Die evangelische Kirche hat eine Studie initiiert.

Bea* ist bisexuell, 15 Jahre alt und wird in der Schule ausgeschlossen. Nachdem NOIZZ den Text "Wieso ich mich als schwuler Mann für meine Sexualität schäme" veröffentlicht hat, schrieb sie uns eine E-Mail. Ihre Freunde und Mitschüler würden ihre sexuelle Identität nicht verstehen und deshalb sagen, dass sie nicht bisexuell sei. In der Schule fühle sie sich deshalb nicht gut aufgehoben. Denn auch im Unterricht wird ihre sexuelle Identität nicht thematisiert.

Bea hat mittlerweile Angst, über ihre Bisexualität zu sprechen. Ihr wird gesagt, dass ihre Empfindungen, ihr Verlangen, nur eine Phase seien. "Händchen halten und Küssen in der Öffentlichkeit – vor allem mit einem Mädchen – machen mir Angst. Vor Gewalt und Verurteilungen", schreibt sie in ihrer Mail. Sie werde regelmäßig gefragt, ob sie nicht endlich hetero sei.

Nun scheinen die ersten Schulen auf Schüler wie Bea einzugehen. Die Evangelische Schulstiftung zum Beispiel hat in Zusammenarbeit mit der Boston Consulting Group eine Studie veröffentlicht, für die Schülerinnen und Schüler an drei Schulen in Berlin und Brandenburg befragt wurden. In der Umfrage ging es um sexuelle Identitäten, Sexualunterricht und den richtigen Umgang mit Mobbing.

472 Schüler*innen im Alter von zwölf bis 23 Jahren wurden befragt. Demnach wünschen sich Zweidrittel der Schüler mehr Präsenz der Themen Liebe, Sexualität und Vielfalt, acht von zehn wollen die eigene Sexualität jedoch nicht offen im Unterricht thematisieren. Die wichtigsten Themen sind HIV, Mobbing und sexualisierte Gewalt. Und: Jeder fünfte Schüler ist nicht heterosexuell.

Um darüber zu reden, wünschen sich die Schüler spezielle Diversity-Tage, die sich den Themen widmen. Um Mobbing einzugrenzen, fordern die Schüler klarere Regeln und demnach auch Strafen.

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Die eigentliche Frage lautet aber: Wieso kommt eine solche Umfrage, in der nach den Bedürfnissen der Schüler gefragt wird, erst jetzt?

Christina Reiche von der Evangelischen Schulstiftung erklärt: "Die Studie ist ein Teil unserer Diversity-Strategie, an der wir gemeinsam mit den Schüler*innen seit 2016 arbeiten."

Vor zehn, 15 Jahren gab es solche Aktionen noch nicht. Diversität ist mehr Thema denn je. Verschiedene sexuelle Identitäten gelangen heute in den Mainstream, was auch Tinder mit einem neuen Feature zeigt (NOIZZ berichtete). Das mag an den vielen Prominenten liegen, an den Aktivisten, den Christopher-Street-Days und an der Marktwirtschaft, die sich an der LGBTQI*-Community orientiert. Unter diesem Aspekt kann man sagen: Gott sei Dank.

Die positive Entwicklung in unserer Gesellschaft Richtung Offenheit soll eben nun auch im Schulunterricht stattfinden. "Ob in mathematischen Textaufgaben oder im englischen Grammatiktest – in den Unterrichtsmaterialien ist die Standartfamilie aus Vater, Mutter, Kind immer noch der Regelfall. Das entspricht nicht unserer gesellschaftlichen Realität", sagt Reiche.

Mit Sichtbarkeit für neue Modelle soll gegenseitiges Verständnis, Kommunikation und Toleranz ermöglicht werden. Wie die Gesellschaft, sei eben auch die Kirche divers und solle genau das abbilden.

Wie wird nun mit den Antworten aus der Umfrage umgegangen?

Christina Reiche: "Derzeit planen wir eine Kampagne, für die unsere Schüler und Schülerinnen Slogans entwickelt haben, die in allen Schulen das Thema sichtbar machen wird. Außerdem sind wir mit unseren Pädagogen im Gespräch, um das Thema in allen Fächern zu verankern." Auch Grundschulen sollen bald revolutioniert werden. So sind weitere Umfragen geplant, allerdings mit etwas anderen Fragen.

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Wenn selbst die – zugegeben: nur evangelische – Kirche sich für die LGBTQI*-Community öffnet, ist das ein gutes und wichtiges Zeichen. Oder wie Christina Reiche sagt: "Kein Mensch ist wie der andere, aber jeder einzelne ist geliebt und so gewollt, wie Gott in geschaffen hat."

Amen!

*Name geändert

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Quelle: NOIZZ-Redaktion