... und dabei mein eigenes Coming-out reflektiert.

Carlo sitzt mir nervös gegenüber. Sein Blick wandert umher. Immer wieder lacht er kurz auf, wenn eigentlich nichts Witziges gesagt wurde. Er sagt Floskeln wie "Ja, so ist das", wenn es kurz still wird. Carlo kratzt sich am Bein, wenn das Wort "Coming-out" seinen Mund verlässt.

Carlo ist 32, Jungfrau, schwul. Ihm steht sein Coming-out bevor. Er lebt in der Nähe seiner Eltern. Die seien locker, sagt er. Homosexualität sei nie ein Tabu-Thema gewesen, noch seien seine Eltern homophob. Vor seiner Schwester und seiner besten Freundin ist Carlo seit einiger Zeit geoutet. Seine Schwester wusste noch vor ihm, dass er schwul ist. Jetzt möchte er es auch seinen Eltern sagen – und Tipps von mir hören.

Er wurde von Paula Lambert interviewt, mit der ich auch in ihrem Podcast sprach. Paula empfahl mich weiter. Nun sitzen wir hier zusammen bei Starbucks.

>> Wieso ich mich als schwuler Mann für meine Sexualität schäme

Ich verstehe Carlo gut. Sich mit seiner eigenen Sexualität auseinanderzusetzen, ist für die wenigsten einfach. Für schwule Männer – oder allgemein queere Menschen – ist dies noch schwerer. Wir wachsen in einer heterosexuellen Gesellschaft auf. Viele schwule Männer entwickeln laut des Psychologen Alan Down früh ein Gefühl der Scham, das sie ihr ganzes Leben über beeinflusst. Problematisch wird es, wenn homosexuelle Menschen dieser Scham aus dem Weg gehen und zum Beispiel das Coming-out lange Zeit aufschieben und nicht zu sich selbst stehen.

Das perfekte Coming-out?

Genau dieses Gefühl macht das Coming-out so schwer. Scham. Und dann auch noch die eigene Identität finden, in einer Welt, die lange keine Vorbilder für queere Menschen parat hielt. Wie sieht für Carlo das perfekte Coming-out aus?

"Ich wünsche mir ein einfaches 'Okay, erzähl mir was Neues'. Eine Umarmung, und dann geht es weiter, wie gehabt. Ich will kein großes Trara oder Gefühlschaos."

Dass Carlo sich im Alter von 32 Jahren outen möchte, ist wichtig und gut. Er hat seine Zeit gebraucht. Aber er steht jetzt zu sich selbst. Da steckt sehr viel Kraft drin. Manche homosexuellen Männer finden nie den Mut, zu sich selbst zu stehen, gehen Beziehungen mit Frauen ein und sind ein Leben lang unglücklich.

Ich frage nach dem Gespräch mit Carlo bei der Psychologin Anne Brandenburg nach, wie ein gelungenes Coming-out ablaufen kann und ob es eine Universal-Lösung gibt.

"Ich glaube, den einen Weg gibt es nicht. Es ist total von den Eltern abhängig." Denn es komme nicht darauf an, wie man es sagt, erklärt Brandenburg. Du kannst nicht beeinflussen, wie deine Eltern reagieren. Du kannst aber beeinflussen, was die Reaktion deiner Eltern mit dir macht. Die Erwartungen sollten nicht zu hoch sein, da dadurch die Ängste wachsen und man sich letzten Endes nicht trauen könnte.

"Eine Abweisung ist immer möglich. Aber wenn man sonst einen stabilen Freundeskreis oder sogar einen Freund hat, kann man mit dem Coming-out bestimmt gut umgehen." Abweisung der Eltern ist heutzutage eher die Ausnahme. Manche Eltern reagieren zuerst verdutzt, kommen dann aber mit der Homosexualität ihres Kindes klar. "Das muss nicht gleich eine komplette Abwertung deiner Person bedeuten", sagt die Psychologin.

Ich habe Angst vor Zurückweisung

Ich selbst bin 25 Jahre alt. Mein Coming-out hatte ich mit 16. Eltern, Freunde, alle anderen durften wissen, dass ich schwul bin. "Das sollte doch kein Problem sein", sagte ich mir. Ich versuchte, mir die Angst davor zu nehmen, anders zu sein als die anderen Jungs. Dass ich verstoßen werden könnte, machte mir dennoch Angst. Zurückweisung und Ablehnung sind große Trigger. Denn als schwuler Mann hat man von kleinauf ein verstärktes Verlangen nach Anerkennung, um mit eben diesen unangenehmen Gefühlen nicht in Kontakt zu kommen.

Die Angst vor Zurückweisung spürt auch Carlo, als er mir gegenübersitzt. "Ich will nichts mehr mit dir zutun haben", ist die Antwort, die er von seinen Eltern befürchtet. Auch wenn das sehr unwahrscheinlich ist. Wie bereits erwähnt, seine Eltern sind sehr liberal. "Ich habe hauptsächlich davor Angst, dass sie mich nicht als den akzeptieren können, der ich bin." Dabei möchte Carlo nur glücklich und frei sein und sich nicht wegen seiner Sexualität verstellen.

Das ist eine schöne Vorstellung. So geht es vielen schwulen Männern. Auch ich möchte frei sein und mir nicht immer Gedanken machen müssen, ob ich nun offen als schwuler Mann auftreten darf. Für viele meiner heterosexuellen Freunde stellt sich diese Frage überhaupt nicht. Sie sind es gewöhnt, dass sie offen heterosexuell leben dürfen. Für homosexuelle Menschen ist das oft nicht so.

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Homosexuelle kostet es jedes Mal Überwindung, zu sagen "Ich bin schwul" oder "Ich bin lesbisch". Das passiert, sobald man den Job wechselt, neue Freunde kennenlernt, in einem neuen Sportclub anfängt. Unweigerlich kommen Fragen auf wie "Hast du eine Freundin?". Jedes Mal durchlebt man wieder ein kleines Coming-out.

Wie Carlo es zuvor schilderte, wecken diese Fragen alte Erfahrungen – und die Angst vor Zurückweisung. Ich bin in einer Vorstadt Münsters aufgewachsen. Ich wurde in der Schule gemobbt. Das machte es für mich erst sehr schwer, mich offiziell zu outen. Wie das auf dem Dorf so ist, sprechen sich gewisse Dinge schnell rum. Sebastian ist schwul, Breaking News. Wooho. Ich wollte mir meine Freiheit aber auch nicht nehmen lassen, trotz Mobbing.

Jedes Mal, wenn ich heute auf ein Date gehe, empfinde ich ein wenig Scham. Es fühlt sich wie ein Coming-out an. Alle um uns herum könnten wissen, dass wir schwul sind. Dass ich mich hier mit einem Mann treffe, mit dem ich vielleicht einmal zusammen sein werde, eine Familie haben werde oder vielleicht auch einfach nur Sex.

Coming-outs sind unangenehm – aber notwendig

Als Teenager habe ich versucht, wie die heterosexuellen Jungs zu sein, bestimmte Kleidung zu tragen, bestimmte Musik zu hören und möglichst hetero rüberzukommen. Hat nicht funktioniert. Du magst jetzt denken, zwingt dich ja keiner zu. Doch, irgendwie schon. Es wird automatisch vorausgesetzt, dass man heterosexuell ist. Den Beleg dafür bekomme ich, sobald ich nach meiner vermeintlichen Lebensgefährtin gefragt werde. Das erzeugt Druck. Es gibt dir das Gefühl, dass mit dir etwas nicht stimmt. Du versuchst dich automatisch anzupassen.

Dass ich mich als schwuler Mann jedes Mal outen muss, wenn ich auf einer Party Smalltalk betreibe, macht es nicht einfacher. "Das ist meine Frau Susi … wo ist denn deine Partnerin?" Ja, nee. Keine Partnerin. Wenn überhaupt, dann ein Partner. Mit Penis und so. Jedes Mal aufs Neue. Ich bin es leid. Und doch ist es so wichtig, diese Worte auszusprechen: Ich bin schwul, verdammt nochmal.

Denn diese kleinen Coming-outs sind wahnsinnig wichtig. Je mehr ich mich als schwuler Mann akzeptiere, desto besser komme ich auch in unserer Gesellschaft klar. Damit schaffe ich Sichtbarkeit. Es ist wichtig, für sich selbst einzustehen und anderen ein Vorbild zu sein, damit auch jüngere queere Menschen lernen, dass sie gut so sind, wie sie sind.

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Ich hatte solche Vorbilder nicht. Aus diesem Grund schreibe ich heute diesen Text. Dafür nehme ich alle Coming-outs in Kauf. Ich will sagen: Das ist alles nicht so einfach, aber die Mühe ist es wert. Irgendwann müssen Kinder sich vor ihren Eltern hoffentlich nicht mehr outen. Irgendwann wird die Frage nach dem Partner oder dem Partner so beiläufig fallen, wie die, ob man nun Mercedes oder BMW fährt. Irgendwann sind wir hoffentlich eine akzeptierte Minderheit wie Menschen, die blaue Augen haben oder die die SPD wählen. Irgendwann.

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Quelle: NOIZZ-Redaktion