Fela Kuti hat den Afrobeat erfunden und sagte einst: "Frauen sind Matratzen."

Carhartt stellt schöne Kleidung her. Die Baumwollstoffe sind weich, die Sweatshirts halten lange, die Jeans sitzen gut. Ich mag Carhartt und die Untermarke Carhartt WIP. Oder besser gesagt: Ich mochte Carhartt. Die Marke hat nun mein Vertrauen verloren.

Aber erst einmal von vorne: Im Frühling droppte das (Unter-)Label eine Kollektion zu Ehren Fela Kutis. Der Nigerianer gilt als Erfinder des Afrobeats. Paul McCartney hörte seine Musik. Jay-Z und Will Smith inszenierten ein Musical über ihn. Und nun habe ich im Carhartt-WIP-Store zwei gelbe Shirts aus der Fela-Kollektion gefunden, die ich sehr mochte. Mit der Kollektion möchte die Marke die Arbeit des afrikanischen Künstlers würdigen.

Cool, dachte ich mir, und nahm beide Teile nach einer kurzen Online-Recherche mit: "Agitator" und "Musiker" heißt es auf Carhartts Produktseite. Muss ja ein cooler Typ sein. Ob ich als weißer Dude ein Shirt mit einem Künstler tragen sollte, der die schwarze Kultur geprägt hat, habe ich mich beim Kauf gefragt. Stichwort: Cultural Appropriation. Nach anfänglichen Zweifeln dachte ich jedoch, dass Carhartt WIP einen politischen Aktivisten und sein Werk für die Menschheit huldigen will, und ich das unterstützen möchte. Sollte also kein Problem sein, dachte ich.

Heute Morgen trug ich nun eines der Shirts. In der U-Bahn wollte ich mehr über Kuti wissen. Ich mag Aktivisten, vor allem, wenn sie durch Mode gewürdigt werden. Vivienne Westwood zum Beispiel, die gegen den Klimawandel kämpft wie keine andere.

Fela Kuti setzte sich für Menschenrechte ein, lehnte sich gegen das Regime in Nigeria auf. Er baute sich einen "Shrine", wo er musikalisch und politisch wirkte.

Kommen wir zum Problem: Kuti war homophob. Für ihn war Homosexualität eine Bestrafung für alle Fehler im vorherigen Leben. Eine Bedrohung der westlichen Welt. Als "durch und durch homophob" betitelt ihn auch die "taz". Außerdem war er ein Sexist. Frauen waren für ihn "Matratzen". Er schlief am Tag mit sechs Frauen, prahlte er. Kuti hatte ungeschützten Sex. Er soll 27 Frauen auf einmal in einer Zeremonie geheiratet haben.

Im Jahr 1997 verstarb Kuti an den Folgen einer Aidserkrankung. An der Krankheit, deren Existenz er leugnete.

Im Statement zeigt sich Carhartt WIP uneinsichtig

Im Jahr 2019 bedruckt nun ein Label wie Carhartt WIP T-Shirts und weitere Artikel mit dem Namen dieses Künstlers. Auf meine Anfrage heißt es: "Wir haben mit der Kollaboration zum Musiker Fela Kuti dessen musikalisches Werk gewürdigt, das unbestrittenermaßen zur Musikgeschichte gehört. Es tut uns leid, daß Du dich nun durch den bloßen Aufdruck seines Namens beleidigt fühlst." Ich könne die Artikel zurückgeben. Darum geht es aber gar nicht.

Es geht um die Message, die Carhartt WIP damit aussendet: Jemand darf ruhig homophob und sexistisch sein, wenn er kreativ und ein "Genie" ist (oder war). Wir drucken das auch gerne auf unsere Shirts, weil cool. Dass er für etwas stand, das nicht so toll ist, ignorieren wir. Es ist okay. Er hat ja etwas geleistet. Ist ja nur ein Name.

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Auf meine Rückfrage, ob nun auch T-Shirts mit R. Kelly und Michael Jackson kommen würden, reagierte Carhartt WIP nicht. Sie sind auch Künstler, deren Werke zur Musikgeschichte gehören. Oder Harvey Weinstein. Er hat tolle Filme produziert. Allerdings sind diese Männer eben auch Männer, die heute für noch wesentlich mehr stehen, als nur ihre Kunst. Denen sexueller Missbrauch bis hin zur Vergewaltigung vorgeworfen wird.

Natürlich stellt sich nun die Frage, ob man die Kunst vom Künstler trennen kann. Ich glaube: Nein. Wenn jemand wie Kuti Homosexuelle ablehnte, sich sexistisch äußerte, dann möchte ich ihn heute nicht auf einem Shirt tragen. Ich möchte seine Musik nicht hören. Ich möchte ihn nicht unterstützen. So schön ich sein Artwork auch finde. So unbestreitbar sein Einfluss auch sein mag, so cool und popkulturell das alles auch klingen mag. Es gibt Themen, die wichtiger sind: Inklusion, Akzeptanz und Diversität.

Schade, Carhartt (WIP). Das Label zeigt sich uneinsichtig. Auch in der Beschreibung der Kollektion auf Carhartts Seite ist kein Wort über all das zu finden, wofür der Name Kuti eben auch steht: Homophobie und Sexismus. Und das geht nun einmal über die Musik hinaus. In seinen Songs betitelt er Frauen übrigens auch als Matratzen.

Man sollte meinen, dass einer Marke wie Carhartt WIP genau solche Themen am Herzen liegen und sie sich klar positioniert. So wie ich das eben auch tue. Dass Carhartt WIP in Zeiten von "#metoo" und Homosexuellen-Strafverfolgung in Staaten wie der Brunei andere Zeichen setzt. Das dachte ich zumindest und wurde eines Besseren belehrt.

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Quelle: Noizz.de