Auf Instagram setzt er sich für die LGBTQ-Community ein.

Das Berufsbild des Polizisten ist von vielen Assoziationen geprägt. In der Regel männlich, stark, vielleicht muskulös, aber auf jeden Fall heterosexuell.

Wolfgang Appenzeller möchte mit diesem Bild brechen. Der Münchner Polizist setzt sich für mehr Sichtbarkeit von LGBTQ-Polizisten und -Polizistinnen ein. Auf Instagram betreibt er den Account "GayGermanCop". Darauf zeigt er sich offen als schwuler Mann: privat und im Dienst, meist mit Regenbogenflaggen, auf dem CSD oder mit seinem stilisierten Bitmoji.

1994 begann der Münchner seine Ausbildung zum Polizisten. In dem Jahr, in dem der § 175 im StGB abgeschafft wurde, der Homosexualität unter Strafe stellte. Zwei Jahre später outete er sich gegenüber seinen Kollegen als schwul. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer ein Coming-out sein kann, wie viel Angst man als schwuler Mann manchmal hat. All dies sind seine Beweggründe, als Polizist heute richtig zu machen, was die Generationen zuvor versäumt haben. NOIZZ hat Wolfgang zum Interview getroffen.

NOIZZ: Mit dem Bild eines Polizisten verbindet man ein gewisses Klischee – dazu gehört, dass er heterosexuell ist.

Wolfgang Appenzeller: Aufgabe der Polizei ist es, Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung abzuwehren – wenn erforderlich auch mit körperlicher Gewalt. Aggressivität und Gewalt verknüpft man wohl vornehmlich mit Männern. Das Klischee, das viele vom Schwulen haben, ist dagegen weich, weiblich geprägt. Das passt nicht in das Bild, das viele vom Polizisten haben. Dass es bei der Polizei selbstverständlich auch Schwule, Transgender, Bisexuelle und Lesben gibt, hat man selten auf dem Schirm.

Wie wichtig ist eine Revolution dieses Bildes?

Wolfgang: Wie die EU-LGBT-Umfrage von 2012 zeigt, fürchten queere Menschen homo- und transphobe Reaktionen seitens der Polizei. Das ist auch ein Grund, weshalb homo- und transphobe Straftaten oft nicht bei der Polizei angezeigt werden. Wenn die Polizei zeigt, dass Transgender, Lesben, Bisexuelle und Schwule – aber natürlich auch Frauen – selbstverständlich Teil der Polizei sind, kann man das Bild vom Polizisten als heterosexuellen Mann um viele Facetten erweitern. Und es schadet der Polizei sicherlich nicht, wenn sich alle in der Bevölkerung in ihrer Polizei wiederfinden.

Auf @GayGermanCop zeigst du sehr offen, dass du schwul bist. Was war der Anlass für den Instagram-Account?

Wolfgang: Es gibt immer noch Kolleginnen und Kollegen, die Bedenken haben, mit ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität am Arbeitsplatz offen umzugehen. Vielleicht weil sie befürchten, ausgegrenzt und diskriminiert zu werden. Demgegenüber möchte ich zeigen, dass man in der Bundespolizei sehr wohl offen mit der geschlechtlichen und sexuellen Identität umgehen kann. Allerdings möchte ich auch nicht verschweigen, dass es noch Baustellen sowie homo- und transphobe Kolleginnen und Kollegen gibt. Aber durch meine Sichtbarkeit als schwuler Polizist möchte ich andere LSBTI (Anm. d. Red.: Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle) in der Polizei dazu ermutigen, im Dienst offen mit ihrer geschlechtlichen und sexuellen Identität umzugehen.

Was genau kann diese Sichtbarkeit bewirken?

Wolfgang: Je mehr LSBTI sichtbar sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass heterosexuelle Kollegen und Kolleginnen Kontakt zu ihnen haben und sich mit der Thematik auseinandersetzen. Das kann dazu beitragen, dass Vorurteile abgebaut werden, was wiederum einen Rahmen zu schaffen in der Lage ist, wo LSBTI weniger Bedenken haben, sich zu outen. Sichtbarkeit ist für mich daher der Schlüssel zu Akzeptanz und deswegen habe ich mich dafür entschieden, in den sozialen Netzwerken offen zu zeigen, dass ich Polizist und schwul bin.

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Wann bemerkst du Homophobie im Alltag?

Wolfgang: Ich höre immer wieder das Argument, Homosexualität habe im Dienst nichts verloren. Manch einer möchte sich in diesem Zusammenhang auch gegen die 'Sexualisierung des Dienstes' wehren. Das kommt daher, dass nicht unterschieden wird zwischen Sexualität und sexueller Identität. Das sind zwei unterschiedliche Dinge.

Sexualität hat im Dienst nichts verloren. Aber meine sexuelle Identität, als Teil meines Selbstverständnisses, das mein Bild von mir selbst, mein Denken und Handeln prägt, kann ich nicht zum Dienstbeginn abstreifen. Und warum sollte ich auch? Selbstverständlich bin ich auch im Dienst schwul. Jemandem zu sagen, diese homosexuelle Identität habe im Dienst nichts verloren, empfinde ich als diskriminierend und homophob. Im Übrigen ist Heterosexualität ist auch eine Ausprägung der sexuellen Identität.

Was sind deine Aufgaben, um die Welt ein wenig homofreundlicher zu gestalten?

Wolfgang: Auf den Dienst bezogen ist es meine Aufgabe, bezüglich der Thematik LSBTI zu sensibilisieren und Vorurteile abzubauen. Ich halte unter anderem Vorträge, werde in die Aus- und Fortbildung einbezogen, berate Vorgesetzte und stehe Kolleginnen und Kollegen als Ansprechpartner mit Rat und Tat zur Seite. Durch meine Sichtbarkeit kann ich aber auch über den dienstlichen Rahmen hinaus etwas bewirken.

Dr. Kai J. Jonas hat in einer Studie aufgezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen Hass- und Vorurteilskriminalität, psychischem Wohlbefinden und Anzeigeverhalten bei LSBTI gibt. Dabei spielt auch das Vertrauen in die Polizei eine Rolle. Die LSBTI-Community fasst es sehr positiv auf, wenn die Polizei zeigt, dass sie in ihren Reihen selbst LSBTI hat und es – wie bei einigen Landespolizeien – sogar Ansprechstellen gibt. Das kann sich positiv auf das Anzeigeverhalten und das psychische Wohlbefinden auswirken, was wiederum das Vertrauen in die Polizei stärkt.

Das ja, wie du schon erwähnt hast, nicht das stärkste ist …

Wolfgang: Vor 50 Jahren lehnte die Community sich gegen Polizeirazzien im Lokal Stonewall in der Christopher Street in New York auf. Das war die Geburtsstunde der Gay Pride, hierzulande Christopher Street Day oder auch CSD genannt. Viele tausend Schwule wurden von der Polizei auf der Grundlage des Paragraphen 175 im Strafgesetzbuch verfolgt und von den Gerichten verurteilt. Während der Nazizeit wurden Schwule in Konzentrationslager gesteckt und umgebracht. Für viele LSBTI war die Polizei der Feind.

Mittlerweile wurden sowohl der Paragraph 175 im Strafgesetzbuch als auch die Urteile aufgehoben, und die Polizei scheut sich nicht zu zeigen, dass sie in ihren eigenen Reihen Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender hat.

Vor zwei Jahren liefen Polizistinnen und Polizisten in Uniform in der CSD-Parade in Hamburg mit. Die Menschen jubelten und spendeten begeisterten Applaus! Wir haben gezeigt, dass die Community ein Teil der Polizei ist – und umgekehrt.

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Wie sollen Bürger reagieren, wenn sie homophobe Angriffe beobachten?

Wolfgang: Wenn man eine Straftat beobachtet, sollte man dem Opfer selbstverständlich helfen. Dabei muss sich allerdings niemand selbst in Gefahr bringen. Das ist bei homo- oder transphoben Straftaten nicht anders. Bei akuter Bedrohung, wählen sie die Notrufnummer 110. Die Polizei wird alles Erforderliche tun, um das Opfer zu schützen. Das Opfer sollte die Straftat dann bei der Polizei anzeigen – auch, um die Täter zu stoppen und so weitere Opfer zu vermeiden.

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Quelle: NOIZZ-Redaktion