In seiner Heimat Frankreich zählt der 19-Jährige zu den wichtigsten Personen der LGBTQI*-Szene. Wir haben mit ihm gesprochen.

In Frankreich kennt jeder Bilal. Er ist Youtuber und Sänger, nahm 2015 an der zweiten Staffel der TV-Casting-Show "The Voice Kids" teil. International machte Bilal Hassani mit seinem Statement-Auftritt beim diesjährigen "Eurovision Song Contest" von sich reden. Dabei wäre uns dieses Schmuckstück in der Geschichte des Musikwettbewerbs beinahe vorenthalten geblieben! Die Jury des französischen Vorentscheids mochte sein Lied nicht. Wäre es nur nach ihnen gegangen, Bilal hätte nicht nach Tel Aviv reisen dürfen. Am Ende sicherten ihm seine Fans das Ticket: mit 49 Punkten Vorsprung zur Zweitplatzierten, Chimène Badi.

 "Ich hätte nie geglaubt, dass ich jemals auf dieser Bühne stehen werde", sagt Bilal rückblickend. Für ihn sei es eine einmalige Erfahrung gewesen – mit der Konsequenz, dass ihn jetzt auch außerhalb Frankreichs viel mehr kennen. Das sei für ihn aber nicht das prägendste Erlebnis während seiner Zeit in Israel gewesen: "Ich habe Freundschaften geschlossen und gemerkt, wie vielfältig Europa sein kann. Das war sehr eindrucksvoll: Wir waren wie eine große Familie in Tel Aviv."

Voll in seinem Element: Bilal Hassani liebt es, unterschiedliche Looks auszuprobieren. Foto: FIFOU

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Ja, der Eurovision Song Contest, kurz ESC, ist manchmal wunderbar trashig. Ja, um die Musik geht es nur nebenbei. Aber: Seit mehr als 60 Jahren schafft der eigenwillig-kuriose Sängerwettstreit es, ganz Europa zu vereinen. Für die Dauer einer gut dreistündigen Liveshow sind Politik und völkische Unterschiede egal.

Na ja, fast. Abgesehen von einigen dauerpolitischen Konflikten, die unterschwellig aufbrechen und im gegenseitigen Punktezuschieben befreundeter Länder münden, überrascht der ESC immer wieder mit wichtigen Beiträgen zu Toleranz, Gleichberechtigung und Freiheit.

LGBTQI*-Repräsentation beim ESC: Conchita Wurst, Dana International und Bilal Hassani

Wir erinnern uns etwa an den Sieg von Conchita Wurst vor gut fünf Jahren oder Dana International, die als erste Transsexuelle den Wettbewerb für ihr Heimatland Israel im Jahr 1998 gewinnen konnte. In diesem Jahr konnte sich der junge Franzose Bilal Hassani in die Reihe denkwürdiger Auftritte beim ESC einreihen. 

Zu seinem Beitrag "Roi" trat er für den sonst so bunten und lauten Wettbewerb ungewohnt minimalistisch auf. Er weiß gekleidet, nur mit zwei Tänzerinnen, eine Ballerina deutlich abseits des gängigen Schönheitsideals einer Kleidergröße 36 und eine Tänzerin mit asiatischen Wurzeln.

Bilals Auftritt war einer der imposantesten beim diesjährigen ESC. Weil er damit ein Zeichen setzte. Dafür wofür der Gesangswettbewerb in seiner Essenz eigentlich steht: Wir können alles sein. Egal was die anderen sagen. Wir können königlich sein.

Bilal Hassani lässt sich in keine Gender-Schablone pressen

Bilal Hassani ist erst 19. Und wirkt dafür ausgesprochen reif. Der junge Franzose hat marokkanische Wurzeln, trägt einen platinblonden Bob, eine hipstereske Nickelbrille, schminkt sich und lebt offen schwul. Wenn man mit ihm redet ist er sehr ruhig, formuliert klar, was er denkt und wofür er steht.

Die Wörter "queer", "gay" oder "LGBT" erwähnt er nie. Er redet so selbstverständlich von sich und was ihn bewegt, als gebe es diese Kategorien nicht. Das ist ungewohnt, aber eigentlich auch sehr erfrischend. Bilal ist eine starke Persönlichkeit, die weiß, dass es gute und schlechte Tage gibt. Das polarisiert. In seiner französischen Heimat löste sein Sieg beim ESC-Vorentscheid eine Hass-Welle aus.

Hass, Beleidigungen und Morddrohungen, aber auch Millionen Follower

"Pädophiler", eine "Schande" für Frankreich und den Islam – mit solchen Beleidigungen in sozialen Netzwerken musste Bilal sich auseinandersetzen. Sogar Aufrufe zu Gewalt und sogar Mord bekam er. Wie geht er mit sowas um? "Das war nicht einfach. Aber ich habe versucht, dass nicht so an mich ranzulassen."

Großen Rückhalt fand er bei seinen Fans, Freunden und natürlich seiner Familie: "Die waren in der Zeit alle für mich da. Es bringt auch nicht wirklich was, auf diesen Hass einzugehen. Die haben ihre Meinung und die wollen sie weitertragen. Ich will das nicht unterstützen. Ich weiß, wofür ich stehe und wer ich bin. Ich lasse mich von so etwas nicht unterkriegen." Deswegen ist er für viele in der LGBTQI*-Szene ein Vorbild.

Mit der Rolle muss sich Bilal allerdings immer noch anfreunden: "Ich finde das schwierig und manchmal verwirrend. Ich weiß natürlich, dass ich eine besondere Rolle habe und mir viele zuschauen. Das ehrt mich. Und ich finde es gut, wenn sich andere dadurch inspiriert fühlen. Aber ich würde nie sagen, dass ich ein Vorbild für andere bin."

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Auf Youtube hat er mehr als eine Millionen Follower. Dort macht er Challenges, gibt manchmal Make-up-Tipps, singt, redet aber auch über ernste Themen. Etwa darüber, wie er sein Gymnasium wechseln musste, weil er sich als schwul outete.

Ansonsten gibt er eher wenig von sich her. Über sein Liebesleben oder Sexualität redet der sonst so offene und wortfreudige Bilal in keinem Interview. "In meinen Youtube-Videos bin ich lockerer und gebe viel von mir preis. Das ist das, was ich mit der Öffentlichkeit teilen will, und das ist gut so. Ich poste das, worauf ich Lust habe."

Da lasse er lieber seine Musik sprechen. "Wenn du zuhörst, weißt du ziemlich viel über mich, ich bin da ziemlich offen und explizit", sagt er. Damit hat er recht. In seinen Songs versteckt er sich nicht. Auf seinem Debüt "Kingdom" singt er über Eifersucht, Liebeskummer, dass er manchmal nicht ganz genau weiß, wer er ist, aber auch über wilde Partynächte.

Dabei ist er so vielseitig, wie wohl sein Kleiderschrank. Wer Bilal kennt, weiß, dass der 19-Jährige es liebt unterschiedliche Styles auszuprobieren. Genauso klingt seine Musik. Pop trifft auch elektronisch-orientalische Einflüsse, manchmal gibt es sogar Einflüsse aus französischem Hip-Hop, R&B und Latino. Er liebt es zu experimentieren, er versteht das als Ausdruck seiner Persönlichkeit.

Französischer Hip-Hop, Elektro, R&B mit Latino-Einflüssen

"Es ist meine erste Platte, ich will der Welt zeigen, was ich kann – auch wie vielfältig ich sein kann. Deswegen vereint die Platte auch so viele Stile und Genres. Das sind alles Sachen, mit denen ich mich identifizieren kann", erklärt er.

Selbstbewusster als manch ein gestandener Künstler bei seiner dritten oder vierten Platte. Deswegen habe er sein Album auch "Kingdom", also Königreich, genannt: "Ich bin vielfältig. Und auch ein Königreich ist vielfältig. Es ist eben ein Einblick in meine Welt. Ich finde, das passt ganz gut."

Dabei entpuppt er sich allerdings manchmal als ein echter Perfektionist. Manchmal arbeite er an Songs ewig lange, bis sie genauso sind, wie er es sich vorstellt. "Ich schreibe sehr, sehr, sehr viele Songs. Immer wenn mir etwas einfällt. Nicht alles ist gut. Manches sollte am besten nie jemand hören", sagt er. "Aber bei anderen Sachen merke ich direkt: Das ist was Besonderes." Alle Songs, die es auf das Album geschafft hätten, seien solche Stücke gewesen. Sie sind ein Teil von ihm, sagt er.

 "Basic", Track Nummer zehn, habe es ihm besonders angetan: "Das ist mein Lebensmotto als Song. 'Don’t be basic, be fantastic'. Der Song hat einen tollen Vibe." Seine Liebe zum Außergewöhnlichen merkt man in jedem Moment. Wenn man mit ihm redet, wenn man seine Musik wählt. Er redet sehr bildhaft, mit vielen Einschüben und es wirkt, als käme alles direkt aus ihm heraus. Aber er gibt auch den nachdenklichen Bilal. So wie in der Ballade "The Flow".

Bilal Hassani wirklich manchmal wie die französische Version von Tokio-Hotel-Bill

"Wenn man mir vor ein paar Jahren gesagt hätte, dass ich so einen Song machen würde, hätte ich das nicht für möglich gehalten. Er ist ruhig und hat trotzdem viel Kraft. Er erzählt von einem universellen Gefühl, wenn du eben nicht mehr kannst und dich einfach hingeben musst", erläutert er. Ein Gefühl, das Bilal gut kennt.

Seine Stücke wirken internationaler als bei manch anderen französischen Popkünstlern, manchmal klingt er wie eine französische Version von Tokio Hotel, die eben auch den Gangster-Rap gecheckt hat. Vielleicht kommt das auch daher, das Bilal auf Französisch und Englisch textet. "Ich bin mit beiden Sprachen aufgewachsen, so rede ich auch. Das will ich in meiner Musik nicht verstecken. Es kommt einfach, wie es kommt: Das hat nichts damit zu tun, dass ich will, dass noch mehr meine Message verstehen."

Wenn er noch mehr Sprachen könnte, würde er wahrscheinlich in allen singen. Je länger unser Gespräch mit Bilal andauert, desto mehr gewinnt man den Eindruck, dass Musik sein Leben ausmacht. "Musik war immer wichtig für mich", sagt er. Mit ihr konnte er sich ausdrücken, ohne Grenzen zu spüren.

Ein intergalaktischer Star

"Als ich fünf Jahre alt war, habe ich meiner Maman gesagt, ich möchte ein intergalaktischer Star werden und auf dem Mars auftreten. Da wusste sie, dass ich es ernst meine, und hat mich zum Gesangsunterricht angemeldet", erinnert er sich. Die vielleicht witzige Anekdote klingt ein bisschen übertrieben, als habe er zu viel David Bowie gehört, aber genauso sei sie passiert. "Ich mochte es schon immer, im Mittelpunkt zu stehen. Als kleines Kind habe ich Shows für meine Familie aufgeführt. Ich kann nicht anders."

In anderen Interviews bezeichnet Bilal seine Mutter oft als seine erste beste Freundin. Kein Wunder, hatte sie doch auch seinen Musikgeschmack nachhaltig beeinflusst. Von klein auf habe er viel Queen und David Bowie gehört. "Sie waren sehr expressiv und haben ihr Ding als Künstler durchgezogen, egal was andere manchmal dachten. Das imponiert mir", so Bilal. 

Auch wenn Bilal bereits zu Beginn unseres Gespräches klar machte, dass er nicht über sein Privatleben redet, zwischendurch schimmert dann sein Innenleben in den Antworten doch durch. Es geht immer darum, sein Ding durchzuziehen, man selbst zu sein.

Das merkt man auch als er eine kleine Anekdote aus seiner frühen Teenagerzeit erzählt: "Ich hatte ein Mixtape mit TLC, Destiny‘s Child, Salt ‚n‘ Peppa und so drauf, eben allen R&B-Ikonen der Nullerjahre. Das war damals ja auch was Besonderes, das Frauen sich so in den Vordergrund gespielt haben mit ihrer Kunst."

Idole? Lady Gaga, TLC, Destiny's Child

Das spiegelt sich auch in einem anderen großen Idol von Bilal wider: Lady Gaga. "Erinnerst du dich noch an das Social Network, dass sie hatte?", fragt Bilal und redet direkt weiter, ohne Punkt und Komma, wie in seinen YouTube-Videos: "Ich war dort. Ich war ein totaler Fan. Ich war ein Monster. Ich finde sie als Künstlerin sehr beeindruckend. Sie zeigt, dass man immer man selbst sein kann."

Lady Gaga hat auch seine Liebe zu Mode entflammt. Wenn man Bilals Video von "The Voice Kids" sieht, als er in den Blind Auditions Conchita Wursts "Rise Like A Phoenix" singt, sieht er aus wie ein ganz normaler Junge. Kurzes Haar, Karohemd und Brille – singt aber schon damals, als ob es nichts anderes für ihn gebe.

Inzwischen ist er modisch sehr viel ausgefallener unterwegs. Style und Fashion sind für ihn extrem wichtig, er könne damit zeigen, wie er sich fühle und wer er sei. Wenn er will, dass es glitzert, dann trägt er eben etwas mit Glitzer. Wenn er kurze Haare tragen will, fein. Will er lange? Dann kommen eben Extensions zum Einsatz.

Auch das war ein Prozess für ihn: "Ich habe keine Regeln. Ich finde es wichtig, sich so auszudrücken, wie man gerade möchte. Wenn ich gerade Lust habe, schrill aufzutreten, dann ist das eben so." Das bedeutet aber nicht, dass er immer in den krassesten Looks auflaufen muss: "Es gibt natürlich auch Tage, da laufe ich total langweilig rum, so wie jeder andere auch. Weil mir danach ist. Und das ist dann auch gut so. Man kann nicht immer jeden Tag übertreiben. Aber ab und an, tut das gut."

Bilal Hassanis Album ist im Mai erschienen. Foto: FIFOU

"IDENTITY" by NOIZZ – ein neues Videoformat geht an den Start

Mit "IDENTITY" launcht im Juli 2019 eine spannende Videoreihe. Wir zeigen euch Menschen, die trotz gesellschaftlichem Gegenwind kompromisslos zu sich stehen. Menschen, die für ihre Identität kämpfen – und den Mut haben, sich genau so zu zeigen, wie sie sind.

Die erste Folge mit Trans*Frau und YouTuberin Raffaela Zollo kannst du dir hier anschauen:

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Quelle: Noizz.de