In der Corona-Krise gibt es nur Verlierer*innen – doch gesellschaftlich trifft es am meisten die, die vorher schon zu kämpfen hatten: Marginalisierte Gruppen und die LGBTQ-Community. Denn ihnen fehlen Anlaufstellen und Schutzräume gerade besonders. Rémy Baiget, der in Paris den queeren Safe Space "À La Folie" betreibt, hat uns erzählt, wovor er sich am meisten fürchtet.

Eigentlich, dache Rémy Baiget, wird 2020 DAS Jahr. Das Jahr der Inklusivität, das Jahr, in dem endlich jede*r aufwacht, das Jahr, in dem man sich umeinander kümmert. 2020, dachte er, würden endlich mehr Schwarze Künstler*innen, Frauen* und trans* Menschen gesehen werden. "Ich hatte das Gefühl, wow, wir kämpfen alle für dieses eine Ziel, wir feiern alle gemeinsam – und dann ist alles in sich zusammengefallen", erzählt der Pariser am Telefon.

Rémy vor dem "À La Folie"

"À La Folie": Die Geschichte eines LGBTQ-Safe-Spaces in Paris

Rémy betreibt in Paris das "À La Folie": Es ist Club, Bar, Biergarten und Restaurant in einem. Das knallrote Gebäude liegt im 19. Arrondissement und ist seit 2017 ein fester Bestandteil der hiesigen LGBTQ-Community. Der Slogan: "Open doors for open minded people" (Offene Türen für aufgeschlossene Menschen). Das Team ist divers, das Publikum auch. Das war Rémy, der vorher 15 Jahre lang in der Pariser Techno-Szene gearbeitet hat, wichtig: "Früher ging es auf dem Dancefloor nur darum, zusammen zu sein. Heute geht es vielen nur noch um's Geld", erzählt er.

Das "À La Folie" in Paris

Das "À La Folie" sollte einen Gegenpool darstellen: Man engagiert sich für mehr Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen, für politische Anliegen wie die Rechte homosexueller Eltern.

Alles lief supergut, erzählt Rémy. Bis zur Corona-Pandemie. Als die Krise im Frühling ihren ersten Höhepunkt erreichte, haben er und seine Kolleg*innen schon drei Tage vor dem offiziellen Lockdown geschlossen. Warum? "Wir wissen, dass unsere Community nicht gerade die stärkste der Welt ist, wir wollten sie beschützen", erklärt der Franzose.

Doch Rémy spürte auch, wie sehr die Leute den Ort vermissen – unter strengen Auflagen öffnete das "À la Folie" im Sommer wieder. Man sorgte für Masken und Desinfektionsmittel, stellte die Tische mit Abstand auf, ließ die Menschen ordentliche Schlangen bildeten. Das ging gut, bis die französische Regierung die Corona-Maßnahmen wieder verschärfte. "Plötzlich hieß es: Nach 22:00 Uhr dürft ihr keinen Alkohol mehr verkaufen. Wer steht, darf nicht trinken. Tanzen ist nicht erlaubt. Musik ist nicht erlaubt. Wer zum Essen kam, musste selbst am Tisch zwischen den einzelnen Gängen wieder eine Maske tragen." Aber wenn einem Ort, der vom gemeinsamen Essen, vom Teilen, vom Zusammensein lebt, all das genommen wird, was macht ihn dann noch zu dem, was er ist? "Es war unmöglich, weiterzumachen", sagt Rémy.

Als man noch zusammen sein konnte.

Was passiert mit der queeren Community, wenn ihr die Schutzräume fehlen?

Nun ist das "À la Folie" zum zweiten Mal geschlossen – wie lange, das steht in den Sternen. Denn Frankreich ist corona-technisch noch schlimmer dran als wir: Dort herrscht der Gesundheitsnotstand, die "zweite Welle" hat das Land längst überrollt. Seit Anfang November sind alle Geschäfte, die nicht Güter des "lebensnotwendigen Bedarfs" verkaufen, geschlossen. Rémys Etablissment sogar schon seit Oktober. Während wir uns im Teil-Lockdown befinden, darf man sich in Frankreich gerade nur im Ausnahmefall und für begrenzte Zeit aus den eigenen vier Wänden bewegen. Das soziale und kulturelle Leben? Wurde vollends zum Erliegen gebracht.

Wer das besonders merkt, sind marginalisierte Gruppen, nicht nur in Paris. Auch in London, in Amsterdam, in Berlin oder Köln – einfach überall, wo kulturelles und LGBTQ- Leben aufeinandertreffen: "Es sind kleine Venues wie wir, die Minderheiten Sichtbarkeit geben. Raum schaffen, in dem sie sich treffen können, in denen sie gehört werden, in denen sie sich 'normal' fühlen können. Was passiert, wenn diese Orte nicht mehr existieren?", sorgt sich Rémy, wenn er daran denkt, wie viele unabhängige Veranstaltungsorte durch Corona in den finanziellen Ruin gezwungen werden – oder schon wurden.

"Das Coronavirus trifft auf diskriminierende Strukturen" – auch in Deutschland

Damit spricht er ein Problem an, dass in Deutschland bisher noch zu wenig Beachtung erfährt: Wie sehr die Corona-Krise die LGBTQ-Community trifft. Denn nein, vor dem Virus sind nicht alle Menschen gleich.

"Das Coronavirus diskriminiert nicht, trifft jedoch auf diskriminierende gesellschaftliche Strukturen", schreibt die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH).

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Sie hat Mitte Oktober einen Appell veröffentlicht, in dem sie dazu auffordert, lesbische, schwule, bisexuelle, trans-, intergeschlechtliche und queere Menschen gerade jetzt in der Pandemie besonders in den Blick zu nehmen, weil sie unter den aktuellen Maßnahmen besonders leiden.

Nicht nur, weil sie von Engpässen in der medizinischen Versorge getroffen werden – zum Beispiel trans* Menschen, die sich zu Beginn der Pandemie im Prozess der Geschlechtsangleichung befunden haben. Sondern eben auch, weil plötzlich Safe Spaces und Anlaufstellen fehlen: Für queere Teenager, die besonders häufig von häuslicher Gewalt betroffen sind.

Für Menschen, die gerade ihr Coming-Out haben. Für Menschen, die psychisch auf den Halt der Community angewiesen sind. Egal, ob der Schutzraum dabei eine Gay-Bar, ein LGBTQ-freundlicher Club oder eine Sauna ist. Aber natürlich auch – und ganz besonders – für queere Gastronomie- und Kulturschaffende, Freiberufler*innen und Künstler*innen, Musiker*innen und DJs. Ihr Leben und die Kulturszene sind eng miteinander verwoben. Ob das eine ohne das andere existieren kann? Schwer zu sagen.

So sah ein Club-Abend im "À La Folie" vor Corona aus

>> Tolerantes Deutschland? Denkste! Queere Menschen werden im Job immer noch stark diskriminiert

Der Staat muss sich jetzt mehr um LGBTQ-Menschen kümmern

"Für unsere Kultur ist die Pandemie katastrophal.", bringt es Rémy auf den Punkt.

"Meine größte Angst ist es, dass unsere Räume durch die Pandemie zerstört werden und die Minderheiten weniger gesehen werden als vor der Corona-Krise. Das ganze Konstrukt der Inklusion ist noch total fragil."

"Wir müssen verstehen, dass Minderheiten und die Kultur gemeinsam in dieser Krise leiden und uns jetzt überlegen, wie wir helfen können", appelliert er. "Wenn wir den ganzen Kampf um Diversität und Inklusion noch mal von vorne starten müssen – hoffe ich wirklich, dass wir die Energie dazu haben", sagt Rèmy. Er hofft auch darauf, dass europäische Regierungen anfangen, sich verstärkt um die LGBTQ-Community zu kümmern.

Etwas, das auch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und viele deutsche queere Vereine und LGBTQ-Organisationen von der deutschen Regierung fordern ... aber bisher nur auf Schweigen treffen.

  • Quelle:
  • NOIZZ