Ein Film, der auf wahren Gegebenheiten beruht – und heute noch aktuell ist.

Samstagabend, das UCI-Kino im Prenzlauer-Berg. Der Kinosaal ist gut gefüllt, überwiegend Herren im mittleren Alter sind zu Gast. Dazwischen sitze ich (Mitte 20) mit zwei Kolleginnen. Wir schauen Der verlorene Sohn mit Troye Sivan und Lucas Hedges. 

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Ein Film, der ein wichtiges Thema behandelt. Es geht um homosexuelle Jugendliche, die in ein religiöses Umerziehungscamp – eine Besserungsanstalt – gehen, um nicht mehr homosexuell zu sein. Die treibende Kraft dahinter sind oft die Eltern. Laut des Leiters der Anstalt, Victor Sykes, sei homosexuell zu sein eine Wahl und nicht natürlich. In zwölf Schritten möchte er die Teilnehmer umpolen. Dieser Glaube beruht, wie so oft, in der Religion – oder in diesem Fall der Bibel. 

In dem Film sieht der Zuschauer jungen Menschen zu, wie sie gezwungen werden, jemand anders zu sein. Sie lernen, eine andere Körperhaltung (bloß nicht zu feminin!) einzunehmen, Baseball zu spielen (was hat das mit der Sexualität zu tun?!) und werden auf vielerlei Weisen gepeinigt. Sie müssen ihre homosexuellen „Sünden“ Revue passieren lassen, sie vor der Gruppe aussprechen und um Vergebung bitten und Besserung schwören. Ihre privaten Dinge wie Handys oder auch Notizbücher werden auf alles durchsucht, was ansatzweise „schwul“ sein könnte. Sobald etwas gefunden wird, wird derjenige aufs Schlimmste erniedrigt. Homosexualität soll in den Köpfen der Teilnehmer mit Scham gleichgesetzt werden. Glücklich sehen sie dabei nicht aus.

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Der verlorene Sohn drückt und schmerzt und mag sich nicht anbiedern. Ein Grund dafür ist der folgende: Für viele Jugendliche ist dies jeden Tag die Realität. Auch hier in Deutschland. Lässt man die kirchliche „Einrichtung“ mal weg, sind das Erfahrungen, die viele LGBTQ-Jugendliche jeden Tag machen: Ausgrenzung, Erniedrigung, Mobbing.

Bloß nicht zu schwul sein, aus Angst vor den Konsequenzen. Sich anpassen an eine heterosexuelle Gesellschaft. (Fast) Jeder Homosexuelle, der diesen Text liest, wird diese Situationen kennen: Der Spitzname „Schwuli“, der einen in der Schule begleitet, das leise „Schwuchtel“, das einem im Bus zugezischt wird. Der Schulweg, der zum Problem wird, weil einen andere Mitschüler abfangen und eine Antwort wollen, ob man nun auf Jungs stehe, und wenn ja, dann gibt’s Prügel.

Wenn man als Erwachsener auf Partys geht und tatsächlich von einem heterosexuellen Pärchen gefragt wird, ob man sich täglich rasiere, weil man schwul sei. Wenn einem auf der Straße hinterher geglotzt wird, weil man mit seinem Freund / seiner Freundin Händchen hält. Wenn man – bevor man einen Raum betritt – sich fragt, wie man sich jetzt geben muss. Und immer wieder der Gedanke: Bloß nicht zu schwul wirken. Das ist mir alles so passiert – und ich könnte noch viel mehr erzählen.

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Der Glaube, der aus all diesen Erfahrungen resultiert: Mit mir ist wohl etwas nicht richtig. Ich muss mich anders verhalten. Ich muss anders sein. Ich darf nicht schwul sein. Und das gerade in Phasen als Jugendlicher, die prägend für die weitere Entwicklung sind. 

[ACHTUNG, SPOILER] In Der verlorene Sohn sehen wir den jungen Erwachsenen zu, wie sie gebrochen werden. Einer der Jungs möchte zwischenzeitlich austreten. Flüchten. Er wird gepeinigt, muss sich auf einen Sarg legen, wird von seiner Familie mit der Bibel geschlagen und muss anschließend ein Eisbad nehmen. Doch er kehrt zurück, bleibt in dem Camp. Am Ende bringt er sich um.

Ein anderer Junge weiß hingegen, dass er die Regeln befolgen muss, um schnell rauszukommen und sich anschließend abzusetzen. Er spielt mit, um zu überleben. Der Hauptcharakter wiederum bemerkt rechtzeitig, dass er richtig ist, wie er ist. Schwul eben. Homosexuell. Dass nicht er, sondern dieses Camp falsch liegt. Er verbündet sich mit seiner Mutter, setzt sich gegen seinen Vater durch, um am Ende glücklich zu werden. 

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Die Geschichte in Der verlorene Sohn beruht auf wahren Gegebenheiten. Der Autor Garrad Conley hat über seine Erfahrungen in dem Love in Action-Camp ein Buch geschrieben (Boy Erased: A Memoir of Identity, Faith, and Family) . Er berichtet damit von Erlebnissen, die jeden Tag irgendwo auf der Welt Millionen von LGBTQ-Menschen durchmachen. Sie werden gepeinigt, ausgegrenzt und falsch behandelt. Und ich frage mich, besonders nachdem ich Der verlorene Sohn gesehen habe: Wieso?

Quelle: Noizz.de