darf dann auch Funktionalität nicht zu kurz kommen, weswegen vor allem die Brusttaschen darauf bedacht sind, nicht zu groß, aber auch nicht zu klein zu sein. Portemonnaie, Smartphone, Feuerzeug – jedes Item bekommt seinen eigenen Platz. Ideal für das Nachtleben.

MYL versteht sich als Mode zwischen Basic und Fetisch. Das könnte in Berlin als Startpunkt der Marke auch tatsächlich zum Hype werden. Hier treffen Gegensätze aufeinander – vor allem im Nachtleben. "In der Berliner Clubszene herrscht ein Clash von Kulturen", so Sebastian. "Unabhängig von Einkommen oder Beruf, es geht um das Zusammenleben. Randgruppen treffen aufeinander und genießen die Zeit gemeinsam."

Mit MYL soll Mode diese Kulturen verbinden und vor allem Subkulturen untereinander öffnen. Ziel des Labels ist es, erkannt zu werden und als Träger*in der Accessoires ein Zeichen zu setzen für Aufgeklärtheit und Toleranz bezüglich Queer Culture. Diese Botschaft soll auch über die Underground-Kultur hinausgehen. "Menschen aus unterschiedlichsten Kreisen sollen MYL tragen und somit auch die Botschaft in den Mainstream führen", wünscht sich der Designer.

Doch wie will man als Label sicherstellen, dass Kundschaft auch wirklich versteht, wohinter die eigene Marke steht? Auch daran wurde gedacht: Bei jedem Abschluss eines Online-Kaufs muss man bestätigen, dass man die Werte des Labels verstanden hat und diese auch vertritt. Man kommt also nicht drum herum, sich mit Queer Culture zu beschäftigen, bevor man sein Päckchen nach Hause bekommt. Allgemeine Geschäftsbedingungen bei MYL also: Sei offen, tolerant und verbreite Akzeptanz. Ganz schön erfrischend.

Shoppen könnt ihr die Pieces auf der Website von MYL!

Quelle: Noizz.de